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13.06.2012

09:58 Uhr

James Turk im Interview

„Der letzte Rest an Vertrauen geht verloren“

VonJörg Hackhausen

Unser Geld wird dramatisch an Wert verlieren, meint James Turk. Im Interview erklärt der Edelmetall-Experte, warum er mit einer Währungsreform rechnet und wieso er auf Gold schwört.

James Turk ist Gründer der Edelmetall-Handelsplattform GoldMoney.

James Turk ist Gründer der Edelmetall-Handelsplattform GoldMoney.

Mr. Turk, Sie warnen vor dem großen Crash. Wann wird es denn soweit sein?
Ich kann nicht sagen wann, auch nicht, was der Auslöser sein wird. Wird es der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone sein, der Kollaps einer spanischen Bank? Ich weiß es nicht. Auch im Sommer 2008 wusste noch niemand, dass es die Pleite von Lehman Brothers sein würde, die alles zum Einsturz bringt. Aber jeder hatte eine Ahnung, dass etwas passieren wird. Diesmal ist es wieder so. Wir alle ahnen, dass etwas sehr Unschönes auf uns zukommt.

Rechnen Sie mit einem ähnlichen Absturz wie 2008?
Nach der Lehman-Pleite hatten wir es mit einer Liquiditätskrise zu tun. Banken gaben keine Kredite mehr, weil sie Angst hatten, dass sie das Geld nicht zurückbekommen würden. Es fehlte an Liquidität. Die Folge: Um an Geld zu kommen, verkauften Investoren alles, was sie im Portfolio hatten, auch Gold. Heute ist die Situation anders: Die Notenbanken haben die Märkte mit Geld überflutet. Liquidität gibt es im Überfluss. Diesmal geht es nicht darum, ob man sein Geld zurückbekommt, sondern darum, ob es in Zukunft überhaupt noch etwas wert sein wird. Diese Angst ist viel gefährlicher.

Wo liegen die Ursachen der Krise?
In den Boom-Jahren wurde zu viel Geld verliehen, zu viele Schulden angehäuft. Dieses Problem wurde in den vergangenen vier Jahren nicht gelöst. Viele Staaten haben ein Maß der Verschuldung erreicht, das nicht mehr tragbar ist. Manche Staaten sind bereist kollabiert, beispielsweise Island, Dubai oder Griechenland. Spanien oder Italien werden folgen. Der Punkt an dem es nicht mehr weitergeht, ist bald erreicht.

Was Sie über Gold wissen sollten

Was ist Gold?

Gold ist ein seltenes Metall mit einem Schmelzpunkt von 1064 Grad Celsius. Der Siedepunkt liegt bei 2856 Grad. Die chemische Abkürzung für Gold ist „Au“ und stammt vom lateinischen Wort „Aurum“ ab. Es hat mehrere Eigenschaften, die es für die Menschheit über die Jahre nützlich gemacht hat. Gold leitet extrem gut. Außerdem reagiert es nicht mit Wasser oder Sauerstoff.

Wie viel Gold wurde in der Geschichte gefördert?

Nach Schätzungen wurden in der gesamten Menschheitsgeschichte bis heute um die 166.600 Tonnen Gold aus Minen geholt. Ein Großteil davon – etwa zwei Drittel – seit 1950.

Wie viel Gold gibt es noch auf der Erde?

Die letzten Zahlen der US Geological Society gingen im Januar 2011 von weltweit 51.000 Tonnen aus.

Wie viel Gold wird pro Jahr abgebaut?

In den vergangenen Jahren waren es etwa 2.500 Tonnen pro Jahr.

Wo wird weltweit am meisten Gold abgebaut?

Überall auf der Welt wird Gold gewonnen. Aber beinahe ein Drittel des Goldes wird in nur drei Ländern abgebaut. An der Spitze liegt China mit 13,1 Prozent, darauf folgen die USA und Australien mit jeweils 9,1 Prozent.

Was passiert mit dem Gold?

29 Prozent des abgebauten Goldes kommt im Investmentbereich zum Einsatz, also in Form von Münzen und Barren. Aus 59 Prozent wird Schmuck gemacht. 12 Prozent wird von der Industrie verarbeitet.

Wo sind die größten Absatzmärkte für Gold?

Mit 1059 Tonnen ist Indien der mit Abstand größte Absatzmarkt für physisches Gold (Münzen, Barren, Schmuck). Dahinter liegt China mit 770 Tonnen. Im Vergleich dazu abgeschlagen sind die USA mit 213 Tonnen und Deutschland mit 154 Tonnen.

Quelle: World Gold Council

Wer sind die größten Goldbesitzer?

Größte Goldbesitzer sind die Notenbanken. Die Vereinigten Staaten sitzen auf rund 8.100 Tonnen, gefolgt von Deutschland mit 3.400 Tonnen und dem Internationalen Währungsfonds mit 2.800 Tonnen. Die Notenbanken waren über Jahre Netto-Verkäufer. Seit dem vergangenen Jahr sind sie jedoch wieder Netto-Käufer. Das Interesse kommt vor allem aus den Schwellenländern.


Die Notenbanken haben den großen Crash bislang verhindert.
Die Notenbanken sind Teil des Problems. Sie bekämpfen die Schuldenkrise, indem sie noch mehr Geld drucken. Die einzige Strategie ist: Zeit gewinnen und irgendwie durchhangeln, oder wie wir sagen: ‚Kicking the can down the road‘. Damit wird der finale Kollaps aber nicht verhindert, sondern nur verschoben. Und was noch schlimmer ist: der letzte Rest an Vertrauen in die Währung geht verloren.

Die Europäische Zentralbank verspricht, dass sie für eine stabile Währung sorgen wird.
Die Europäische Zentralbank ist nicht mehr unabhängig von der Politik. Das ist der Grund, warum der Euro so schwach ist. Der Sündenfall war der Ankauf von Staatsanleihen. EZB-Präsident Trichet hatte immer wieder hoch und heilig versprochen, dass die Notenbank keine Anleihen aufkaufen wird – und knickte am Ende doch ein, weil es die Politik so wollte. Unter Draghi läuft das nicht anders. Die Politik nutzt die Notenpresse zur Staatsfinanzierung.

Die größten Goldnachfrager

Welche Region sind die größten Nachfrager?

Zwischen 1980 und 2010 hat sich die weltweite Gold-Nachfrage von Europa und Nordamerika nach Ostasien und Indien verschoben. 1980 kam aus Nordamerika und Europa noch 68 Prozent der Nachfrage, 2010 waren es noch 27 Prozent. Die Ostasiaten und Inder steigerten sich dagegen von 14 auf 58 Prozent.

Was wird nachgefragt?

Der Großteil der Nachfrage lag 1980 noch im Investmentbereich, Goldschmuck spielte damals eine geringere Rolle. Bis zum Jahr 2000 machten Investments einen immer geringeren Teil der Nachfrage aus, die Bedeutung von Schmuck dagegen stieg. Nach 2000 wandelte sich das Verhältnis wieder. Seitdem machen Investitionen knapp 40 Prozent der Gesamtnachfrage aus.

Wer kauft Goldschmuck?

Die West-Ost-Verlagerung zwischen 1980 und 2010 zeigt sich besonders stark beim Goldschmuck. 1980 kamen lediglich 22 Prozent der Nachfrager aus Indien und Asien, 2010 waren es 66 Prozent.

Wer sind die Gold-Investoren?

Zwischen 2000 und 2010 ist der Anteil der Europäer und Nordamerikaner unter den Investment-Nachfragern von unter zehn auf über 40 Prozent angestiegen.

Woher kommen die Technologie-Nachfrager?

Die Goldnachfrage in der Technologie-Branche wird zunehmend von Ostasien getragen. Sie stieg zwischen 1970 und 2010 von 17 auf 67 Prozent.


Was sind die Folgen?
Wenn die Politik Zugriff auf die Notenpresse hat, dann geht eine Währung kaputt. Ich habe mich lange mit der Weimarer Republik beschäftigt. Der damalige Präsident der Reichsbank, Rudolf Havenstein, wollte nicht mit dem Gelddrucken aufhören, weil er fürchtete, dass sonst die Wirtschaft einbrechen und die Arbeitslosigkeit schlimmer werden würde. Am Ende war soviel Geld im Umlauf, dass es nichts mehr wert war. Wir sind an einem Punkt, den ich den ‚Havenstein-Moment‘ nenne.

Kommentare (22)

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Account gelöscht!

13.06.2012, 10:20 Uhr

Goldbesitz wird verboten und was passiert dann ? Stürzt der Preis dann ins bodenlose ? Diese Frage hätte man schon stellen können...

Account gelöscht!

13.06.2012, 10:35 Uhr

@ objektivgesehen

Nun, ja, wenn es verboten wird so gibt es keinen Preis mehr, denn es gibt keinen Markt mehr. Die andere Frage ist der Wert, da hat der Mann schon recht. Wenn Sie trotz des Verbotes Gold halten, welchen (Tausch)wert hat es dann. Ich würde vermuten einen recht hohen?

Account gelöscht!

13.06.2012, 10:37 Uhr

Stimmt schon. Gold war noch nie völlig wertlos. Irgendwas bekommt man dafür immer. Ein weiterer Vorteil ist: es ist so schön anonym. Der gierige Schnüffelstaat kann zwar auf Konten, in Grundbücher und in die Versicherungsportfolios glotzen, aber nicht in den heimischen Safe oder wo man es sonst so verbuddelt.

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