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25.06.2013

19:08 Uhr

John Lanchester

Die Gier, die Dummheit und unsere eigene Schuld

VonJörg Hackhausen

Wer ist schuld an der Finanzkrise? Und was lernen wir daraus? Darauf gibt kaum jemand so klare Antworten wie John Lanchester. Der britische Autor erklärt, warum Banker manchmal gefährlicher als Terroristen sind.

Händler an der Chicago Mercantile Exchange: „Wenn man die Leute zu immer höheren Risiken ermutigt, fliegt einem früher oder später alles um die Ohren.“ Reuters

Händler an der Chicago Mercantile Exchange: „Wenn man die Leute zu immer höheren Risiken ermutigt, fliegt einem früher oder später alles um die Ohren.“

DüsseldorfDie Krise gehört zu unserem Alltag. Sie lässt uns seit Jahren nicht los. Sie nervt. Und dennoch, oder gerade deshalb, verstehen wir noch immer nicht, wie es überhaupt zu dem ganzen Schlamassel kommen konnte, geschweige denn, wie wir wieder herauskommen.

Eine überzeugende Antwort haben darauf weder gewählte Politiker noch selbsternannte Experten geliefert. Vielleicht braucht es jemanden wie John Lanchester, der uns die Krise erklärt. Dem britischen Schriftsteller gelingt, was in dieser Klarheit noch niemand geschafft hat: Er legt die Ursachen der globalen Finanzkrise dar, benennt die Schuldigen und zeigt auf, wo wir nach Lösungen suchen können. Seine Analyse ist jetzt auf Deutsch erschienen. Titel: „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt.“

John Lanchester, geboren 1962 in Hamburg, aufgewachsen in Hongkong, jetzt in England zuhause, ist kein Unbekannter. Mit „Kapital“, einem Roman über die Finanzkrise, landete er bereits einen Welterfolg.

Lanchester schreibt unterhaltsam, dabei verliert er nie das große Ganze aus dem Blick: „Die Nachwirkungen dieser Krise werden unsere Gesellschaft während der nächsten zehn Jahre und womöglich länger politisch und ökonomisch beherrschen. Wir sollten unbedingt versuchen, die Krise zu verstehen, und anfangen, darüber nachzudenken, was als Nächstes kommt.“

John Lanchester über das Versagen der Banker

Der Schriftsteller

John Lanchester ist ein britischer Schriftsteller, der für seinen 1996 erschienenen Debütroman "The Debt to Pleasure" mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. In Deutschland gelang Lanchester 2012 der Durchbruch mit dem Roman "Kapital", einem Buch über das Leben in der Großstadt in den Zeiten der Finanzkrise.

Nach eigenen Regeln

„Die Finanzindustrie mag zwar die Krise verursacht haben, aber ohne das Versagen der Regierungen, die jahrzehntelang der Ideologie des unverfälschten Laissez-faire-Kapitalismus anhingen, wäre es nie so weit gekommen. Mit dieser Ideologie erlaubte man es den Bankern im Grunde genommen, ihre ganz eigenen Regeln aufzustellen – oder vielmehr gerade nicht aufzustellen.“

Riskantere Wetten

„Das Bankgeschäft war plötzlich nicht deshalb so unglaublich profitabel, weil man irgendetwas besser gemacht hätte, sondern weil man größere, riskantere Wetten eingegangen war.“

Kriminelle Kreditvergabe

„Von 2005 an war ein Großteil der Kreditvergabe in der gesamten Branche vollkommen verantwortungslos und ein gewisser Teil sogar ausgesprochen kriminell.“

Risikomanagement komplett gescheitert

„Beim Bankwesen dreht sich alles um das Risikomanagement, und in dieser zentralen Frage sind die Banken komplett gescheitert. Sie scheiterten, weil sie sich auf fehlerhafte Rechenmodelle verließen, die sie selbst gar nicht hundertprozentig verstanden.“

Insolvente Banken

„Wenn man die globale Krise in einem einzigen Problem zusammenfassen wollte, dann wäre es dieses: dass niemand weiß, welche Bank überhaupt noch solvent ist.“

Geliehenes Geld

„Vergiss nie, dass du eigentlich der Bank Geld leihst, wenn du etwas auf ein Konto einzahlst.“

Quelle: „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt, Klett Cotta, 2013.

Die Analyse beginnt mit einer historischen Einordnung: Mit dem Ende des kalten Krieges stand der Kapitalismus als alleiniger Sieger da. Zum ersten Mal in der Geschichte schien er völlig ungefährdet zu sein. Bereitwillig ordnete sich die Politik dem Primat der Finanzmärkte unter. In der Gewissheit, es gebe nichts Besseres als den freien Markt, und dem absoluten Glauben an die Selbstregulierung der Finanzmärkte, befreite man Banken und Investoren von jeglicher Regulierung (was bereits von Reagan und Thatcher angestoßen worden war). „Der Kapitalismus feierte eine zwei Jahrzehnte andauernde Siegesparty“, wie Lanchester schreibt.

Das ist gewissermaßen die ideologische Grundlage für die spätere Finanzkrise, ganz praktisch geschah Folgendes: Einmal losgelassen, entdeckten die Banken ihre Vorliebe für riskante Wetten, während sie gleichzeitig das Interesse am herkömmlichen Kreditgeschäft verloren. Lanchester beschreibt, wie die Erfindung neuer Finanzprodukte – Credit Default Swaps (CDS), Credit Debt Obligations (CDO) oder Asset Backed Securities (ABS) – die Finanzwelt veränderte. Dahinter steckten Wertpapiere, die mit allen möglichen Krediten besichert waren. Im Kern ging es darum, das Risiko, das ein Schuldner seinen Kredit nicht zurückzahlt, weiterzuverkaufen. Das stellte das Bankwesen, wie man es bislang kannte, auf den Kopf.

Kommentare (96)

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btw

25.06.2013, 19:16 Uhr

Fast hätte man falsch gelesen: "Die Gier, die Dummheit und unser eigener Schlund."
Aber eben nur fast.

mon_yburns@central.banktunnel.eu

25.06.2013, 19:23 Uhr

Niemand kann sovile trinken wie man müsste um sich das erträglich zu saufen.

Augias

25.06.2013, 19:27 Uhr

...... sonst ist der Euro erledigt.“ Sehr zuversichtlich, dass die Deutschen das überhaupt wollen, ist der britische Autor nicht.
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Nein, das wollen wir nicht!
Wie wäre z.B. unseren Folgegenerationen zu erklären, dass unsere Eliten (sic!) sich ein Projekt ausgedacht haben, dass nicht demokratisch legitimiert, das ganze Deutschland in eine generationendauernde Transferunion verdammt? Dass Deutschland also korrupte südländische Vollversager, die nichts auf die Reihe kriegen, als ihren erbärmlichen Stolz abzubilden, lebenslang zu alimentieren hat? Dass wir mit 69 in Rente gehen müssen (ist alles schon angedacht!), während diejenigen, die wir unterhalten, mit 55 Jahren am Strand kompostieren?
Wie wollen wir das alles erklären?
Und: Wer wäre dazu bereit - ohne Widerstand?!

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