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01.07.2015

16:27 Uhr

Joachim Goldberg zu Staatsanleihen

„Wir haben einen manipulierten Markt“

VonAndrea Cünnen

Trotz des jüngsten Renditeanstiegs bei Anleihen müssen sich Anleger mit einer geringen Verzinsung begnügen. Bei kurzen Laufzeiten zahlen sie drauf. Börsenpsychologe Joachim Goldberg warnt davor, blind anderes zu kaufen.

Die EZB wird weiter Anleihen kaufen – das wirkt kursbeeinflussend. Imago

Manipulation der Märkte

Die EZB wird weiter Anleihen kaufen – das wirkt kursbeeinflussend.

Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit der verhaltensorientierten Kapitalmarktanalyse. So rasante Bewegungen am Bondmarkt wie jetzt hat aber auch der Inhaber der Beratungsfirma Goldberg & Goldberg lange nicht erlebt.

Herr Goldberg, im April lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei nur noch 0,05 Prozent, danach stieg sie wieder auf bis zu fast ein Prozent. Was ist los am Bondmarkt?
Es gab dafür viele Erklärungen, die mich aber allesamt nicht überzeugt haben. Letztlich ist die derzeitige Entwicklung – so unübersichtlich sie für manchen Marktteilnehmer auch sein mag – nichts anderes als die Korrektur einer überzogenen Erwartung an sicher geglaubte Gewinne.

Inhaber der Beratungsfirma Goldberg & Goldberg.

Joachim Goldberg

Inhaber der Beratungsfirma Goldberg & Goldberg.

Woher kam dieser Glaube?
Durch die Europäische Zentralbank. Viele Investoren gingen nach der rasanten Rally der Anleihekurse in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres davon aus, dass die Kurse dank der Anleihekäufe der EZB noch weiter steigen würden. Es gab sogar die Befürchtung, dass Anleihen für die EZB sogar knapp werden. Doch das hat sich jetzt geändert. Es gibt zahlreiche Verkäufer von Staatsanleihen, und die EZB hat kein Problem die Papiere zu erwerben.

Die EZB wollte von Anfang mittels der Anleihekäufe die Inflation steigern. Haben die Investoren der EZB nicht geglaubt, dass sie das schafft?
Ökonomische Erwägungen spielten beim Verfall der Renditen bis zum April dieses Jahres kaum noch eine Rolle. Denn es ist in der Tat eine paradoxe Geschichte. Wenn die Inflation anzieht, müssten theoretisch auch die Anleiherenditen steigen, und die Kurse fallen. Aber darum geht es eben nicht, sondern um die EZB. Wenn in den nächsten ein bis zwei Monaten die Inflationserwartungen anziehen und die Anleiherenditen steigen sollten, wird die EZB trotzdem weiter Anleihen kaufen – und das drückt letztlich auf deren Renditen.

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Der Markt spiegelt also nicht die Inflationserwartungen wider?
Zeitweise überhaupt nicht. Die EZB wird weiter Anleihen kaufen, und das wirkt kursbeeinflussend, also wie eine Intervention. Wir haben in dieser Hinsicht einen manipulierten Markt – mit fundamentaler Analyse kommen Sie nicht weiter.

Kommentare (3)

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Herr Jürgen Bertram

01.07.2015, 17:30 Uhr

„Wir haben einen manipulierten Markt“

Wie kommt der gute Mann denn zu der Annahme?
Drucker-Draghi handelt völlig unabhängig und ausschließlich zu unserem Besten. Dafür wurde er von ????? legitimiert.

Account gelöscht!

01.07.2015, 18:15 Uhr

Die EZB macht den Fehler, etwas zu tun, dessen Folgen entweder unbekannt sind - wie es die Fed macht - oder sie will eben diese Folgen herbei führen (wie vielleicht auch die anderen Notenbanken):

Weltweit kursiert - da sind sich alle einig - viel zu viel Liquidität. Das Verhalten aller Teilnehmer wird damit in die Irre geführt, Risiken werden eingegangen, die sonst strikt gemieden würden.

Einig sind sich Notenbanken und Politik darin, daß erstens die überbordende Verschuldung der Staaten sowie auch des Bankensystems reduziert werden muß.
Zweitens will man die Masse dafür heran ziehen - wie das immer so war und ganz bestimmt auch bleibt.

Daher werden Wege gesucht, die Überschußliquidität - von Staaten und Notenbanken sowie Banken geschaffen, um der Verantwortung für diverse Schieflagen (Finanzkrise und Eurocrash) verstecken zu können - nun wieder zu beseitigen.

Das probate Mittel dafür wäre die Vernichtung einer ordentlichen Menge an Liquidität.
Dies ist einfach zu erreichen indem man Verzerrungen aufbaut (Fed, EZB, BoJ, etc), Fehlallokationen bewirkt - und diese dann mehr oder weniger plötzlich sich ausgleichen läßt.
So nennt man etwa den Crash an den Börsen oder Anleihemärkten.

Herr Manfred Zimmer

01.07.2015, 18:25 Uhr

"Wir haben in dieser Hinsicht einen manipulierten Markt – mit fundamentaler Analyse kommen Sie nicht weiter."

Herr Goldberg, Sie als ehemaliger Deutsch Banker müssen doch gleich wenn Sie das Wort "manipulierten Markt" den Vergleich zu Ihrem ehemaligen Arbeitgeber ziehen.

Mitarbeiter der Deutschen Bank werden vor Gericht gestellt und erwarten harte Strafen. Erwarten Sie auch in diesem Fall harte Strafe für die Manipulationen, die in der Sache nichts anderes sind? Oder vertreten Sie die Auffassung, dass hier mit unterschiedlichen "Ellen" gemessen wird?

Der Vorwurf der Markmanipulation ist schon ein Wort. Gewiss haben Sie sich mit dem Vorwurf bereits vorher intensivst auseinandergesetzt, bevor Sie ihn hier gebrauchten.

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