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02.11.2011

10:40 Uhr

Leser fragen Dirk Müller

„De facto ist das schon der Staatsbankrott“

Kann Griechenland noch gerettet werden? Wann ist Deutschland pleite? Brauchen wir ein neues Geldsystem? Das sind Fragen unserer Leser, die der Börsenmakler und Bestsellerautor Dirk Müller beantwortet.

Dirk Müller ist als Makler an der Frankfurter Börse bekannt geworden. Heute schreibt er Bücher und gibt Geldanlage-Tipps. Unsere Leser haben viele Fragen an den Experten - wir haben elf ausgesucht, die Müller beantwortet. Bert Bostelmanm für Handelsblatt

Dirk Müller ist als Makler an der Frankfurter Börse bekannt geworden. Heute schreibt er Bücher und gibt Geldanlage-Tipps. Unsere Leser haben viele Fragen an den Experten - wir haben elf ausgesucht, die Müller beantwortet.

Sebastian Cla: Für wie wahrscheinlich halten Sie die Möglichkeit, dass alle Maßnahmen Griechenland betreffend fruchten und ein Staatsbankrott noch abgewendet werden kann?

Dirk Müller: Für ausgesprochen gering. Die Entscheidungen der letzten ‚Brüsseler Runde’ sind ja de facto schon der Staatsbankrott, wenn auch anders benannt. Die gestrigen unerklärlichen Entwicklungen um eine angesetzte Volksbefragung machen eine ungeordnete Staatspleite inklusive Euroaustritt Griechenlands noch wahrscheinlicher.

Dirk Gerhardt: Sind wir nicht nach klassischen Maßstäben schon lange insolvent?

Müller: Würden wir eine saubere Buchhaltung machen und alle Verpflichtungen mit einrechnen, sicherlich ja. Aber es ist wie beim Privatmann: So lange Ihre Bank Ihnen immer weiter die Kreditlinie erhöht, haben Sie kein Problem. Sie sind zahlungsfähig. Erst wenn die Bank den Hahn zudreht, sind Sie insolvent. Das ist beim Staat nicht anders. So lange er – woher auch immer – neue Kredit bekommt, um seine Rechnungen bezahlen, spielt der Schuldenstand keine Rolle. 50, 120 oder 200 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sind egal, so lange der Staat weiter Geld bekommt - bis die Finanzmärkte den Hahn zudrehen.

Dirk Müller im Interview: „Wir sind in der Endphase“

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Das Finanzsystem steht am Abgrund. Nur ein Neustart kann helfen, meint Dirk Müller, Börsenmakler und Bestseller-Autor. Im Interview erklärt er, warum der Fehler im System liegt und der Euro nicht funktioniert.

Oliver Erlitz: Wie schätzen Sie die Konsolidierbarkeit des deutschen Staatsdefizits ein?

Müller: Gar nicht. Da Geld nur durch Kreditvergabe entsteht, bedeutet das: Wenn man Schulden vernichtet, muss man gleichzeitig Geld vernichten. Wenn der Staat jetzt durch höhere Steuern Kredite zurückzahlt, hat er es entweder dem Bürger aus dessen Ersparnissen weggenommen oder der Bürger hat es durch Wirtschaftswachstum und neue Kreditaufnahme zuvor aufgenommen. Dann sind lediglich die Schulden des Staates zu den Schulden der Bürger geworden, was für diesen keinen Unterschied macht. Er kann die Last nicht mehr tragen. Das Problem ist nicht nur der Schuldenstand des Staates, sondern der des Gesamtsystems.

Cornelius Grätz: Wie realistisch ist, dass Politik und Banken weitreichende Maßnahmen erarbeiten und umsetzen, die Krisen dieser Art künftig vermeiden?

Müller: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Grundproblem liegt im Zinseszins und in der Art der Geldschöpfung - da heißt Geld als Schuldgeld, geschöpft von privaten Banken. Dieses System ist so stark über Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte verwurzelt, dass ein Aufbrechen nicht wahrscheinlich ist. Bestenfalls gelingt es mit vereinten Kräften und dem Druck der Bevölkerung, die auf Dauer schädlichen Teile des Mechanismus in stärkerem Maße als bislang zu entschärfen. Eine völlige Neustrukturierung des Geldsystems wäre wünschenswert, aber nicht realistisch umsetzbar.

Kommentare (25)

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apophis

02.11.2011, 11:09 Uhr

Also ich bin ein Fan von Dirk Müller. Seine schonungslosen Analysen und Kritik an den Politikern tut gut. Nicht das Gerede, dass alles gut werden wird und ähnliche Beschwichtigungen. Ich würde mir sehr wünschen, dass er sich politisch betätigt. Solche Leute werden wir in Zukunft brauchen. Lehrer und Beamte haben schon genug Unheil angerichtet.

Radek

02.11.2011, 11:21 Uhr

Bemerkenswert was Müller zu den "Alternativen" andeutete. Vieles läßt sich zurückführen auf den heute beinah vergessenen Silvio Gesell und dessen "Schwundgeldtheorie".
In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Bewegung der Physiokraten, wie sich die Anhänger Gesells nannten, eine nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt. Mit der Bewegung der Befürworter von Regionalgeld deutet sich offensichtlich wieder eine Renaissance an.

Account gelöscht!

02.11.2011, 12:18 Uhr

Mueller enttäuscht nicht! Sachkenntnis und reale Einschätzung, TOP! Die wirkliche Situation ist aber wesentlich brisanter als beschrieben! Ein oder der Knall wird kommen. Dazu ist lesenwert, wie die Politik gefährlich tickt, am grünen Tisch, und die Wahrheit verschleiert!
http://zeitenwende24.de/web/2011/11/rettungsschirm-efsf-usw-der-witz-des-jahrhunderts/

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