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19.07.2016

16:00 Uhr

Line, Brain, Senvion Co.

Deutschland braucht mehr Tech-Aktien

VonPeter Köhler

Die desolate Lage bei Tech-IPOs hierzulande ist einem Finanz- und Industriestandort wie Deutschland unwürdig. Zeit, dass Politik, Börsenbetreiber, Venture-Capital-Fonds und Finanzdienstleister an einem Strang ziehen.

Der WhatsApp-Rivale Line beglückte vor allem asiatische und amerikanische Anleger. AP

Line-Charakter vor der Börse in New York

Der WhatsApp-Rivale Line beglückte vor allem asiatische und amerikanische Anleger.

FrankfurtWas für ein Kursfeuerwerk. Die Aktie des Messenger-Dienstes Line hat bei ihrem Börsendebüt in Tokio am ersten Handelstag gut 30 Prozent zulegen können. Das war auch für Kleinanleger, die derzeit gebeutelt werden von der Nullzinspolitik der Notenbanken, Grund zur Freude. Und solche Erfolgsgeschichten sind zudem die beste Werbung für die Anlageform "Aktie". Ein dickes Plus auf dem Depotauszug ist mehr wert als Sonntagsreden, die eine langfristige Überlegenheit der Aktie predigen.

9 Tipps die Sie bei Neuemissionen beachten sollten

Tipp 1

Ob Twitter, Facebook, Rocket Internet  oder Alibaba: IPOs üben immer wieder einen großen Reiz auf Anleger aus. Doch es gibt einiges zu beachten, damit man sich an den Börsenneulingen nicht die Finger verbrennt. Beispielsweise: Wie soll der Emissionserlös, der Gewinn aus den Aktienverkäufen, verwendet werden? Fließt das Geld in das Unternehmen oder werden lediglich die Interessen Dritter befriedigt?

Tipp 2

Wie lange wollen die Altaktionäre ihre Anteile halten? An den Lock-up- oder Haltefristen können Sie gut erkennen, ob das Management an einen langfristigen Erfolg des Unternehmens glaubt oder nur auf einen kurzfristigen Kursgewinn spekuliert.

Tipp 3

Ist die Höhe des Emissionspreises, der Preis für die Aktien, angemessen im Vergleich zu anderen, ähnlichen Unternehmen aus der Branche? Ist das Unternehmen damit fair bewertet oder künstlich hochgespielt?

Tipp 4

Wie sehen die Umsatz- und Gewinnzahlen, die Kennziffern des Unternehmens in der Vergangenheit aus? Aber Vorsicht. In manchen wachstumskräftigen, aber riskanten Branchen (etwa in der Biotechnologie) ist es durchaus üblich, dass Unternehmen jahrelang Verluste einfahren, und trotzdem könnte eine Aktie zu empfehlen sein.

Tipp 5

Gibt es für die Produkte und Dienstleistungen des Unternehmens tatsächlich einen Bedarf, gibt es genügend Abnehmer? Nicht jede tolle Idee ist bei näherer Betrachtung auch wirklich marktfähig.

Tipp 6

Wie sieht die Konkurrenzsituation aus? Gibt es starke Wettbewerber mit hoher finanzieller Schlagkraft?

Tipp 7

Welchen Eindruck macht das Management auf Sie? Verfügt es über genügend Erfahrung und Kompetenz?

Tipp 8

Wie professionell kommuniziert das Unternehmen nach außen? Sind die Botschaften kompetent, stringent und informativ?

Tipp 9

Verstehen Sie die Geschäftsidee? Wenn nicht, dann sollten Sie auf diese Aktie verzichten und anderen den Vorzug geben/lassen.

Die Quelle

Leider beglückte der WhatsApp-Rivale Line vor allem asiatische und amerikanische Anleger. Deutsche Investoren schauen schon lange in die Röhre, wenn es um das Thema lukrativer Tech-Börsengänge geht. Zwar ist das weltweite Volumen an sogenannten Initial Public Offerings - kurz IPOs - in diesem Jahr mit rund 4,5 Milliarden Dollar auf den niedrigsten Stand seit 2013 gefallen. Allerdings richtige Dürre herrscht nur in Deutschland. Mit dem Biotechnologieunternehmen Brain und dem Windkraftspezialisten Senvion kamen gerade einmal zwei nennenswerte Neulinge und ein Emissionsvolumen von 330 Millionen Euro frisch auf den Kurszettel. Zum Vergleich: Line spülte dem Unternehmen jetzt mehr als eine Milliarde Dollar in die Kasse.

Die desolate Lage bei Tech-IPOs hierzulande ist einem Finanz- und Industriestandort wie Deutschland unwürdig. Es ist dringend an der Zeit, dass Politik, Börsenbetreiber, Venture-Capital-Fonds und Finanzdienstleister an einem Strang ziehen und positive Beispiele setzen. Handfeste Ergebnisse sind gefragt, nicht hehre Absichtserklärungen wie im vergangenen Herbst als Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bis zu 15 IPOs jährlich in Aussicht gestellt hatte.

Die lieben "Hidden Champions" aus Maschinen- und Anlagenbau, die sich auf "Industrie 4.0" verstehen, Internetfirmen oder auch Biotechnologie-Unternehmen gehören an die Börse. Am Ende ist es die Psychologie, die eine Wende bringen muss: Anleger müssen sich mit Tech-Werten beschäftigen, Potenziale erkennen und Aktien zeichnen, anstatt ängstlich nur auf Dauerbrenner zu setzen. Es ist Zeit, das von Verlusten am "Neuen Markt" ausgelöste Trauma zu verwinden.

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