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02.07.2014

08:12 Uhr

Max Otte, Gottfried Heller & Co.

Die Börsen – viel Psychologie, kaum Fakten?

VonJessica Schwarzer

Emotionen bestimmen das Treiben an den Märkten. Das wusste schon André Kostolany. Er war überzeugt, die Börse reagiere gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Doch wie viel Psychologie steckt wirklich in den Kursen?

Börsenaltmeister André Kostolany war bekannt für seine weisen Sprüche. Imago

Börsenaltmeister André Kostolany war bekannt für seine weisen Sprüche.

DüsseldorfDas Leben steckt voller Emotionen. Menschen sehen, schmecken, riechen, hören oder tasten. Und all das weckt Gefühle. Menschen sehen nie einfach nur ein Auto, sondern ein schönes oder hässliches, ein teures oder billiges Auto. Im Zweifel weckt der sportliche Flitzer des Nachbarn auch Neid und Missgunst oder den dringenden Wunsch, ein ähnliches ober sogar noch besseres Gefährt zu kaufen. Entscheidungen werden hoch emotional getroffen. Das ist an der Börse nicht anders als beim Autokauf.

Einer, der erkannt hat, wie emotional Menschen bei der Geldanlage agieren, war André Kostolany. „Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten“, sagte der Börsenaltmeister einst. „Alles andere ist Psychologie.“ Kostolanys einfache Antwort darauf, was die Märkte bewegt, lautet also: Stolze 90 Prozent dessen, was an der Börse geschieht, sind Emotionen. Manfred Hübner vom Analysehaus Sentix kann dieser Börsenweisheit nur zustimmen. „Unabhängig davon, wie viel Prozent exakt der Faktor Psychologie ausmacht, stimmt die Aussage in der Tendenz“, sagt der Experte für Börsenpsychologie. „Die Wahrnehmung der Menschen ist nicht nur rational, sondern auch emotional geprägt.“ Sein Haus misst wöchentlich die Stimmung der Anleger und zieht daraus wichtige Erkenntnisse über die Psychologie der Investoren und die künftige Börsenentwicklung.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Obwohl viele Börsenexperten sehr wohl wissen, wie gefühlsgeladen die meisten Anlageentscheidungen sind, waren Emotionen lange das Stiefkind der Forschung, für Ökonomen eine Art Störfeuer. Die klugen Köpfe ignorierten den wahren, den emotionalen Menschen. Stattdessen setzten sie bei ihren Berechnungen und Modellen lange Jahre auf den „Homo Oeconomicus“. Dieses Phantasiewesen handelt logisch, rational, vollkommen emotionslos, eigennützig und ist einzig auf seinen materiellen Nutzen und seinen Vorteil aus. Er weiß ganz genau, was er will. Gier oder Angst, Unentschlossenheit oder Panik sind ihm völlig fremd. Nur leider ist der echte Mensch auch nicht im Entferntesten verwandt mit diesem Modellwesen.

Der handelt nämlich sehr wohl emotional und macht an der Börse viele Fehler. Mal ist er „branchenverliebt“, viel zu heimattreu. Dann wieder sind seine Urteile völlig verzerrt, er folgt blind seinem Bauchgefühl, oder er lässt sich von anderen mitreißen, nimmt Chancen und Risiken falsch wahr. Zweifel, Zuversicht Gier, Hochmut, Schrecken, Hoffnung, Ratlosigkeit, Angst, Panik, Reue und Abscheu – Anleger durchlaufen bei der Geldanlage eine Vielzahl von Gemütszuständen. Es ist ein sich wiederholender Zyklus. Es sind immer wieder dieselben Gedanken, dieselben Reaktionen und dieselben Fehler.

Dass die Psychologie unser Anlageverhalten nicht nur beeinflusst, sondern zu einem großen Teil bestimmt, haben längst auch die Forscher erkannt. Inzwischen beschäftigt sich ein eigener Forschungszweig, die Behavioral Finance, mit dem pseudo-rationalen Anlageverhalten. Diese noch recht neue Wissenschaft – zu deutsch verhaltensorientierte Finanzmarktanalyse – berücksichtigt die Tatsache, dass sich die Anleger eben nicht streng rational verhalten.

Kommentare (2)

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Justus Weber

02.07.2014, 08:31 Uhr

Ein sehr spannendes und schönes Thema mit einigen alltagstauglichen Weisheiten.

Aber als Sozialwissenschaftler & Psychologe rollen sich bei mir natürlich die Fussnägel hoch.

Kurz - Psychologie umfasst das menschliche Erleben & Verhalten - so lange Computer nicht gänzlich bestimmen (der Faktor Mensch also nicht involviert ist), ist also 100% Psychologie im Spiel. Manchmal eben ganz unbewusst.

Herr Uwe Warschkow

02.07.2014, 11:13 Uhr

Ich dachte immer der richtige Ein-und Ausstiegszeitpunkt,wäre neben der richtigen Auswahl,einer breiten Streuung und einer regelmäßigen Depot-Überprüfung wichtig für den Anlageerfolg.
Gegen den Herdentrieb,der Panik,der Gier und anderen menschlichen Eigenschaften ist eh kein Kraut gewachsen.

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