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09.05.2017

10:15 Uhr

Märkte nach der Wahl

„Von Euphorie kann keine Rede sein“

VonAndrea Cünnen

Die Börsianer knüpften an Emmanuel Macrons große Erwartungen – in den vergangenen Wochen bescherte er den Börsen Höhenflüge. Doch ausgerechnet am Tag nach dem Sieg ist die Wirkung verpufft. Der Dax notiert im Minus.

Japans Börse legte am Tag nach dem sozialliberalen bei den französischen Präsidentschaftswahlen zu - Frankreichs Börse verlor. AFP; Files; Francois Guillot

Macron im japanischen Fernsehen

Japans Börse legte am Tag nach dem sozialliberalen bei den französischen Präsidentschaftswahlen zu - Frankreichs Börse verlor.

FrankfurtIst Vorfreude die schönste Freude? In gewisser Weise schon. Seit Emmanuel Macron vor gut zwei Wochen den Einzug in die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen geschafft hat, setzen die Börsen zu neuen Höhenflügen an. Jetzt, da der Sieg des sozialliberalen Macrons gegen die rechtsextreme Marine Le Pen feststeht, feiern die Börsianer nur noch im Stillen.

Der deutsche Leitindex Dax ist zwar kurz nach der Handelseröffnung am Montag auf ein neues Rekordhoch von 12.762 Punkten gestiegen. Das entspricht aber nur einem Aufschlag von 0,4 Prozent – und seit der ersten Wahlrunde in Frankreich war es bereits das achte Dax-Rekordhoch in Folge. Doch dann gab der Dax seinen frühen Gewinn wieder ab und rutschte ganz leicht ins Minus. Frankreichs Leitindex CAC 40 fiel sogar um 0,7 Prozent. Allerdings hatte der CAC 40 in den vergangen beiden Wochen bereits über sieben Prozent zugelegt, beim Dax betrug das Plus 4,6 Prozent.

Das wirtschaftspolitische Programm von Emmanuel Macron

Steuern

Die Unternehmenssteuer soll von derzeit 33 auf 25 Prozent gesenkt werden. Die Steuergutschrift für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung (CICE) soll umgewandelt werden in eine dauerhafte Entlastung für Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen.

Arbeitszeit

An der 35-Stunden-Woche soll festgehalten werden. Allerdings könnte sie flexibler geregelt werden, indem Betriebe über die tatsächliche Arbeitszeit mit ihren Beschäftigten verhandeln.

Geringverdiener

Sie sollen von bestimmten Sozialabgaben befreit werden. Dadurch könnten Niedriglohnempfänger einen zusätzlichen Monatslohn pro Jahr in ihren Taschen haben.

Investitionen

Binnen fünf Jahren sollen 50 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern investiert werden. 15 Milliarden Euro davon sollen in bessere Aus- und Weiterbildung gesteckt werden, um die Einstellungschancen von Jobsuchenden zu verbessern. Ebenfalls 15 Milliarden Euro sind geplant, um erneuerbare Energien zu fördern. Weitere Milliarden sind für die Landwirtschaft, die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, für Infrastruktur und Gesundheitswesen geplant.

Einsparungen

60 Milliarden Euro an Einsparungen sind bei den Staatsausgaben vorgesehen, die in Frankreich traditionell hoch sind. Zehn Milliarden Euro soll der erwartete Rückgang der Arbeitslosenquote von derzeit etwa zehn auf sieben Prozent bringen, indem die Ausgaben für Arbeitslosengeld sinken. Durch eine verbesserte Effizienz soll das Gesundheitswesen zehn Milliarden einsparen, weitere 25 Milliarden Euro die Modernisierung des Staatsapparates.

Bildung

In Gegenden mit niedrigem Einkommen soll die Schülerzahl auf zwölf pro Klasse begrenzt werden. Lehrer sollen als Anreiz für eine Arbeit in solchen Regionen einen Bonus von 3000 Euro pro Jahr bekommen. Mobiltelefone in Schulen sollen für Kinder bis 15 Jahren verboten werden. Alle 18-Jährigen sollen einen Kulturpass im Wert von 500 Euro erhalten, den sie beispielsweise für Kino-, Theater- und Konzertbesuche ausgeben können.

Auch an der Mehrzahl der asiatischen Börsen herrschte zum Wochenstart noch deutlichere Erleichterung über den klaren Wahlsieg des proeuropäischen Kandidaten. Allen voran legte in Japan der Nikkei 225 fast zweieinhalb Prozent zu. „Von Euphorie kann aber keine Rede sein, denn letztlich hatten Marktteilnehmer nichts anderes erwartet“, meint Wolfgang Albrecht, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. „Es ist ja nicht so, dass Aktienanleger in den vergangenen Monaten besonders vorsichtig oder gar ängstlich agiert hätten“, sagt dazu Markus Reinwand, Aktienanalyst bei der Helaba. Dabei waren die Aktienmärkte trotz der politischen Unsicherheiten schon vor dem Einzug Macrons in die zweite Präsidentschaftswahlrunde gestiegen.

Dennoch: „Auf jeden Fall reduziert die Tatsache, dass die Euro-Gegnerin Marine Le Pen nicht Präsidentin geworden ist, das gefühlte politische Risiko in Europa“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Fidelity International. Jetzt komme es darauf an, dass Macron seine Wahlkampfversprechungen auch umsetzt, meint Francois Cabau, Volkswirt bei der britischen Großbank Barclays.

Inwieweit Macron seine Vorhaben umsetzen kann, wird nun vom Ausgang der Parlamentswahlen im Juni abhängen sowie von Macrons Fähigkeit, dort eine Mehrheit zu finden. Roemheld erwartet aber, „dass Macron als Präsident pragmatisch verfahren wird und einige Reformvorhaben durchsetzen kann. Das wäre für das Wachstumspotenzial der französischen Volkswirtschaft von Vorteil.“ Macrons Programm sieht vor, die Staatsquote zu reduzieren, Unternehmenssteuern zu senken und die Arbeitsmärkte flexibler zu gestalten. Außerdem ist er ganz klar pro-europäisch orientiert.

Das sagen Ökonomen zum Wahlsieg Macrons

Michael Menhart (Chefvolkswirt Munich Re)

„Abzuwarten bleibt nun das Ergebnis der Parlamentswahlen im Juni. Macron kann nicht wie andere Präsidentschaftskandidaten auf die Unterstützung einer etablierten Partei zurückgreifen, auch wenn seine 'En Marche'-Bewegung in der letzten Zeit Unterstützer dazugewonnen hat. Im schlimmsten Fall droht Macron die 'Cohabitation' – das heißt, er müsste ohne eigene Mehrheit im Parlament regieren. Ernstzunehmende Reformen wären dann schwer umsetzbar.“

Thomas Gitzel (Chefvolkswirt VP Bank)

„An den Finanzmärkten dürfte der Sieg von Emmanuel Macron für Erleichterung sorgen. Trotz der klaren Umfrageergebnisse zugunsten von Macron saß der Stachel des Brexit-Votums und der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl noch tief. Ein gewisses Unwohlsein war deshalb vorhanden. Der Euro könnte noch leicht profitieren, da nun Spekulationen auf eine Ende der ultra-lockeren EZB-Geldpolitik zunehmen werden. Doch gerade hierbei ist Obacht angesagt. Die Inflationsraten im gemeinsamen Währungsraum werden noch über längere Zeit hinter den EZB-Vorgaben zurück bleiben. Grund für eine raschen geldpolitischen Kurswechsel besteht aus diesem Blickwinkel nicht. Die US-Notenbank bleibt derweil bei ihren moderaten Zinserhöhungen. Die transatlantische Zinsdifferenz spricht deshalb auf Sicht der kommenden Wochen für einen festeren US-Dollar. Daran ändert auch der Wahlsieg von Emmanuel Macron nichts.“

Clemens Fuest, Präsident Ifo-Institut

„Mit dem Sieg von Emmanuel Macron ist die Gefahr einer tiefen politischen und ökonomischen Krise für Frankreich und die gesamte EU abgewendet. Nun steht der Präsident vor der schwierigen Aufgabe, Frankreich zu reformieren, um die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu überwinden. Wenn ihm das gelingt, wird ganz Europa davon profitieren.

Für Deutschland wird Emmanuel Macron ein herausfordernder, aber konstruktiver Partner sein. Für die europäische Währungsunion wünscht Macron sich mehr Gemeinschaftshaftung und mehr Umverteilung. Es ist wichtig, dass Deutschland eigene Konzepte zur Weiterentwicklung der Euro-Zone entwickelt, um für die anstehenden Gespräche vorbereitet zu sein.“

Bruno Cavalier, Chefvolkswirt der Bank Oddo BHF

„Macron hat wie erwartet einen Erdrutschsieg gegen Le Pen erzielt. Aber es gab viel mehr Nichtwähler oder leere Wahlzettel als in der ersten Runde, was darauf hindeutet, dass ein großer Teil der französischen Wähler nicht mit den Projekten von Macron einverstanden war.

Die politische Lage in Frankreich ist noch nie so zersplittert gewesen. Ziel von Marcron wird es sein, eine Mehrheit bei der Wahl zur Nationalversammlung im Juni zu gewinnen. Das liegt sicherlich nicht außer Reichweite, betrachtet man die Spaltung innerhalb der Mitte-Rechts-Partei.“

Achim Wambach, Präsident des Zew-Instituts

„Entscheidend für die zukünftige Entwicklung in Europa wird vor allem sein, inwiefern es Emmanuel Macron gelingt, die Wirtschaft in Frankreich wieder in Gang zu bringen. In den vergangenen Jahren ist die wirtschaftliche Entwicklung in Frankreich der in Europa hinterhergelaufen. Hier kann Macron ansetzen, indem er die dringend notwendigen Strukturreformen in Frankreich voranbringt. Sein Programm sieht vor, die Staatsquote zu reduzieren, Unternehmenssteuern zu senken und die Arbeitsmärkte flexibler zu gestalten.

Von der wirtschaftlichen Erholung Frankreichs und einem starken Partner können Deutschland und Europa nur profitieren. Ausschlaggebend dafür wird aber sein, wie die Wahl zur französischen Nationalversammlung im Juni ausgehen wird und ob Emmanuel Macron eine stabile Mehrheit für seine Pläne findet.“

Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverband BGA

„Das war eine Schicksalswahl für Europa. Die Franzosen haben für Europa und die Vernunft gestimmt. Es gibt keine bessere Nachricht für Deutschland: Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Emmanuel Macron. Wir haben die große Hoffnung, dass er die nötigen Reformen macht und die Weichen stellt für eine positive Entwicklung: für die Menschen, für die Wirtschaft und für Europa.

Für Europa heißt das, dass man sich jetzt an die Arbeit machen muss. Dass die rechtsextreme Marine Le Pen in die Stichwahl gelangt ist, war ein Warnsignal. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Der Wahlausgang ist ein klarer Auftrag, die europäische Zusammenarbeit zu erneuern und zu vertiefen.“

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

„Jetzt herrscht in Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten verständlicherweise Erleichterung. Auch ich freue mich. Aber nach der Wahl ist vor der Wahl. Macron wird bei den Parlamentswahlen im Juni kaum eine absolute Mehrheit erringen. Das spricht - zusammen mit seinem zögerlichen Programm - gegen eine beherzte Reformpolitik in Frankreich. Diese aber braucht das Land dringend. Außerdem stehen spätestens im Mai 2018 Parlamentswahlen in Italien an, wo das Lager der Links- und Rechtspopulisten ähnlich stark ist wie in Frankreich. Der Euro-Raum kommt nicht zur Ruhe.

Bislang haben es die Gegner einer Mitgliedschaft in der Währungsunion in keinem Land an die Regierung geschafft. Aber die EU darf sich nicht nur von Wahl zu Wahl hangeln. Europa braucht endlich eine gemeinsame Vision für solide Staatsfinanzen, die aber auch mit einem französischen Präsidenten Macron nicht in Sicht ist. Schließlich ist er für gemeinsame Anleihen, die die Bundesregierung zurecht ablehnt.“

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

„Dies ist ein guter Tag für Frankreich, für Deutschland und für ganz Europa. Mit Emmanuel Macron hat Frankreich nun einen Präsidenten, der die besten Voraussetzungen mitbringt, um die Wirtschaft Frankreichs zu erneuern und Europa zu reformieren.

Macron steht vor ähnlich großen Herausforderungen wie Gerhard Schröder als Bundeskanzler vor 15 Jahren. Er muss harte Wirtschaftsreformen anstoßen und einen Mentalitätswandel herbeiführen, aber auch über 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler mitnehmen, die in der ersten Wahlrunde für links- oder rechtsextreme Kandidaten gestimmt haben und alle die, die sich enthalten haben.

Die Bundesregierung muss sich offener gegenüber gerechtfertigter Kritik aus Europa und Frankreich zeigen. Macron hat wiederholt die Bundesregierung für ihre Wirtschaftspolitik - die Investitionsschwäche, der Handelsüberschuss und die restriktive Finanzpolitik - kritisiert. Die Bundesregierung sollte diese Kritik konstruktiv annehmen und daran arbeiten, für das Wohl Europas als Ganzes und im Eigeninteresse ihren Beitrag dafür zu leisten, dass sich die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa zurückbilden.“

Holger Sandte, Nordea-Chefsvolkswirt

„Das war der erwartete klare – und ich meine auch verdiente – Erfolg für Macron. Ich rechne mit einem guten Abschneiden von En Marche! auch bei der Parlamentswahl. Macron's wirtschaftspolitischen Pläne werden Frankreich voranbringen, wenn er sie umsetzen kann. Nach fünf mehr oder weniger verlorenen Jahren darf Frankreich diese Chance nicht vergeigen, sonst werden die Extremisten noch stärker.“

Auch die Strategen des Vermögensverwalters Amundi sind optimistisch: Macron könne nach den Wahlen zur Nationalversammlung im Juni entweder mit einer parlamentarischen Mehrheit regieren oder im ungünstigeren Fall mit einer Koalition. Doch auch deren Bildung sollte vergleichsweise einfach sein. Sowohl französische als auch europäische risikoreiche Anlagen würden dann weiter an Attraktivität gewinnen, da das Frankreich-Risiko und das EU-Systemrisiko „Frexit“ irrelevant werden.

Amundi favorisiert deshalb weiter risikoreiche europäische und französische Anlagen. Der Vermögensverwalter Blackrock ist zwar nicht euphorisch, aber zumindest optimistisch: „Das französische Wahlergebnis bestätigt unsere Ansicht, dass die Märkte das politische Risiko in Europa bis vor Kurzem überschätzt haben.“ Nun könnten verbesserte Wachstumsaussichten dazu führen, dass Investoren erneut Kapital in Richtung Europa lenken.

Kommentare (8)

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Herr Tom Schmidt

08.05.2017, 10:36 Uhr

Also echt!

Mit was wurde denn sonst gerechnet? Der Favorit hat gewonnen, die Kursentwicklung hat die Börse vorweggenommen und wenn es dann auch so kommt, ist die Story vorbei! Finanz-Journalisten sollten das kennen!

Herr Werner Müller

08.05.2017, 10:45 Uhr

...wir sollten uns warm anziehen. Macron wird mit aller Macht und Dramatik versuchen, die Schulden Europas, und damit auch die Schulden Frankreichs, zu sozialisieren, d.h. EURO-Bonds werden kommen. Die deutschen Politiker werden sich vor der Wahl natürlich vehement dagegen sträuben, nach der Wahl wird die dann sicherlich wieder regierende große Koalition unter Merkel dies als "alternativlos" durchwinken - wetten??

G. Nampf

08.05.2017, 10:59 Uhr

@ Werner Müller08.05.2017, 10:45 Uhr

"Macron wird mit aller Macht und Dramatik versuchen, die Schulden Europas, und damit auch die Schulden Frankreichs, zu sozialisieren, d.h. EURO-Bonds werden kommen."


Entweder Macron scheitert damit, dann ist er weg vom Fenster und Le Pen triumphiert.

Oder er setzt sich damit durch, dann triumphiert hier die AfD.

In beiden Fällen sitzen die Verlierer in Brüssel.

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