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16.08.2012

14:15 Uhr

Mittelstandsbonds

Bei welchen Anleihen Gefahr droht

Quelle:WirtschaftsWoche

Mittelständler haben in den vergangenen Monaten an der Börse Hunderte Millionen Euro eingesammelt. Die ersten Unternehmen sind jetzt pleite. Vermutlich werden weitere folgen. Wie Anleger ausgetrickst werden.

Das Investment in hochprozentige Mittelstandsanleihen bescherte etlichen Anlegern einen Kater. dpa

Das Investment in hochprozentige Mittelstandsanleihen bescherte etlichen Anlegern einen Kater.

DüsseldorfAn einem Mittwoch flatterte Käufern einer Anleihe des Solarmodulherstellers Solarwatt eine erfreuliche Mitteilung ins Haus. Wenigstens 16 Prozent ihres angelegten Geldes werden sie wiedersehen. Wer Ende 2010, als die Anleihe aufgelegt worden war, 10.000 Euro in das Papier steckte, wird also voraussichtlich 1600 Euro davon zurückerhalten. Die Investoren dürfen BMW-Großaktionär Stefan Quandt danken. Der Milliardär hatte sich mit 36 Prozent als größter Aktionär an Solarwatt beteiligt. Er unterstützt das Unternehmen, das sich nach einer Pleite in Sanierung befindet, in einem speziellen sogenannten Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung. Wäre Solarwatt nur in ein sogenanntes Regelinsolvenzverfahren gegangen, würden Solarwatt-Anleiheinvestoren kaum 16 Prozent ihrer Gelder wiedersehen. Laut dem Institut für Mittelstandsforschung in Bonn bekommen Gläubiger dann im Durchschnitt nur 3,6 Prozent ihrer Forderungen ausgezahlt. In zwei Dritteln aller Regelverfahren bliebe am Ende gar nichts übrig.

Bankenkrise ist der Grund des Booms

Solarwatt ist nur ein Beispiel für Pleiten, Pech und Pannen bei Minibonds – Anleihen von Mittelständlern, die seit einigen Jahren an speziell für sie geschaffenen, neuen Segmenten der deutschen Börsen notiert werden.

Die Wurzel des Booms liegt in der Bankenkrise: Immer mehr Mittelständler wollen sich unabhängiger von wackligen Geldhäusern machen. Zupass kommen ihnen die enorm gesunkenen Zinsen für sichere Investments: Anleger suchen fast schon verzweifelt nach Gelegenheiten, die wenigstens etwas mehr als das eine Prozent aufs Tagesgeld bringen. Genau um diese privaten Investoren werben Unternehmer seit zwei Jahren gezielt: Sie bieten Papiere ab 1.000 Euro und Zinsen von mehr als sechs Prozent an. Der Solarwatt-Bond etwa sollte sich mit sieben Prozent jährlich verzinsen.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Bekannte Namen ziehen Investoren an

Den Zugang zum Kapitalmarkt haben die Börsen mit eifrig geschaffenen Mittelstandssegmenten befeuert: Stuttgart schritt mit bondm voran, Frankfurt machte im Entry Standard Platz für die Mittelständler, Düsseldorf in seinem Mittelstandsmarkt, München in m:access, und auch die Börsen in Hamburg und Hannover listen Minibonds auf ihren Kurstafeln.

Neben der hohen Rendite zog oft auch einfach nur der bekannte Name des um Geld werbenden Unternehmens: Millionen sammelten unter anderem Air Berlin, die semper idem Underberg, die Valensina GmbH oder die Günther Zamek Produktions- und Handelsgesellschaft ein. Mittlerweile stehen bei 55 Bonds rund 2,5 Milliarden Euro an Anlegergeldern im Feuer.

Zweistellige Millionenbeträge davon sind schon per du, weitere dürften folgen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

16.08.2012, 12:36 Uhr

Tja, die in Aussicht gestellten hohen Zinsen sind der Lockstoff, der vom Leim ausgeht an dem die Fliegen kleben bleiben. Was mit den Fliegen passiert dürfte jedem klar sein.
Für mich ist das "EAE" (Earning after everything)entscheidend. Und das über Jahre. Liegt es mindestens 3 mal über die an die Anleger auszuzahlenden Zinsen, habe ich eine schnucklige Ertragsdeckungsquote. Ist das Unternehmen profitabel, EK-Quote von mind. 40%, wenig Bankverbindlichkeiten, dann kann man relativ beruhigt mit eine Hochzinsanleihe des Unternehmens "X" schlafen. Vorher immer einen Blick in die Geschäftsberichte werfen und wie ein Krokodil mit offenen Augen sich zur Ruhe legen. Sprich aufmerksam die Unternehmensnachrichten verfolgen und seine Hausaufgaben machen.

Account gelöscht!

16.08.2012, 12:50 Uhr

Alles eine Folge der Geldschwemme der EZB. Um nach Infaltion und Steuern überhaput noch Kapitalerhalt zu ermöglichen, braucht man eine Verzinsung von 4%. Bei 7% für Mittelstandsanleihen macht man keinen großen Reibach, geht aber gewaltige Risiken ein.

Finanzielle Repression hat eben viele Gesichter.

MSA

16.08.2012, 15:18 Uhr

Was soll uns dieser Artikel sagen? Mal abgesehen davon, dass er reißerisch aufgemacht ist und wenig Tiefgang hat. Wer sein Geld investiert, sollte sich immer ein eigenes Bild davon machen und nicht blind irgend jemandem vertrauen, auch keinem Handelsblatt oder einer Wirtschaftswoche, die im übrigen auch nichts verschenken sondern Geld kassieren für ihre bunt gedruckten Zeitungen und Magazine (so viel zum Thema moderne Wegelagerei).
Und wer das Anlagegeschäft nicht versteht, sollte die Finger davon lassen bzw. Staatsanleihen kaufen (haha). Im übrigen werden Anteile von MSA überwiegend von den aktuellen Emissionsbanken an institutionalisierte Anleger, also "Profis", vermittelt. Der so schön zitierte "Kleine Mann" kauft direkt über die Börse oder über seine Hausbank.

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