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23.02.2014

13:43 Uhr

Mittelstandsanleihen

Karnevalisten feiern die Minibonds

VonJessica Schwarzer, Sara Zinnecker

Nicht nur die Jecken rüsten sich zum Karneval, auch der deutsche Mittelstand steht bereit: Auf einem eigenen Mottowagen wirbt die Branche für ihre Anleihen. Um deren ramponierten Ruf zu kitten, braucht es jedoch mehr.

Er strotzt nur so vor Muskeln: der deutsche Mittelstand. Um die Ecke jedoch lauert der gierige Banker. Mit einem eigenen Mottowagen wirbt die Branche auf dem diesjährigen Düsseldorfer Rosenmontagszug für ihre Anleihen.

Er strotzt nur so vor Muskeln: der deutsche Mittelstand. Um die Ecke jedoch lauert der gierige Banker. Mit einem eigenen Mottowagen wirbt die Branche auf dem diesjährigen Düsseldorfer Rosenmontagszug für ihre Anleihen.

DüsseldorfWenn er die Arme nach oben reißt und die Fäuste ballt, sprengen die Muskelpakete an beiden Armen fast seinen zartgrauen Pullover; wenn er lacht, blitzen die Zähne noch weißer, seine Mine wirkt noch selbstbewusster: Der überlebensgroße Mann aus Pappmaschee, der da in der Düsseldorfer Wagenbauhalle auf dem Karnevalswagen prangt, ist nicht Arnold Schwarzenegger, ist nicht Vitali Klitschko – es handelt sich um Mister Mittelstand, Star und Stütze der deutschen Wirtschaft.

Doch Mister Mittelstand hat es nicht leicht. Denn um die Ecke am Wagen lauert bereits sein Widersacher, ein dicklicher Anzugträger mit Dollarzeichen in den Augen. Es ist der Banker, der sich mit seinen riesigen Zähnen an der „Kreditklemme“ festbeißt.

Muskulöser Mittelständler gegen gierigen Banker also. Die Botschaft, die der bekannte Wagenbauer Jacques Tilly im Auftrag der Düsseldorfer Artus Vermögensverwaltung umgesetzt hat, ist klar: Als Verursacher der Finanzkrise müssen sich Banken stärkerer Regulierung unterwerfen, zögern damit, Kredite zu vergeben, weil ihnen das nun nötige höhere Eigenkapital fehlt. Mittelständler, Rückgrat der deutschen Wirtschaft, können sich auf die Banken als Finanzierungspartner nicht länger verlassen.

Allerdings: Ein wenig paradox ist es schon, dass am Rosenmontag die Chefs von Bastei-Lübbe, Sanha, Underberg, Karlsberg, Sanders, Strenesse und Ekosem Agrar gemeinsam mit Vertretern der Börse Düsseldorf und Artus-Chef Klaus Hinkel als „Bond-Brothers“ auf dem Mottowagen stehen werden und die Werbetrommel für eine Finanzierungsalternative rühren, die zuletzt so in der Kritik stand: die Mittelstandsanleihen. Zur Erinnerung: Allein im vergangenen Jahr zehn Mittelständler Insolvenz anmelden und konnten ihre Anleihen nicht mehr bedienen.

Fakten zu Mittelstandsanleihen

Viele Pleiten

Insgesamt 27 Anleihen von 23 Emittenten mit einem platzierten Anleihevolumen von fast einer Milliarde Euro sind laut der Ratingagentur Scope seit 2010 ausgefallen.

Hohe Renditen

Mittelstandsanleihen locken mit hohen Zinskupons. Bei den seit 2010 begebenen 150 Papieren reicht das Spektrum von 4,0 bis immerhin 11,25 Prozent.

Milliardenmarkt

In diesen fünf Segmenten sind 113 Anleihen mit einem Volumen von 5,5 Milliarden Euro emittiert worden. Tatsächlich platziert wurden nach Angaben der Ratingagentur Scope 4,14 Milliarden Euro. Weitere 37 Anleihen mittelständischer Unternehmen sind im Prime Standard oder im Freiverkehr (Strenesse) notiert. Insgesamt kommt Scope auf ein Volumen von 7,26 Milliarden Euro (platziert 5,77 Milliarden Euro).

Spezielle Marktsegmente

Die meisten Minibonds – mehr als 100 – sind in speziellen Segmenten an den deutschen Börsen notiert, und zwar Bondm in Stuttgart, m:access in München, Mittelstandsmarkt in Düsseldorf, Mittelstandbörse in Hamburg-Hannover und dem Frankfurter Entry Standard. Einige wenige Anleihen finden sich im Prime Standard der Frankfurter Börse wieder, der stärker reguliert ist als die Mittelstandssegmente. Die Anleihe des insolventen Modelabels Strenesse ist dagegen lediglich im Freiverkehr (Open Market) der Frankfurter Börse gelistet, dem am wenigsten regulierten Markt.

Kleine Bonds

Mittelstandsanleihen gibt es seit 2010. Die Minibonds sollen Mittelständlern neue Finanzierungsmöglichkeit über den Bankkredit hinaus ermöglichen.

Für Artus-Chef Klaus Hinkel waren diese Fälle jedoch Besonderheiten: Die meisten der zuletzt insolventen Unternehmen seien im Bereich der der Erneuerbaren Energien tätig gewesen. Dagegen handele es sich bei den auf dem Wagen vertretenen Unternehmen um solide Mittelständler mit gutem Geschäftsmodell. Selbst das bayerische Modelabel Strenesse, das noch am Donnerstag eine Gläubigerversammlung einberufen hatte, um die Rückzahlung der eigenen Anleihe zu verlängern, sei ein gutes Unternehmen – man habe es nur schlecht beraten.

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