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07.01.2005

06:45 Uhr

Lukrativer Schrott

Reformen bedrohen Boom spanischer Medientitel

VonStefanie Müller (Handelsblatt)

Spanisches Fernsehen sei nur Schrott, sagen vor allem die Ausländer, die hier wohnen. Dieser Schrott, zu dem viele Talkshows mit halb angezogenen vollbusigen Spanierinnen und billig gemachte Telenovelas zählen, bringt allerdings viel Geld. Die beiden privaten spanischen Fernsehsender Telecinco, die mehrheitlich in Händen der italienischen Mediaset liegt, und Antena3 gehörten im vergangenen Jahr in Europa zu den profitabelsten ihrer Branche.

HB MADRID. Auch zählen beide Unternehmen in Spanien zu den wenigen erfolgreichen Börsengängen der vergangenen Jahre. Antena3 – vor dem IPO im Oktober 2003 angeschlagen – hat seinen Aktienkurs seither mehr als verdoppeln. Und Telecinco, die seit Juni auf dem Parkett und schon 50 Prozent mehr wert ist, wurde jetzt gar in den Madrider Leitindex Ibex 35 aufgenommen. Seinen treuen Anlegern teilte der Konzern mit, in diesem Jahr 75 Prozent seines Gewinns für Dividenden zu verwenden.

Den spanischen privaten Fernsehsendern geht es so gut, weil hierzulande die Werbegelder noch munter fließen und die hoch verschuldeten öffentlichen TV-Anstalten so schlecht sind, dass immer mehr Publikum zur private Konkurrenz abwandert. Damit könnte jedoch nach Aussagen der Firmenchefs bald Schluss sein. Denn die linke spanische Regierung plant eine große Medienreform, die unter anderem vorsieht, dass eventuell zwei neue offene Kanäle zugelassen werden sollen. „Das würde nicht nur den Werbetopf deutlich verkleinern, sondern auch den Wettbewerb härter machen“, sagt Enrique Jiménez, Analyst beim Madrider Broker Ibersecurities. Allerdings werden die Privaten dies wohl erst mittelfristig spüren. Für das erste Halbjahr 2005 rechnet Jiménez noch einmal damit, dass die Werbeeinnahmen noch einmal wachsen werden. Wie für viele andere Analysten sind spanische Medientitel für ihn daher nach wie vor ein Kauf – mit einer Ausnahme: „Die Aktie von Antena3 ist bereits sehr teuer“, sagt Jiménez.

Die Unsicherheit innerhalb des Sektors ist dennoch groß. Sollten wirklich zwei neue offene Kanäle zugelassen werden, werde mindestens einer davon, dem regierungsnahen und börsennotierten Prisa-Konzern zugesprochen werden, munkeln Kenner der spanischen Medienszene. Dessen Gründer und Präsident Jesús de Polanco tut derzeit alles, um die Regierung für einen solchen Deal zu gewinnen und sie davon abzubringen, noch mehr Bezahlsender zuzulassen. Über seine Beteiligungstochter Sogecable, die die zwei einzigen Sender dieser Art in Spanien managt, wäre er davon eindeutig negativ beeinflusst. „Der Markt für Bezahlfernsehen ist in Spanien bereits voll gedeckt“, argumentiert de Polanco daher. Der Verleger der größten spanischen Tageszeitung El País will stattdessen nun endlich mit Gratis-Fernsehen vom boomenden TV-Werbemarkt profitieren, wie es bei Branchenkennern heißt.

Abzuwarten ist allerdings, ob die spanische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero nicht dem bisher im Fernsehen sehr lax gehandhabtem Umgang mit Werbezeiten und -plätzen ein Ende machen wird. Bisher wurden Nachrichten ohne Skrupel für Spots und Kindersendungen mehrmals unterbrochen. Auch dem Product Placement, der indirekten Werbung, sind in der Praxis so gut wie keine Grenzen gesetzt. Die beliebtesten Vorabendserien sind voll damit und auch bei Shows wird wenig Aufheben um präsentierte Marken gemacht, obwohl Verbraucherverbände ständig gegen die Werbeflut mobil machen. Sollten diese Klagen in den kommenden Monaten noch lauter werden, dann ist anzunehmen, dass Zapatero sie erhören wird und trotz des Drucks der Medien die Werbung im TV einschränken wird.

Für die Aktienkurse von Prisa, Sogecable, Antena3 und Telecinco werden die kommenden Monate in jedem Fall noch zahlreiche Bewegung bringen, da immer neue Gerüchte über die geplante Reform die Märkte verunsichern.

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