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12.08.2011

12:15 Uhr

Jörg Hackhausen ist Finanzredakteur des Handelsblatt. Quelle: Pablo Castagnola

Jörg Hackhausen ist Finanzredakteur des Handelsblatt.

DüsseldorfAls an den Börsen der Teufel los war, waren sie in den Ferien. Die Aktienkurse stürzten ab, vor allem die der europäischen Banken. Die Kosten für Ausfallversicherungen für Staatsanleihen schossen in die Höhe. Nachdem sogar der Kern der Eurozone – Frankreich und Deutschland – ins Visier der Investoren geraten war, konnte die Politik nicht länger zusehen. Jetzt haben sich die Mächtigen Europas in aller Eile gehandelt. Ein starkes Signal wollen sie senden - mal wieder: Spekulation gegen Europa lohnt sich nicht.

Das mag gut gemeint sein. Gut gemacht ist das aber noch lange nicht. Etwas Besseres als das Verbot von Leerverkäufen fällt der Politik nicht ein; zumal dies auch nur in vier europäischen Ländern, nur für Finanzaktien und nur für zwei Wochen gelten soll.

Die Erfahrung zeigt, dass solche Verbote wenig bringen. Den Investoren bleiben andere Möglichkeiten und andere Handelsplätze, um gegen Banken, Staaten oder den Euro zu wetten. Und wenn es schlecht läuft, verunsichert ein solcher Aktionismus die ohnehin schon nervösen Markt noch mehr.

Das Verbot geht am Kern vorbei: die wahren Probleme sind der riesige Schuldenberg und die nach wie vor wackeligen Bankbilanzen. Natürlich nutzen die "bösen" Spekulanten die Situation aus. Aber Leerverkäufe oder steigende Preise für Ausfallversicherungen sind ein Symptom der Krise, nicht die Ursache. Das sollte nicht durcheinander geraten.

Die Politik muss eine überzeugende Lösung für die Schuldenkrise vorlegen. Wenn sie stattdessen Leerverkäufe untersagt, ist das eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit als ein starkes Signal. Am kommenden Dienstag wollen sich Sarkozy und Merkel treffen. Hoffentlich kommt dabei mehr heraus. Sonst hätten sie gar nicht erst aus den Ferien zurückkehren müssen.

Wie Leerverkäufe funktionieren

Was ist das Prinzip eines Leerverkaufs?

Bei normalen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren. Sie verkaufen Wertpapiere, die sie sich zuvor von anderen Anlegern gegen eine Gebühr geliehen haben, zu einem fest vereinbarten Kurs. Sinkt der Preis bis zum Lieferdatum, können sie sich billiger wieder eindecken und die geliehenen Papiere zurückgeben.

Wie verdient man an Leerverkäufen?

Die Differenz zwischen dem niedrigeren Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investoren - oft Hedgefonds - als Gewinn ein.

Was sind die Risiken bei Leerverkäufen?

Geht die Wette verloren, also steigt der Preis, besteht die Gefahr, dass die Anleger zu einem höheren Kurs wieder einsteigen müssen, um die geliehenen Papiere zurückzugeben. Dann droht ein Verlust in den Büchern der Leerverkäufer.

Wie unterscheiden sich ungedeckte Leerverkäufe?

Bei ungedeckten Leerverkäufen ist das Prinzip dasselbe. Allerdings haben sich die Investoren noch nicht einmal die Wertpapiere geliehen. Zum Lieferdatum besitzen die Händler von ungedeckten Leerverkäufen so keinerlei Papiere. Dadurch wird mit Anteilen gehandelt, die gar nicht existieren. Für den Markt erhöht das die Risiken deutlich. Kursausschläge werden dadurch um ein vielfaches verstärkt. Dann werden die Wetten der Investoren zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

Was ist der Vorteil bei ungedeckten Leerverkäufen?

Im Erfolgsfall sind die Gewinnchancen höher, da keine "Leihgebühr" anfällt.

Sind Leerverkäufe denn nur zu verteufeln?

Leerverkäufe erfüllen oft auch einen wichtigen wirtschaftlichen Zweck. Denn damit können sich Firmen und andere Investoren gegen Kursrisiken absichern. Wer etwa in einigen Monaten Rohstoffe kaufen muss und mit höheren Preisen rechnet, kann durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen für Ausgleich sorgen. Zudem sorgen diese Geschäfte für ausreichende Liquidität an den Märkten.

Mit welchen Einschränkungen dürfen Leerverkäufe in Europa getätigt werden?

In Deutschland sind ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen von Euro-Ländern seit einem Jahr per Gesetz ganz verboten. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten viele Länder zumindest vorübergehend ähnliche Maßnahmen beschlossen. Um die Transparenz der Geschäfte zu erhöhen, hat die Finanzaufsicht BaFin zudem eine Meldepflicht für Leerverkäufe von Aktien der zehn größten deutschen Finanz- und Versicherungshäuser eingeführt. Ab März 2012 gilt ohnehin eine gesetzliche Meldepflicht für alle Leerverkäufe von Aktien.

Und was sagt die EU?

Auf Ebene der Europäischen Union (EU) ist das Vorgehen noch umstritten, vor allem was ein Verbot von Leerverkäufen mit Kreditausfallversicherungen (CDS) auf europäische Staatsanleihen betrifft. Das EU-Parlament dringt hier auf eine schärfere Regelung als die meisten Mitgliedsstaaten.

Von

hac

Kommentare (9)

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PapaMike

12.08.2011, 13:03 Uhr

endlich mal ein klarer Kommentar.
Die Politiker sollten sich zusammensetzen und die Gesetze beschließen bzw. abschaffen, die uns den überbordenden Schuldenberg abtragen lassen. Da wir inzwischen in einer Gesellschaft leben,in der die Bezieher von Transfereinkommen (Harz, Renten, öffentlicher Dienst) die wahlberechtigte Mehrheit stellen, müssen wir von den Politikern nichts erwarten. Druck zur Wende kann es jetzt nur noch über die Finanzen geben.

zock

12.08.2011, 13:13 Uhr

Weder Leerverkäufe noch Staatsschulden sind das eigentliche Problem, sondern dass private Verluste sozialisiert werden/wurden. Ohne Bail-Out gäbe es keine Staatsschuldenkrise (jedenfalls nicht in diesem Ausmass) und damit auch keine Probleme durch Leerverkäufe. "Too big to fail" hätte nie sein dürfen.

Account gelöscht!

12.08.2011, 13:36 Uhr

"Druck zur Wende kann es jetzt nur noch über die Finanzen geben."

Und zwar nur, indem das Casino-Gebaren der Finanzjongleure, für das die Bevölkerung (arbeitende Masse, Transferempfänger) bluten müssen, geräumt wird.

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