Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.10.2011

12:17 Uhr

Jörg Krämer im Interview

„Das war noch nicht der Wendepunkt“

ExklusivAn den Märkten wird das Ergebnis des Euro-Gipfels gefeiert. Doch die Anleger freuen sich zu früh. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt: Der Rettungsschirm könnte nicht für Spanien und Italien reichen.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Bernd Roselieb für Handelsblatt

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Die Märkte reagieren begeistert auf die Beschlüsse des Euro-Gipfels – Euro und Dax legen deutlich zu. War das jetzt der große Befreiungsschlag?

‪Ich glaube nicht, dass wir bereits heute den Wendepunkt in der Staatsschuldenkrise gesehen haben.

Was ist genau beschlossen worden?

Die wichtigste Entscheidung ist, dass der Hilfsfonds EFSF mit dem Konzept einer Teilversicherung prinzipiell in der Lage ist, Anleihen mit einem Volumen von rund einer Billion Euro zu versichern. Damit könnte er auch den Finanzbedarf der beiden großen Peripherieländer Spanien und Italien bis Ende 2014 decken. Das funktioniert aber nur, wenn die Anleger die teilversicherten Anleihen in großem Stil kaufen. Erst einmal müssen die Finanzminister nun die Details ausarbeiten.

Wenn es Anleihen der Schuldenstaaten demnächst mit Versicherung gibt, dürfte das den Investoren doch gefallen.

Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Anleger bereit sind, Anleihen zu kaufen, die nur zu 20 oder 25 Prozent gegen einen Zahlungsausfall versichert sind. Das gilt besonders für Investoren von außerhalb des Euroraums, die die politischen Konflikte innerhalb des Euroraums ohnehin nur schwer verstehen.

Wie Europas Regierungen unter Druck geraten

Italien

Regierungschef Silvio Berlusconi kämpft um sein politisches Überleben. Nach unbestätigten Medienberichten soll er seinen baldigen Rückzug. Der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy erwarten verbindliche Zusagen für den Abbau der horrenden italienischen Staatsschulden.

Frankreich

Ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl 2012 ist die Krise für Staatschef Nicolas Sarkozy eine schwere Belastung. Mehr als die Hälfte der Franzosen hat starke Zweifel am Kurs des 56-Jährigen.

Spanien

Die Krise dürfte zu einem Machtwechsel führen. Bei den vorgezogenen Wahlen am 20. November droht den regierenden Sozialisten ein Debakel. Die Konservativen können auf eine absolute Mehrheit hoffen.

Portugal

Die sozialistische Regierung von José Sócrates ist angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni abgewählt worden. Auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht schon mächtig unter Druck. Kritiker werfen ihr vor, bei den Sanierungsmaßnahmen den Bogen zu überspannen.

Großbritannien

Die Bankenrettung von 2008 hat Großbritannien in eine schwere Schuldenkrise gestürzt. Premierminister David Cameron reagierte mit einer massiven Sparpolitik. Unter anderem opferte er zehntausende Jobs. Gewerkschaften und Opposition laufen Sturm.

Irland

In Irland hat die Schuldenkrise im vorigen Jahr Premierminister Brian Cowen das Amt gekostet. Mit seinem Finanzminister Brian Lenihan drückte er aber noch einen Sparhaushalt durch. Der neue Premier Enda Kenny hält den Sparkurs strikt ein.

Finnland

Die Eurokrise hat den Rechtspopulisten („Wahre Finnen“) einen strahlenden Wahlsieg beschert: Sie konnten im April ihren Stimmenanteil auf fast 20 Prozent vervierfachen.

Slowakei

Der Streit um die Euro-Rettung hat einen innenpolitischen Scherbenhaufen hinterlassen. Die christlich-liberale Premierministerin Iveta Radicova hatte die erste Parlamentsabstimmung am 11. Oktober über eine Ausweitung des EFSF mit der Vertrauensfrage verknüpft und verloren.

Slowenien

Die Regierung ist gestürzt, weil sie die rasant steigende Verschuldung nicht eindämmen konnte. Am 4. Dezember soll neu gewählt werden.

Rumänien

Die bürgerliche Regierung hat wegen der Krise stetig an Popularität eingebüßt. Die 2012 anstehende Parlamentswahl dürfte sie verlieren. Wahlkampfgeschenke soll es angeblich keine geben, stattdessen aber weitere Sparmaßnahmen.

Warum?

Viele Investoren könnten an der Glaubwürdigkeit der Teilversicherung zweifeln. Denn wenn die Regierungen den Schuldenschnitt eines Peripherielandes wie im Falls Griechenlands als ‚freiwillig’ darstellen, wäre es denkbar, dass der EFSF als Versicherungsgeber bei künftigen Schuldenschnitten nicht zahlen würde. Die Glaubwürdigkeit der Hilfspolitik leidet ohnehin darunter, dass viele Wähler in den Geberländern diese Politik ablehnen. Die Parteien werden diese Stimmung früher oder später aufgreifen und dann möglicherweise von den Garantien zugunsten der Peripherieländer abrücken.

Und wenn die Anleger nicht kaufen?

Wenn die Anleger sehr skeptisch sind, könnte es mit Blick auf den Finanzbedarf Spaniens und Italiens knapp werden. Dann müsste der Hilfsfonds die Versicherungsquote auf 50 Prozent anheben und könnte nur noch Peripherieanleihen im Volumen von schätzungsweise 500 Milliarden Euro versichern.

Wie sieht es mit Griechenland aus? Ist das Land dadurch gerettet, dass die Gläubiger auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten?

‪Die Staatschefs wollen Griechenlands Schulden um einen Betrag senken, der 50 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Selbst wenn das gelänge, würde das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt noch immer deutlich über 100 Prozent liegen. Damit wäre es für Griechenland nach wie vor sehr schwierig, seine Staatsfinanzen zu stabilisieren.

Von

hac

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

berkmann

27.10.2011, 12:56 Uhr

Die deutschen Steuerzahler müssen den "Finanzbedarf" von Spanien und Italien garantieren. Also ein paar läppische Billionen Euro.
Müssen sie das wirklich?
Steht das irgendwo im Grundgesetz?
Der Tag wird kommen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung begreift, dass sie unter dem Vorwand "Euro" von Bankstern und skrupellosen "Volksvertretern" ausgenommen und für dumm verkauft werden.

Fragensteller

27.10.2011, 14:37 Uhr

Zum Schuldenschnitt:
Wie genau funktioniert der Schuldenschnitt? Heißt das, dass nun nur 50% des Nominalwertes der griechischen Anleihen ausgezahlt werden? Wie soll ein "Anleihentausch" funktioneren? Wer verzichtet im Endeffekt auf das Geld?

Zum Sonderfonds:
Warum sollten sich ausländische Investoren oder Staatsfonds daran beteiligen?

Einanderer

27.10.2011, 16:33 Uhr

Schon lustig was sich die Leute immer wieder für Falschinformationen einfallen lassen, nur um irgendwelche Angriffsargumente produzieren zu können. Sie sollten künftig als Don Quixote posten und explizit gegen die bösen Windmühlen in der Nordsee antreten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×