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13.08.2014

10:28 Uhr

Lotto und die Börse

Deutschland, einig Zockerland

VonJürgen Röder, Jessica Schwarzer

Die Deutschen sind Aktienmuffel. Das belegen unzählige Studien. Doch sie sind auch ein Volk von Zockern. Lesen Sie, warum wir bei hochspekulativen Produkten so gerne zugreifen, und wo die schlimmsten Gefahren lauern.

Zocker: Manche Anleger machen die Börse zum Spielcasino. Getty Images

Zocker: Manche Anleger machen die Börse zum Spielcasino.

DüsseldorfWährend die meisten deutschen Anleger die Beteiligung an Unternehmen scheuen, spielen sie aber leidenschaftlich gerne Lotto. Klingt paradox, denn die Chance, dabei einen Gewinn zu erzielen, ist gering. Der Totalverlust des eingesetzten Geldes ist eher die Regel denn die Ausnahme. Warum also lieber Lotto als Aktien? Ganz einfach: Menschen neigen dazu, kleine Wahrscheinlichkeiten überdeutlich wahrzunehmen, während sie mittlere und hohe Wahrscheinlichkeiten untergewichten. Deshalb mögen sie Spiele oder Investments besonders gern, die eine geringe Chance auf sehr hohe Gewinne bieten, ihnen aber regelmäßig enttäuschende Resultate bescheren, nämlich unterdurchschnittliche Gewinne oder gar den Totalverlust.

Das erklärt, warum die Deutschen ein Volk von Sparern und Zockern sind. Intuitiv bevorzugen sie Lotto und Pferdewetten sowie den Kauf von Optionen und Hebelprodukten. Und deshalb liegt kurzfristiges Spekulieren an der Börse - auch Traden genannt - in Deutschland voll im Trend. Das zeigen zumindest aktuelle Zahlen zum Markt für Contract for Differences, kurz CFDs. Hinter diesem Kürzel verbergen sich keine Wertpapiere, sondern im Grunde Wetten auf eine Kursbewegung. CFDs sind eine Art Vereinbarung des Anlegers mit dem Anbieter beziehungswiese mit der jeweiligen Bank. Anleger können sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse des jeweiligen Basiswertes setzen, also auf Aktien, Indizes, Devisen oder Rohstoffe – und das mit enormer Hebelkraft.

Hebelprodukte

Contracts for Difference (CFD)

Mit CFDs – auch Differenzkontrakte genannt – partizipieren Anleger an steigenden und fallenden Kursen unterschiedlicher Basiswerte. Über einen Hebel, der weit über 100 Prozent sein kann, können sie dabei ein Vielfaches des eingesetzten Kapitals gewinnen – oder auch verlieren. CFDs sind keine Wertpapiere, CFD-Anleger haben keine Rechte an dem Basisinstrument.

Optionsschein

Ein Optionsschein ist ein derivatives Finanzinstrument, mit dem Anleger gehebelt von der Kursbewegung eines Basiswerts profitieren können. Optionsscheine sind verbriefte Wertpapiere. Ein Kaufoptionsschein (Call) verbrieft das Recht, einen Basiswert zu einem bestimmten Preis zu einer festgelegten Zeit beziehen zu können. Der Verkaufsoptionsschein (Put) verbrieft dagegen das Recht, den Basiswert zu einem bestimmten Preis zu einem festgelegten Zeitpunkt zu verkaufen.

Hebelzertifikat

Mit einem Hebelzertifikat können Investoren einen Basiswert, beispielsweise eine Aktie, zu einem günstigeren Preis kaufen. Hebelzertifikate werden auch unter dem Begriff Knock-out-Produkte angeboten, die je nach Emittent Waves, Mini-Futures, Classic/Unlimited/BEST oder Smart Turbos oder einfach nur Turbos heißen. Hebelzertifikate haben eine Knock-out-Grenze, bei der das Zertifikat wertlos wird. Durch den Hebel partizipieren Anleger stärker an den Kursschwankungen des zugrunde liegenden Basiswerts. Verlieren können Anleger nur den eingesetzten Betrag.

Hebel-ETF

Auch börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, kurz ETF), die die Entwicklung eines Index eins zu eins nachbilden, gibt es mit Hebel. Diese Hebel-ETFs gibt es als Long- und als Short-Version. Verlieren können Anleger nur den eingesetzten Betrag.

Die Zahlen einer aktuellen Studie der australischen Gesellschaft Investment Trends zeigen: Vor allem hierzulande kommen die hochspekulativen Produkten gut an. Deutschland ist die einzige Nation, in der die Zahl der Zocker von April 2013 bis April 2014 gestiegen ist. Um fünf Prozent legte die Zahl der CFD-Trader hierzulande zu, während ihre Zahl in Ländern wie Frankreich, USA, Großbritannien, Australien und Singapur sinkt. Vor allem in Singapur sind CFDs „out“, fast jeder Fünfte kehrte den Zockerprodukten den Rücken.

In Deutschland aber wächst der Markt noch: 45.000 CFD-Händler soll es der Studie zufolge geben. Die Zahl der aktiven CFD-Konten wird auf etwa 80.000 geschätzt, weitere 18.000 Konten werden vermutlich nicht mehr genutzt.

Verbraucherschützern sind die hochspekulativen Wetten ein Dorn im Auge: „CFDs sind im Baukasten der Finanzinstrumente vermutlich das, was hochexplosive Stoffe in einem Chemiebaukasten sind“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Mit ihnen können Anleger selbst bei kleinen Marktpreisänderungen viel verdienen und alles verlieren.“

Doch was sind das für Menschen, die solche Risiken eingehen? Auch diese Frage versuchen die australischen Marktforscher mit ihrer Onlineumfrage zu beantworten. Bei dieser Umfrage auf verschiedenen Plattformen haben sie mehr als 10.000 Antworten ausgewertet. Das Ergebnis: Der typische deutsche CFD-Händler ist erfahren und handelt heute öfter als in den vergangenen Jahren. Auch nach Angaben der deutschen CFD-Vereinigung ist das Volumen des jährlichen Handels mit den hochspekulativen Produkten zwischen 2012 und 2013 um 65 Prozent gestiegen.

Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

13.08.2014, 10:45 Uhr

"Warum das so ist und wie gefährlich es ist."
Dummheit (und damit ist jetzt nicht etwa der Intelligenzquotient gemeint!), Gier,
vor allem aber:
mangelndes Selbstwertgefühl
(= Achtung vor sich und vor anderen)
waren schon immer eine hochexplosive Mischung.

P. Kleefeld

13.08.2014, 14:16 Uhr

CFDs als Produkt sind sehr einfach zu verstehen und spielerisch in der Bedienung.

Das Problem ist nur, dass man dem Anbieter ausgeliefert ist. Anders als im Börsenhandel gibt es nur den CFD Anbieter, der alle Funktionen um den Handel und die Abrechnung übernimmt. Nicht mal der "echte" DAX wird verwendet, sondern "nachgebildet".

Man muss dem Anbieter daher vertrauen und hoffen, dass er alles ordentlich macht…
Eine neutrale Instanz wie die Handelsüberwachung bei Börsen gibt es nicht.

Mehr noch: anders als bei CFDs ist es einer Börse "egal" ob man gewinnt oder verliert. Bei CFDs gewinnt jedoch der Anbieter, wenn der Kunde verliert und die Position nicht abgesichert wurde, was tagsüber der Standard ist…

FX Direkt ist in diesem Sinne auch nicht primär pleite gegangen, sondern von der BaFin mit einem Moratorium belegt worden. Eine Internetsuche liefert hier mehrere interessante Artikel der Wirtschaftswoche…

Der CFD Handel der Comdirect wird übrigens von der Commerzbank gemacht, die dies mittlerweile auch für andere Online-Broker macht.

Es sollte sich daher jeder seine eigenen Gedanken machen, ob CFDs als Produkte geeignet und fair zu betreiben sind… nicht nur aus vom Risiko-Aspekt her.

Die Anlegermessen sind jedenfalls voll von CFD- und FX-Anbietern… ein Schelm der böses dabei denkt…

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