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08.07.2016

12:33 Uhr

Londoner City

Kein Champagner mehr zum Mittag

Nicht nur der Finanzplatz London wankt nach dem Brexit-Votum. Die ersten Nobelrestaurants beklagen wegbleibende Banker. Die gerngesehenen Kunden stornieren ihre Geschäftsessen. Denn: Wo kein Deal, da kein Stößchen.

Londons Top-Adressen packt die Angst. dpa

Champagner-Gläser im Restaurant

Londons Top-Adressen packt die Angst.

Das Restaurant Corrigan’s im feinen Londoner Stadtteil Mayfair hat normalerweise keinerlei Schwierigkeiten, die drei privaten Esszimmer zu füllen. Mittag für Mittag stoßen hier Banker auf ihre abgeschlossenen Deals mit perlendem Champagner an und krönen das mit einem Mittagessen – zum Beispiel mit dem geröstetem Hasenrücken auf Spinat und Morcheln, pro Portion zu 30 Pfund (35 Euro).

Seit dem Austrittsvotum bei der Volksabstimmung über die britische EU-Mitgliedschaft gibt es aber auch bei Corrigan’s ein ungewohntes Phänomen: Stornierungen. „Die City of London subventioniert faktisch die Gastronomie im Rest von London. Wenn aber das Finanzviertel niest, dann bekommt ganz London den Schnupfen“, sagt Chefkoch und Eigner Richard Corrigan. Noch im Mai und Juni seien die Geschäfte bestens gelaufen, aber bereits der Juli habe bei ihm auffallend ruhig begonnen, sagte Corrigan. Jetzt geht in der gesamten Gastronomie der britischen Hauptstadt die Angst um, dass die schlimmsten Folgen des Votums womöglich noch bevorstehen können. Erbsenzähler im Controlling der Banken, so die Befürchtung, könnten die Spesenkonten schärfer kontrollieren und schließlich kürzen. Als Konsequenz bliebe das kostspielige Businesslunch immer öfter aus, während das Restaurantbudget durch steigende Preise für unverzichtbare Zutaten aus Europa und anderswo wegen des fallenden Pfunds bereits belastet wird.

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Die Vorstände und Aufsichtsräte in Deutschland nutzen die Kursrückgänge nach dem Referendum der Briten und decken sich verstärkt mit Aktien ein. Damit signalisieren sie auch, dass sie den Brexit für überbewertet halten.

Zudem leidet die Branche unter einem Personalmangel und ist entsprechend stark auf die bestehende Arbeitnehmerfreizügigkeit mit der EU angewiesen. Die steht aber zumindest auf dem Spiel, seit die Briten sich mehrheitlich gegen eine Mitgliedschaft in der EU ausgesprochen haben. Bis zuletzt befand sich die britische Gastronomie in einer anhaltenden Boomphase. In den vergangenen fünf Jahren war die Zahl der Restaurants auf der Insel um 21 Prozent gewachsen. Jetzt aber könnte ein Punkt erreicht sein, an dem das Angebot die Nachfrage übersteigen wird. Das Umsatzwachstum der Restaurants hat sich im Laufe dieses Jahres bereits auf 1,3 Prozent halbiert, wie Daten der Marktforscher von Coffer Peach zeigen.

Fast drei Viertel der von der Nachrichtenagentur Bloomberg im Zuge der Volksabstimmung befragte Ökonomen erwarteten für die britische Wirtschaft im Falle eines Austritts die erste Rezession seit 2009. Und die Erinnerungen daran sind gerade in der Gastronomie bitter: Um bis zu 6,6 Prozent waren die Ausgaben in Cafés und Restaurants auf Quartalsbasis gefallen, wie die nationale britische Statistikbehörde feststellte. Das Umsatzvolumen von Restaurants im ganzen Land wurde von Marktforscher Mintel für das letzte Jahr auf etwa 36 Mrd. Pfund geschätzt.

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