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26.09.2012

19:50 Uhr

Hochfrequenzhandel

EU-Parlament will Blitzhändler an die Kette legen

Die Bundesregierung hat einen Gesetzesentwurf zur Regulierung des Hochfrequenzhandels verabschiedet. Damit soll der schnelle Börsenhandel ausgebremst werden. Weitaus weit reichender ist ein Vorhaben des EU-Parlaments.

Börsianer im Innenraum der Börse in Frankfurt. dpa

Börsianer im Innenraum der Börse in Frankfurt.

BerlinMit ihrer Regulierung des umstrittenen Hochgeschwindigkeitshandels an den Börsen springt die Bundesregierung nach Auffassung der Opposition und des Europäischen Parlaments viel zu kurz. In ihrem am Mittwoch verabschiedeten Gesetzentwurf verzichtet die schwarz-gelbe Koalition auf eine Mindesthaltefrist für Börsenaufträge, die den Hochfrequenzhandel massiv ausbremsen würde. Eine solche Frist fordern dagegen das Europaparlament und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) in seinem Konzept zur Finanzmarktkontrolle. Sein Nachfolger Wolfgang Schäuble warnte vor Übertreibungen: „Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten“, sagte er. „Wir brauchen leistungsstarke Finanzplätze in Deutschland, sonst hat die Wirtschaft keine Wachstumschancen.“

Das Bundeskabinett brachte einen Gesetzentwurf auf den Weg, der unter anderem eine Zulassungspflicht für die Betreiber superschneller Handelscomputersysteme vorsieht. Diese durchforsten die Börsenkurse auf minimale Kursdifferenzen, aus denen sie dann mittels unzähliger Handelsaufträge binnen Sekundenbruchteilen Profit schlagen. Mit dem Regulierungsgesetz ist Deutschland Vorreiter in der Europäischen Union. Auf den Computerhandel entfallen mittlerweile 40 Prozent der Börsenumsätze, in den USA dürften es rund 70 Prozent sein.

Die größten Börsenpannen

Nasdaq lahmgelegt

Ein Softwarefehler führt dazu, dass die US-Börse Nasdaq im August 2013 einige Stunden den Handel komplett einstellen muss. Nach der Wiederaufnahme des Handels steigt der Markt – die Aktie des Börsenbetreibers aber verliert.

Dow Jones (2013)

Am 23. April 2013 meldete der Twitter-Account der US-Nachrichtenagentur eine Explosion im Weißen Haus. Die Meldung war jedoch falsch – Hacker hatten das Nutzerkonto übernommen. Dennoch brach die Börse innerhalb von Sekunden um mehr als ein Prozent ein. Möglicher Grund: Computer werteten die Meldung als wahr und lösten Verkaufssignale aus.

Kraft-Aktie (2012)

4. Oktober 2012: Die Nasdaq und mehrere andere Börsen haben nach einem ungewöhnlichen Kurssprung von Kraft Foods einen Teil des Handels mit der Aktie annulliert. Grund für den plötzlichen Anstieg der Papiere von 45,55 auf 58,54 Dollar war nach Angaben der US-Technologiebörse der Fehler eines Börsenmaklers. Nähere Angaben machte sie nicht. „Die Systeme von Nasdaq haben normal funktioniert und der Prozess der Industrie zum Umgang mit solchen Angelegenheiten verlief wie geplant“, hieß es in einer Erklärung.

Software-Panne bei Knight Capital (2012)

Durch einen Fehler hatte die Knight-Software enorm viele Orders platziert, die heftige Kursschwankungen auslösten. Dem Treiben konnte erst nach einer Dreiviertelstunde ein Ende gesetzt werden. In dieser Zeit hatten sich bereits 440 Millionen Dollar Verlust angehäuft, die das US-Brokerhaus fast zum Zusammenbruch brachten.

Das Facebook-Desaster (2012)

Die Erfolgsstory von Facebook bekam an der Börse einen starken Dämpfer. Nach gravierenden Pannen im Handelssystem der Technologiebörse Nasdaq in New York stürzte der Kurs des Börsenneulings rapide in die Tiefe. Beteiligte Firmen erlitten Millionen-Verluste. Die Schweizer Großbank UBS, die 290 Millionen Euro verlor, drohte sogar mit einer Klage gegen die Börse.

Pannen-Start für BATS (2012)

Die Erstnotiz der drittgrößten US-Börse BATS Global Markets im März 2012 endete mit einem Totalschaden. Die neuen BATS-Aktien sackten innerhalb weniger Minuten von 16 Dollar auf unter einen Cent. Schuld daran war eine neue Software. BATS musste die falschen Transaktionen zurücknehmen - und nahm dabei die eigenen Aktien gleich mit von der Börse

Fünf-Minuten-Chaos bei der Citigroup durch Kursrutsch

Die Aktien der Citigroup fielen im Juni 2010 nach Massenverkäufen durch elektronische Handelssysteme zeitweise um 17 Prozent. Doch da die Börsenaufsicht SEC nach dem „Flash Crash“ bereits zuvor beschlossen hatte, Aktien aus dem Index S&P 500 vom Handel auszusetzen, falls diese innerhalb von fünf Minuten mehr als zehn Prozent steigen oder fallen, stoppte das Sicherungssystem den Kursrutsch. Der Handel stand fünf Minuten lang still. Am Ende des Tages lag die Citigroup-Aktie sieben Prozent im Minus.

Flash Crash, 2010

Der „Flash Crash“ wurde im Mai 2010 durch den Hochfrequenzhandel ausgelöst: Durch einen blitzartigen Kurseinbruch lösten sich innerhalb weniger Minuten fast eine Billion Dollar Marktwert in Luft auf. Der Kurs des Dow Jones fiel um rund 1.000 Punkte. Einige Aktien verloren in der Zeit rund die Hälfte ihres Wertes. Der Spuk dauerte eine halbe Stunde lang an. Der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Tausende Transaktionen binnen Millisekunden durch Computer ausgelöst werden, stand schon vorher in der Kritik.

Strafe für Morgan Stanley (2007)

Morgan Stanley musste im Februar 2007 für den Fehler eines Händlers 300.000 Dollar Strafe an die Börse New York zahlen. Der Banker wollte einen Order über 100.000 Wertpapiere abgeben, übersah aber automatischen Multiplikator von 1000. Dementsprechend hatte seine Order einen Wert von 10,8 Milliarden Dollar statt der gewünschten 10,8 Millionen Dollar. Erst nachdem Aktien im Wert von 875,3 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatten, wurde der Fehler bemerkt. Die Bank hat die Handelsvorschriften am Desk seitdem deutlich verschärft.

Football vermasselt 50 Millionen Dollar Deal

Ein äußerst ungewöhnliches Missgeschick passierte einem Händler der Bank of America im September 2006. Er wartete auf die Anordnung seines Vorgesetzten, um einen fertig vorbereiteten Deal über 50 Millionen Dollar abzuschließen. Es fehlte nur noch der Druck auf die Enter-Taste. Während er wartete, warf ein Trainee einen Football durch den Raum und traf die Tastatur, inklusive der Enter-Taste.

Milliarden statt Millionen, 2002

Ein Händler von Bear Stearns verzählte sich im Oktober 2002 beim Verkauf von Aktien bei den Nullen und handelte sie für vier Milliarden Dollar anstelle von vier Millionen. Bevor der Vertipper auffiel, gingen bereits Wertpapiere im Wert von 600 Millionen Dollar an neue Besitzer. Dadurch sank der Leitindex Dow Jones um 2,3 Prozent.

100 Millionen für Verdreher

Im Dezember 2001 begleitete UBS Warburg den Verkauf neuer Aktien des japanischen Unternehmens Dentsu. Ein Händler vertippte sich und verkaufte statt 16 Dentsu-Aktien zu 600.000 Yen 610.000 Aktien zu je 6 Yen. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte die USB dadurch 61.915 Aktien, was etwa der Hälfte des Emissionsvolumens entspricht. Die UBS verlor durch die Panne 100 Millionen Dollar, weil sie die Aktien zum Marktpreis zurückkaufen musste.

Lehman Banker verkauft zu viel (2001)

Ein Händler der Investmentbank Lehman Brothers verkaufte 2001 aus Versehen hundertmal mehr Aktien als er wollte. Darunter waren auch Schwergewichte wie AstraZeneca und BP. Der Banker vernichtete damit zeitweise 30 Milliarden Pfund an Börsenwert.

Tippfehler mit Folgen (1999)

Ein Aktienhändler der UBS gab im Januar 1999 zu viele Nullen in seinen Rechner ein und handelte damit innerhalb von nur zwei Minuten zehn Millionen Aktien des Pharmakonzerns Roche, obwohl nur sieben Millionen Stück existierten. Das Handelsvolumen überstieg die Marktkapitalisierung von Roche um knapp die Hälfte.

Der Schwarze Montag (1987)

Am 19. Oktober 1987 bricht der Dow Jones um fast 23 Prozent auf 1.728 Punkte ein, der größte prozentuale Tagesverlust in der Geschichte des Index. Der seinerzeit beliebte Programmhandel - eine Art Vorläufer des heutigen Algo-Tradings - hat den Absturz noch verschlimmert.

Ziel der Bundesregierung sei es, Übertreibungen und Missbrauch zu bekämpfen, sagte Schäuble. Dazu würden etwa die Möglichkeiten der Aufsichtsbehörden und der Börsen gestärkt, den Handel bei ungewöhnlichen Kursschwanken zu unterbrechen. Zudem sollen Handelspraktiken wie „Scalping“ eingedämmt werden. Dabei wird versucht, Kurse durch irreführende Handelssignale zu beeinflussen. In der Vergangenheit hat der Hochfrequenzhandel wiederholt schwere Börsenturbulenzen ausgelöst. So waren beim „Flash Crash“ am 6. Mai 2010 an der Wall Street die Kurse binnen Minuten abgestürzt. Die Ursache war ein fehlerhafter Handelsauftrag, dessen Effekt die Super-Rechner verstärkten.

Hochfrequenzhandel: Berlin nimmt Computerhandel in die Zange

Hochfrequenzhandel

Berlin nimmt Computer-handel in die Zange

Mit einem neuen Gesetzesentwurf soll auch die EU zum Handeln gedrängt werden.

Von einem Verbot des Hochfrequenzhandels ist die Regierung weit entfernt. Auch eine Haltefrist für Börsenorders ist nicht in dem Gesetz vorgesehen. Der Vorschlag des Europäischen Parlaments für die EU-Gesetzgebung geht hier deutlich weiter: Die Abgeordneten fordern, dass ein Auftrag mindestens 0,5 Sekunden bestehen bleiben muss. Der zuständige Ausschuss verabschiedete diese Position am Nachmittag einstimmig, sie soll aber auch noch vom Gesamt-Plenum abgesegnet werden. Die Entscheidung sei ein gutes Signal dafür, dass die Verbraucher besser geschützt würden, sagte der Verhandlungsführer der Abgeordneten, Markus Ferber (CSU). Wie weit sich das Parlament damit durchsetzen kann, wird sich in den Verhandlungen mit den Mitgliedsstaaten zeigen, die noch in diesem Herbst beginnen sollen. Die EU-Richtlinie Mifid II, die auch den Hochfrequenzhandel stärker reguliert, soll ab 2014 gelten.

Kommentare (10)

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piano

26.09.2012, 11:14 Uhr

Was nützt es da, wenn die Regierung in Berlin so einen im Prinzip sinnvollen, so aber wirkungslosen Schritt tut? Denn die anderen Börsen ermöglichen es ja noch und online ist man überall auf der Welt in: einer Sekunde.

Scheingesetz

26.09.2012, 11:38 Uhr

Warum einfach, wenn´s auch kompliziert geht!

Es wäre doch viel einfacher, eine (kleine) Transaktionssteuer auf ALLE Börsengeschäfte einzuführen, die die Wirtschaftlichkeit von betrügerischen Computertransaktionen im Hochfrequenzbereich automatisch zunichte macht. Aber - wie gesagt - das wäre ja viel zu einfach für unsere Schlaumeier in Parlament und Regierung.

Account gelöscht!

26.09.2012, 14:20 Uhr

"Die Bundesregierung prescht in der EU mit einem neuen Gesetz zur Regulierung des umstrittenen superschnellen Computerhandels voran."

Prescht voran? Das ist doch wohl ein schlechter Witz. Unsere Kanzlerdarstellerin wollte die bösen Märkte schon vor knapp 3 Jahren an die Leine legen. Wirklich ein ganz enormes Tempo.

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