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27.05.2014

14:22 Uhr

Interview mit Herbert Walter

„Wir brauchen keine Regenmacher“

VonOliver Stock, Jessica Schwarzer

Das Vertrauen in Banker ist noch immer angeschlagen. Doch Herbert Walter glaubt nicht, dass es zu spät ist für eine Wende. Der eigentliche Kulturwandel wird erst noch kommen und er wird vom Kunden erzwungen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

DüsseldorfKnapp drei Jahre lang war Herbert Walter Kolumnist bei Handelsblatt Online. Jetzt Übernimmt er den wichtigen Aufsichtsratsvorsitz bei der österreichischen Hypo-Alpe-Adria-Gruppe und schreibt nicht mehr als ständiger Kolumnist für Handelsblatt Online. Im Interview blickt er zurück – und nach vorn.

Wenn Sie Bilanz ziehen: Wie sind ihre Erfahrungen als Kolumnist?
Mir hat es wirklich Spaß gemacht, in einer bewegten Zeit jede Woche eine Kolumne zu schreiben. Ich musste das Geschehen an den Märkten wie in der Politik viel genauer beobachten und analysieren und dann natürlich selbst auch zu einer dezidierten Meinung kommen. Ja, ich war auch überrascht, wie viele Reaktionen es im Online-Geschäft gibt, meist sachlich, aber manchmal auch sehr emotional.

Sie begleiten intensiv die Entwicklung in der Bankenbranche. Dort ist von einem Kulturwandel die Rede. Wie glaubwürdig sind die Anstrengungen der Banken, sich im Sinne der Kunden zu ändern?
Der eigentliche Kulturwandel wird erst noch kommen, er wird vom Kunden erzwungen. Immer mehr Kunden beginnen seit der Finanzkrise, sich um ihr Geld viel stärker selbst zu kümmern. Wo vorher der Berater schon mal nachhelfen musste, um ein Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen, wird im Internetzeitalter der Kunde selbst immer aktiver. Er kann die Angebote und Produkte ganz einfach im Netz vergleichen und er sieht, dass er oft zu viel zahlt oder für sein Geld zu wenig bekommt. Der Kunde wird viel fordernder, das wird die traditionellen Finanzdienstleister unter Druck bringen und zu einer neuen Kultur mit einem starken Kundenfokus führen.

Geht die Börsenrally weiter?

Wie reagieren die Börsen auf den Wahlausgang in Europa?

Die Anleger scheinen recht unbeeindruckt von den Wahlerfolgen der Eurokritiker. „Das ist sicherlich ein Schock für Europa“, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. „Für das Europäische Parlament als gesamtes gilt aber: Die etablierten Parteien verfügen über mehr als zwei Drittel der Sitze. Der pro-europäische Kurs in Straßburg ist also nicht gefährdet.“ Der Eurokurs stieg am Tag nach der Wahl, an wichtigen europäischen Börsen ging es aufwärts, der Dax erreichte am Montag zwischenzeitlich ein Rekordhoch. Kornelius Barczynski vom Brokerhaus GKFX hält es sogar für möglich, dass der deutsche Leitindex noch in dieser Woche über die 10 000-Punkte-Marke springt.

Was bedeutet das Wahlergebnis für den Fortgang der Euro-Schuldenkrise?

Zunächst ändert die neue Zusammensetzung des EU-Parlaments nicht viel am Brüsseler Krisenkurs. Akuten Handlungsbedarf gibt es derzeit ohnehin nicht. Die Sorgenkinder Spanien, Irland und Portugal haben den Euro-Rettungsschirm bereits verlassen. Sie und andere potenzielle Krisenländer kommen am Kapitalmarkt längst zu deutlich günstigeren Konditionen an frisches Geld, als in der Hochzeit der Krise. Griechenland ist zumindest symbolisch an die Finanzmärkte zurückgekehrt. Selbst wenn Athen weitere Hilfe benötigen würde, läge die Entscheidung darüber bei den Mitgliedsstaaten und nicht beim EU-Parlament.

Können Eurokritiker die bisherige Politik woanders stören?

Interessant dürfte es werden, wie die französische Regierung auf den Erfolg der rechten Front National reagiert. Präsident François Hollande wird sich überlegen müssen, wie er enttäuschte Wähler zurückgewinnt. Ließe er sich von den Rechten in Eurofragen zu Untätigkeit verleiten, könnte das auf absehbare Zeit die gesamte EU lähmen. Denn Frankreich hat seit geraumer Zeit selbst Probleme mit seiner Staatsverschuldung - und leidet zugleich unter einer ausgeprägten Konjunkturschwäche.

Haben die Wähler in den Eurokrisenländern der EU einen Denkzettel verpasst?

In Griechenland ist es bei der Europawahl eindeutig so gekommen: Die EU-kritische, radikallinke Syriza wurde stärkste Kraft. Europafeindlich ist Syriza allerdings nicht: Sie kritisieren zwar scharf die internationalen Sparvorgaben, wollen aber zum Beispiel nicht mehrheitlich aus der Eurozone austreten. Im ebenfalls wirtschaftlich nicht gerade florierenden Italien entschieden die Wähler anders: In der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, holte die Partei des als reformfreudig und proeuropäisch geltenden Premierministers Matteo Renzi mehr als 40 Prozent der Stimmen. Der italienische Aktienindex legte daraufhin kräftig zu, italienische Staatsanleihen waren bei Anlegern gefragt.

In der Ukraine gewann der Petro Poroschenko die Präsidentenwahl deutlich. Sind die Börsen erleichtert?

Ja, das eindeutige Votum hat für Entspannung an den Märkten gesorgt. Zum Beispiel gab der Ölpreis merklich nach, was Händler vor allem als Folge der Entspannung zwischen Kiew und Moskau werteten. Die Ukraine ist ein wichtiges Transitland für Energielieferungen in den Westen. Deshalb reagiert der Ölmarkt stark auf die Entwicklung im Ukraine-Konflikt. Der relativ klare Ausgang der Präsidentschaftswahl in dem Land dürfte die Stimmung stützen, sagte Jan Bottermann, Chefvolkswirt bei der National-Bank.

Was treibt die Märkte im Moment am meisten?

Entscheidender Treibstoff für die Aktienkurse sind weiterhin Spekulationen über weitere geldpolitische Lockerungen der EZB. In der kommenden Woche könnte Zentralbankchef Mario Draghi eine weitere Senkung der Leitzinsen verkünden. Andeutungen in diese Richtung macht Draghi bereits seit Tagen. Damit würde noch mehr billiges Geld in Umlauf kommen. Die EZB fürchtet, dass die extrem niedrige Inflation in eine gefährliche Deflation umschlägt - weil Investoren und Konsumenten in Erwartung weiter sinkender Preise weniger kaufen und investieren. Das könnte die - in weiten Teilen Europas ohnehin lahmende - Wirtschaft weiter schwächen. Für Anleger bedeuten niedrigere Zinsen vor allem steigende Aktienkurse. Den denn wenn Staatsanleihen, Sparbuch und Festgeld fast nichts mehr abwerfen, sind Aktien stärker gefragt.

Wie hat sich der Berufsstand des Bankers aus Ihrer Sicht in den vergangenen drei Jahren gewandelt?
Der Lack ist ab, jede Menge Vertrauen ist verloren gegangen. Aber es ist nicht zu spät für eine Wende. Was wir brauchen, sind nicht Regenmacher, sondern solide Banker, die nur das versprechen, was sie auch liefern können.

Strukturierte Produkte kehren zurück, die Finanztransaktionssteuer fällt schmal aus, das Investmentbanking wird bei deutschen und US-Banken unverändert in den Vordergrund gerückt: Kehrt die alte Bankenwelt zurück?
Die alte Welt der Banken wird nicht zurückkehren, dafür sorgen schon Innovationen und neue Wettbewerber außerhalb des Bankenbereichs. Was mir große Sorgen macht, sind deutliche Anzeichen dafür, das neue Blasen entstehen, vor allem getrieben durch die Politik der Zentralbanken. Nach den vielen Krisenjahren im neuen Jahrhundert müssen wir wirklich alles tun, damit es nicht in Kürze erneut an den Märkten blitzt und donnert. Ich bin sicher, in einem solchen Fall würde das gesamte Finanzsystem an den Pranger gestellt werden.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

27.05.2014, 15:25 Uhr

Blitz und Donner? Eher ein nuklerar Blitz als ein laues Wetterleuchten. Die nächste Krise ist die letzte, die Fehler im Geldsystem sind viel zu fundamental als dass sie mit ein paar halbwarmen, filigranen Korrektürchenen (die teilweise noch nicht mal diesen Namen verdienen) beseitigbar wären. Nachzulesen inzwischen in hunderten Büchern und überall im Internet.

Klar, wer hier selber als Teil des Systems kräftig mitverdient...mitnehmen was geht und rechtzeitig von der Titanic abspringen. Darüber offen reden? Na bestimmt nicht. In diesem Sinne "gute Reise"

Account gelöscht!

28.05.2014, 09:56 Uhr

".....und er wird vom Kunden erzwungen."

Das hab ich bei den Ex-"Hausbesitzern" in den USA gesehen !

Krankes, perverses System !!! Zuwider diese dummschwätzigen Typen dieser Finanzbranche !

ABER, in der Politik haben diese kranken Typen eine starke Lobby !

Voraussetzung, eine dumme, gutgläubige Kundschaft und die richtigen "Volksvertreter" !

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