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24.07.2012

06:10 Uhr

Moody's senkt Ausblick

Ratingagentur knöpft sich Deutschland vor

Die Ratingagentur Moody's droht Deutschland mit Herabstufung. Sie setzt den Ausblick für die Kreditwürdigkeit auf negativ. Auch die Niederlande und Luxemburg sind betroffen. Das Bundesfinanzministerium reagiert umgehend.

huGO-BildID: 27173428 ARCHIV: Das Firmenlogo der Ratingagentur Moody's in New York. dapd

huGO-BildID: 27173428 ARCHIV: Das Firmenlogo der Ratingagentur Moody's in New York.

London/Washington/New YorkDie Ratingagentur Moody's hat den Ausblick für die Kreditwürdigkeit Deutschlands auf "negativ" herabgestuft. Grund dafür seien mögliche weitere, hohe finanzielle Kosten im Gefolge der Euro-Krise für Griechenland, Spanien und Italien, erklärte die Agentur am späten Montagabend. Solche Kosten müssten dann vor allem wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland als größte Volkswirtschaft der Euro-Zone schultern, hieß es. Auch der Ausblick für die Niederlande und Luxemburg wurde auf "negativ" gesenkt. Bei der Kreditwürdigkeit als solcher behielt Deutschland aber auch bei Moody's nach wie vor die Bestnote, die es auch bei den anderen beiden großen Ratingagenturen innehat.
Das Bundesfinanzministerium reagierte umgehend und betonte, Deutschland bleibe weiter Stabilitätsanker in der Euro-Zone. Man befinde sich auch weiter in einer sehr soliden wirtschaftlichen und finanziellen Lage. Die Einschätzung von Moody's stelle die kurzfristigen Risiken in den Vordergrund, während längerfristige Stabilisierungsaussichten unerwähnt blieben.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Am Geldmarkt kamen die Nachrichten nicht gut an. Der Euro verlor gut 0,2 Prozent, hielt sich mit etwas über 1,21 Dollar aber über dem Zweijahres-Tief von 1,2067 vom Montag. An der Aktienbörse in Tokio verlor der Leitindex Nikkei 0,7 Prozent. Allerdings nannten Händler nicht den geänderten Moody's-Ausblick als Grund, sondern weiter die zugespitzte Lage in Spanien. Die US-Börsen hatten am Montag ebenfalls nachgegeben, was aber ebenfalls auf Spanien und Griechenland zurückgeführt wurde. Die Moody's-Mitteilung kam erst nach US-Börsenschluss.

Ratingagentur: Warum Moody's Deutschland skeptisch sieht

Ratingagentur

Warum Moody's Deutschland skeptisch sieht

In einer Pressemitteilung erklärt die Ratingagentur ihre Entscheidung.

Moody's erklärte, es sei inzwischen wahrscheinlicher geworden, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen könnte. Das könne zu einer ganzen Kette von Schocks an den Finanzmärkten führen, die die Politik nur zu sehr hohen Kosten eindämmen könnten. Zudem könne es sein, dass Deutschland und andere Länder mit der Spitzen-Bonität "Aaa" ihre Unterstützung für angeschlagene Euro-Länder wie Spanien und Italien aufstocken müssten. Die Hauptlast für eine solche Stützung würde auf die stärkeren Staaten der Euro-Zone fallen. Das spiegele sich nun in dem von "stabil" auf "negativ" geänderten Ausblick wider.

Kommentare (42)

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Eurowahn

23.07.2012, 23:28 Uhr

Die Ratingagenturen sind die Nutten der Finanzindustrie ? Dann sind aber die Politiker die Freier der Finanzindustrie. Und man muss Moody`s recht geben. Der deutsche Staat nimmt von Tag zu Tag höhere Risiken für die Pleitestaaten auf seine Rechnung. Zählt man alle Garnatien und Forderungen a die Pleitestaaten zusammen, so wundert es mich sowieso, dass nicht vorher schon eine Abstufung erfolgt ist. Da haben unsere Politiker zu verantworten, die mit hunderten von Milliarden nur so um sich werfen. Wer soll denn die Garantien etc. bezahlne, wenn die fällig werden, abgesehen von Target-2 Forderungen etc.

Die Ratinagenturen prüfen nur ob der Schuldner seine Schulden zum Nominalwert begleichen kann. USA UNd GB drucken einfach Geld, die können ihre Schulden begleichen. Ob das gedruckte Geld auch etwas wert ist, ist wieder eine andere Frage, aber nicht das Proble der USA, sondern der Gläubiger !!

Chrizo

23.07.2012, 23:32 Uhr

Endlich! Es wird zeit, dass jetzt auch Deutschland zu spüren bekommt, dass Rettungsmilliarden, Burgschaften und Garantien kein Spielzeug ist sondern die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands massiv erhöht.....auch wenn wahrscheinlich wieder unsere ach wie Ahnungslosen Politiker kommen und sich wundern und sich ungerecht behandelt fühlen ...genau wie Marco99.....
Die kleine aber feine Ratingagenturen Egan Jones hat Deutschland übrigens nur auf A+. Das kommt dem wahren Rating deutlich näher als ein AAA mit negativem Ausblick.

Paul

23.07.2012, 23:38 Uhr

An dieser Stelle muss man auch mal das Handelsblatt scharf kritisieren, das den Rating-Agenturen durch die Veröffentlichung von solchen Meldungen die Klinke hält. In dieser Meldung fehlt im Sinne einer ausbalancierten Berichterstattung die Vorgeschichte zu den Rating-Agenturen und ZU ihreR Rolle in dieser Krise. Und weiterhin sollte klar sein, dass jeder irgendeine Vorhersage machen kann. Denn nichts anderes sind Ratings: selbst-erfüllende Prophezeiungen im Sinne eines autonomen Systems.

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