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18.12.2014

08:08 Uhr

Mittelstandsanleihen

Weg mit dem Schrott

VonSara Zinnecker

Anleger sitzen auf Pleitebonds, Unternehmen haben sich von Mittelstandsanleihen distanziert – jetzt hat sich die erste Börse zurückgezogen: Minibonds scheinen angeschlagen wie nie. Ist das Segment noch zu retten?   

Der Schrott muss aussortiert werden: Das gilt auch für Mittelstandsanleihen.

Der Schrott muss aussortiert werden: Das gilt auch für Mittelstandsanleihen.

DüsseldorfDie Bilanz fällt auch in diesem Jahr alles andere als berauschend aus: Acht Emittenten von Mittelstandsanleihen haben 2014 Insolvenz eingereicht, gerade mal einer weniger im Vorjahr. Rund jede zwölfte Anleihe ist damit betroffen. Dabei gehen die Pleiten mittlerweile weit über den anfälligen Sektor der Erneuerbaren Energien hinaus, sondern betreffen alle Branchen. Nach wie vor sind scheinbar immer wieder Betrüger am Werk, auch bei mehreren der jüngeren Pleiten – Mox Telecom und Mitteldeutsche Fahrradwerke Mifa –  ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Bereits im Sommer hatten sich erste Mittelständler öffentlich vom Segment distanziert, allen voran der Verlag Bastei Lübbe. Jetzt hat sich die Situation weiter zugespitzt: Mit der Börse Stuttgart zieht sich jetzt auch der erste Handelsplatz aus dem Mittelstandssegment zurück. Solide Mittelständler würden sich längst wieder über Banken refinanzieren, übrig blieben unattraktive Unternehmen, lautet die offizielle Begründung von Börsenchefs Christoph Lammersdorf – oder schlicht: „Der Markt ist tot“. Deutlicher geht es nicht. Das erst 2010 aus der Taufe gehobene Segment wirkt angeschlagen wie nie.

Schon befürchten die ersten eine Kettenreaktion. Anleger fragen sich, ob die Stuttgarter Börse mit ihrem Rückzug das Sterben des Mittelstandsmarktes eingeläutet hat. Danach gefragt, geben Kapitalmarktexperten – Investoren, Berater und Banker – jedoch relativ schnell Entwarnung. Der Tenor lautet stattdessen: Unter den Mittelstandsbörsen habe Stuttgart – aus mehreren Gründen – eine Sonderstellung eingenommen und das Ausscheiden diene daher nicht als Blaupause für andere Börsenplätze.

Der Markt für Mittelstandsanleihen

Wie viele Mittelstandsanleihen gibt es?

Seit 2010 wurden insgesamt 122 Mittelstandsanleihen an den Börsen Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg und München emittiert. Zurzeit sind noch 56 Mittelstandsanleihen in Frankfurt gelistet, 18 in Stuttgart, 14 in Düsseldorf, 3 in München und 2 in Hamburg/Hannover (insgesamt 93).

Welche Mittelstandsanleihen wurden 2014 begeben?

Im Jahr 2014 wurden 13 Mittelstandsanleihen emittiert:

Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH

GEWA 5 to 1 GmbH & Co. KG

Adler Real Estate AG

HanseYachts AG

Penell GmbH

VEDES AG

Beate Uhse AG

UBM Realitätenentwicklung AG

DIC Asset AG

EYEMAXX Real Estate AG

KSW Immobilien

KTG Agrar (14/19)

German Pellets

Die größten Emissionen im Jahr 2014

Die größten Emissionsvolumen:

UBM Realitätenentwicklung AG: 150 Millionen Euro

DIC Asset AG: 125 Millionen Euro

German Pellets: 100 Millionen Euro

Adler Real Estate AG: 100 Millionen

Die Mittelstandspleiten 2014

Diese acht Emittenten haben 2014 ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt (Börsenplatz in Klammern): Günther Zamek Produktions- und Handelsgesellschaft (Düsseldorf), Rena GmbH (Frankfurt), Schneekoppe (Düsseldorf), Mox Telecom AG (Stuttgart), MIFA Mitteldeutsche Fahrradwerke AG (Frankfurt), MS „Deutschland“ Beteiligungsgesellschaft mbH (Frankfurt), MT-Energie GmbH (Düsseldorf), Golden Gate (Frankfurt). Zwei weitere, im Freiverkehr notierte Anleihen, sind ebenfalls ausgefallen: das Modelabel Strenesse und WGF Westfälische Grundbesitz.

Insgesamt fielen in den Mittelstandssegmenten der deutschen Börsen seit Gründung 2010 schon 24 Anleihen aus – oder die Emittenten befinden sich aktuell noch im Insolvenzverfahren. Acht Anleihen entfallen davon auf Stuttgart, neun auf Frankfurt, fünf auf Düsseldorf und jeweils eine auf Hamburg/Hannover und München.

Wie viele Anleihen gibt es im Entry Standard?

Im Frankfurter Entry Standard für Unternehmensanleihen sind 56 Anleihen gelistet. Davon sind drei Emittenten insolvent (MIFA, MS Deutschland, Golden Gate) und eine Anleihe ist im Transfermodus (Sanochemia). Seit September 2011 gab es an der Frankfurter Börse neun Anleihepleiten, die laufenden Insolvenzfälle mit eingerechnet.

Wie viele Pleiten gab es an der Stuttgarter Börse?

Insgesamt emittierten an der Stuttgarter Börse 32 Unternehmen. Acht davon gingen pleite, einige mehr wurden vorzeitig oder regulär zurückgezahlt. 18 Anleihen sind derzeit noch gelistet.

„Für die Stuttgarter Börse ist der Rückzug jetzt eine Frage der Reputation“, glaubt zum Beispiel Allan Valentiner, Vorstand des Vermögensverwalters AMF Capital. „Sie war die erste Börse mit einem eigenen Mittelstandssegment, sie will nicht riskieren, einmal als Pleitebörse in Erinnerung zu bleiben.“

Holger Clemens Hinz, der als Managing Director der Quirin Bank selbst diverse Emissionen begleitet hat, kennt eine weitere Besonderheit: Als traditionelle Privatanlegerbörse Stuttgart habe sich diese nicht rechtzeitig an die sich wandelnden Marktgegebenheiten angepasst. „Am Anfang hat es Stuttgart geschafft, Anleihen fast ausschließlich bei Privatanlegern zu platzieren. Die Nachfrage damals war sehr groß, es herrschte ein Boom“. Allerdings ebbte dieser mit der Zeit ab und institutionelle Investoren als Abnehmer wurden immer wichtiger.

„Am Ende wollen die Unternehmer wissen, dass ihre Anleihe sicher platziert werden kann. Das konnte die Stuttgarter Börse mit ihrem Modell nicht leisten“, sagt Hinz. So gesehen erscheint der Rückzug der Stuttgarter Börse in einem anderen Licht: Nicht der ganze Markt für Mittelstandsanleihen würde demnach vor dem Scheitern stehen, sondern lediglich ein stark auf Privatanleger fixierter Teil.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

18.12.2014, 19:14 Uhr

Nachdem die EZB öffentlich erwägt, trotz Verbot auch Staatsanleihen schlechter Qualität zu Lasten der Steuerzahler erwerben zu wollen, bleibt darauf zu warten, daß sie ebenso privaten Schrott aufnehmen wird.

Damit profitierten gewisse Leute, die zuvor darauf vertrauend billig ankauften.
Dieses Geschäftsmodell dürfte Draghi als altem Italiener vertraut sein.

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