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17.03.2011

09:44 Uhr

Insider-Handel

Profi-Anleger mit lukrativem Informantennetz

VonAstrid Dörner

Wall-Street-Krimi vor Gericht: In den USA haben sich 19 Börseninsider schuldig bekannt, geheime Informationen an einen gewieften Händler weitergegeben zu haben. Der machte mit Hilfe des Insider-Wissens Millionengewinne.

Raj Rajaratnam vor Gericht: Dem Hedgefonds-Gründer wird umfangreicher Insider-Handel zur Last gelegt. Quelle: Reuters

Raj Rajaratnam vor Gericht: Dem Hedgefonds-Gründer wird umfangreicher Insider-Handel zur Last gelegt.

New York Der Mann am anderen Ende der Leitung spricht ungeniert drauflos. Ja, die Gerüchte seien wahr. Goldman Sachs überlege, die US-Bank Wachovia zu übernehmen. „Das war eine große Diskussion im Verwaltungsrat“, sagt er und fügt wenig später hinzu: Das Goldman-Management sei eine opportunistische Gruppe. „Wenn Wachovia ein guter Deal ist, dann kann es schon sein, dass sie Wachovia kaufen.“ „Oder sogar AIG, stimmt’s?“, will der Anrufer wissen. „Oder AIG, ja.“ Der Mann, der die Antworten gibt, ist Rajat Gupta. Am 29. Juli 2008, als das Gespräch stattfindet, sitzt der ehemalige Chef der Unternehmensberatung McKinsey im Verwaltungsrat von Goldman Sachs.

Die US-Wirtschaft ist auf dem Weg in die größte Finanzkrise seit der Großen Depression und die renommierte Investmentbank diskutiert über ihre nächsten großen Schritte. Sollen die Banker die Geschäftsbank Wachovia übernehmen, deren Chef früher bei Goldman Sachs war? Oder doch den Versicherungsriesen AIG, mit dem die Bank seit Jahren Geschäfte macht und der durch die Krise geschwächt ist?

Es sind die großen Geheimnisse von Goldman Sachs, die Gupta gerade ausplaudert. Der Anrufer ist Raj Rajaratnam, damals ein erfolgreicher Hedge-Fonds-Manager mit hervorragenden Kontakten in die obersten Machtzirkel mehrerer Unternehmen. Nun sitzt Rajaratnam auf der Anklagebank in einem Gericht im südlichen Manhattan. Er soll im großen Stil mit Insiderinformationen gehandelt und so illegale Gewinne in Millionenhöhe gemacht haben, lauten die Vorwürfe. Hunderte seiner Telefonate mit Informanten hat die Staatsanwaltschaft aufgezeichnet. Sie offenbaren einen seltenen Einblick in ein über Jahre hinweg gepflegtes Netz voller geheimer Informanten, das sich über die verschiedensten Bereiche der Wall Street und Amerikas Unternehmenswelt zieht. Insgesamt 26 Männer und Frauen wurden verhaftet, darunter Analysten, Anwälte und Fondsmanager. 19 haben sich schuldig bekannt und kooperieren mit der Staatsanwaltschaft.

Einer davon ist Anil Kumar. Bis zu seiner Verhaftung war der indisch-stämmige Kumar Partner bei McKinsey und pflegte einen engen Kontakt zu Rajaratnam, der gebürtig aus Sri Lanka kommt. Tagelang saß der Berater im Zeugenstand, nur wenige Meter entfernt von seinem ehemaligen Geschäftsfreund, und packte aus. Er habe den Hedge-Fonds-Manager mit teilweise „strengvertraulichen“ Informationen versorgt, die er über seine Beratermandate und seine Kollegen bekommen habe – etwa über eine milliardenschwere Beteiligung eines Staatsfonds aus Abu Dhabi am US-Chiphersteller AMD – was Rajaratnam mit geschickten Aktienkäufen zu illegalen Gewinnen verhalf. Bezahlen ließ sich Kumar unter anderem über ein Depot in Rajaratnams Fonds, das aus steuerlichen Gründen auf den Namen seiner indischen Haushälterin ausgestellt war.

Ebenfalls ausgepackt hat die Hedge-Fonds-Managerin Danielle Chiesi, die offensichtlich gleichzeitig ein Verhältnis mit einem Vorstand von IBM und dem Chef von AMD hatte. So kam sie an Informationen, die sie mit Rajaratnam teilte.

Rajaratnam selbst hält sich für unschuldig. Er habe lediglich Informationen über die Aktien gesammelt, in die er investieren wollte, argumentieren seine Anwälte. In ein paar Wochen wird die Jury entscheiden.

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