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22.05.2013

17:37 Uhr

Laut Ratingagenturen

Rückschläge an Europas Anleihemärkten erwartet

Die Ratingagenturen warnen vor einem nahen Ende der Anleihen-Rally in Europa: Die gegenwärtig günstige Lage am Markt sei nicht nachhaltig. Außerdem sei eine weitere Herabstufung der verschuldeten Euro-Staaten möglich.

Die Agenturen halten eine weitere Herabstufung der hoch verschuldeten Euro-Staaten für möglich. dpa

Die Agenturen halten eine weitere Herabstufung der hoch verschuldeten Euro-Staaten für möglich.

LondonRatingagenturen warnen vor Rückschlägen an Europas Anleihemärkten. „Die gegenwärtig günstige Lage am Markt ist nach Einschätzung von Moody's nicht nachhaltig“, sagte der zuständige Moody's-Experte Alastair Wilson der Nachrichtenagentur Reuters. „Je länger die zugrundeliegenden Probleme nicht gelöst werden - Wachstum, Verschuldung, Institutionen -, desto größer ist das Potenzial eines weiteren Schocks.“ Die Agenturen halten eine weitere Herabstufung der hoch verschuldeten Euro-Staaten für möglich. Das birgt die Gefahr, dass die Anleihen aus wichtigen Fonds herausfallen und damit eine Verkaufswelle ausgelöst wird.

Am größten ist diese Gefahr bei Spanien, das derzeit von Moody's und Standard&Poor's nur eine Stufe über Ramsch-Niveau bewertet wird. Manche institutionellen Investoren halten nur Anleihen, die „Investment-Niveau“ haben, also nicht als Schrott eingestuft werden. Nach Schätzungen der US-Investmentbank JPMorgan könnten im schlimmsten Fall spanische Anleihen im Volumen von 30 bis 40 Milliarden Euro verkauft werden, das entspricht fünf bis sechs Prozent aller im Umlauf befindlichen Anleihen. Analysten gehen davon aus, dass lokale Banken und Hedge-Fonds die Anleihen kaufen, gestützt von billigem Zentralbank-Geld, aber höhere Zinsen verlangen.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte 2012 angekündigt, alles zu tun, um den Euro zu schützen, und damit die Renditen für die angeschlagenen Euro-Staaten auf Talfahrt geschickt. Die lockere Geldpolitik zielt nach Angaben der EZB darauf ab, den nationalen Regierungen Zeit für dringend nötige Reformen zu verschaffen. Es besteht aber das Risiko, dass diese genau das Gegenteil täten, sagte Moritz Kraemer, bei Standard & Poor's zuständig für die europäischen Ratings. „Wenn die Bedingungen als locker empfunden werden, könnte der Anreiz geringer ausfallen, Reformen in Angriff zu nehmen.“

Von

rtr

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