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26.02.2013

11:47 Uhr

Nach der Wahl

Zinsen für frisches Geld steigen

Italien konnte bei einer Anleihenauktion wie geplant frischen Geld einsammeln. Allerdings ging die Nachfrage zurück und die Zinsen stiegen. In ganz Europa hatten die Wahlen Auswirkungen auf die Märkte.

Italiens Wahl-Chaos schockt Börsen

Video: Italiens Wahl-Chaos schockt Börsen

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Rom Der drohende politische Stillstand hat die Zinskosten Italiens spürbar erhöht. Bei einer Versteigerung staatlicher Schuldtitel mit einer Laufzeit von einem halben Jahr stieg die zu zahlende Rendite auf 1,24 Prozent, wie die italienische Notenbank am Dienstag in Rom mitteilte. Das ist rund ein halber Prozentpunkt mehr als bei einer vergleichbaren Auktion Ende Januar. Das Ergebnis folgt der Entwicklung im freien Handel, wo die Risikoaufschläge italienischer zu deutschen Staatsanleihen deutlich zulegten.

Trotz der politischen Pattsituation in Italien gelang es dem Land allerdings, mit 8,75 Milliarden Euro so viel Geld wie geplant einzusammeln. Die Nachfrage war jedoch leicht rückläufig. Die Auktion galt als Test für eine am Mittwoch anstehende Versteigerung langlaufender Anleihen im Volumen von 6,5 Milliarden Euro. Italien versucht ausgerechnet in der turbulenten Wahlwoche Staatspapiere im Gesamtvolumen von fast 20 Milliarden Euro zu platzieren. Bereits am Montag hatte das Land den Investoren höhere Zinsen für Staatsanleihen zahlen müssen.

Ökonomen zur Wahl in Italien

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

Wir empfehlen, Staatsanleihen der Peripherieländer wegen der hohen Unsicherheit bis auf weiteres unterzugewichten. Aber wir rechnen nicht mit einer Eskalation der Staatsschuldenkrise wie 2011.“

Folker Hellmeyer, Bremer Landesbank

Alles ist mit allem verknüpft. Die Wahl in Italien ist in der globalen Finanzwirtschaft und damit auch in der globalen Realwirtschaft zunächst als Erschütterung spürbar. Es kann jedoch deutlich mehr werden.

Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef des DIW

„Nur weil sich die politischen Kräfte in Italien in den nächsten sechs Monaten die Köpfe einschlagen, bricht der Euro nicht auseinander. Länger wird die Regierung ohnehin nicht durchhalten.“

Royal Bank of Scotland

"Die eindeutige Botschaft dieser Wahl ist die Ablehnung des Sparkurses. Kurz gesagt ist dieses Wahlergebnis das schlecht möglichste." Selbst eine Berlusconi-Regierung wäre vorzuziehen gewesen, da derzeit niemand das Mandat habe, eventuelle europäische Hilfen zu beantragen.

Torsten Gellert, Managing Director beim Devisenbroker FXCM

„Verliert ein auf frisches Geld vom Kapitalmarkt angewiesenes Land wie Italien das Vertrauen an den Märkten, weil es sich den notwendigen Reformen verweigert, führen die steigenden Finanzierungskosten in einen Teufelskreis, dem nur schwer zu entkommen ist. Italien droht im Falle eines anhaltenden politischen Chaos, zu einem zweiten Griechenland zu werden.“

Am Mittwoch will das Land zudem fünf- und zehnjährige Anleihen am Markt unterbringen. Das Volumen soll bei bis zu 6,5 Milliarden Euro liegen. Zuletzt rentierten zehnjährige Bonds 39 Basispunkte höher bei 4,87 Prozent.

Der Euro fiel auf ein Sechs-Wochen-Tief, die Kurse der italienischen Staatsanleihen gaben nach. Hingegen stiegen die Kurse von deutschen Bundesanleihen und US-Treasuries. Italien hat nach Griechenland die zweithöchste Staatsverschuldung in Europa- sie beläuft sich auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Finanzministerium muss dieses Jahr monatlich Geldmarktpapiere und Anleihen im Volumen von über 30 Milliarden Euro am Markt unterbringen.

Europa zittert vor möglicher Berlusconi-Wiederkehr

Welche Risiken sehen Experten bei einer Wiederwahl Berlusconis?

Besonders drastisch drückt es Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer aus: Eine Wiederwahl Berlusconis „wäre für die Anleger ein Horror-Szenario, die Staatsschuldenkrise würde wieder hochkochen“. Die Renditen für italienische Staatsanleihen dürften wieder in die Höhe schnellen, der mühsame Reformprozess in dem Land könnte abrupt beendet sein. „Italien hat mit Berlusconi bereits viele verlorene Jahre hinter sich, eine Neuauflage würde diese Agonie verlängern“, urteilt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Beim Umbau der Europäischen Union drohe wieder mehr Gegenwind aus Rom, meint Kater - Konfrontation statt Kooperation: „Ein Wahlsieg Berlusconis behindert den Wiederaufbau von Vertrauen in den Euro.“

Würde möglicherweise die EZB eingreifen?

Sollte das hoch verschuldete Land für frisches Geld an den Kapitalmärkten dramatisch höhere Zinsen zahlen müssen, könnte die Europäische Zentralbank (EZB) mit dem Italiener Mario Draghi an der Spitze zumindest in die unangenehme Lage geraten, entscheiden zu müssen, ob sie dem Land zur Seite springt. Die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud, spricht von einer „wahren Bewährungsprobe für Draghi“. Die EZB könnte mit dem Kauf von Staatsanleihen für Entlastung sorgen, doch die Währungshüter haben die Latte dafür selbst hoch gelegt: Erst wenn ein Land einen Hilfsantrag beim Euro-Rettungsfonds ESM stellt und somit politische Reformauflagen akzeptiert, wäre die EZB prinzipiell bereit zum Kauf von Anleihen des betreffenden Staates.

Könnte das Sorgenkind Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen?

Der Rettungsschirm ESM kann Eurostaaten bis zu 500 Milliarden Euro an Krediten geben, im Gegenzug müssen sie strenge Spar- und Reformauflagen erfüllen. Sollte Rom - wie von Berlusconi im Wahlkampf versprochen - Steuern senken, ohne die Ausfälle mit Einsparungen zu kompensieren, könnte die Situation in Europa unangenehm werden, meint Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding: „Ein Italien, das die Regeln bricht, wäre kein Kandidat für Unterstützung durch den ESM oder die EZB“. Über Finanzhilfen entscheidet einstimmig der ESM-Gouverneursrat, der aus den Finanzministern der 17 Euro-Staaten besteht. Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) befürchtet, dass Hilfen für Italien den Rettungsschirm sprengen würden: „Damit gerät die gesamte Rettungsarchitektur in Gefahr.“ Dekabank-Ökonom Kater ist jedoch überzeugt: „Von Rettungsschirmen sind wir weit entfernt.“

Wie wahrscheinlich ist das Worst-Case-Szenario?

„Die Wahl Berlusconis ist nicht mein Hauptszenario“, erklärt Commerzbank-Ökonom Krämer. Stefan Bielmeier von der DZ Bank erwartet, dass das Mitte-Links-Bündnis Bersanis seinen Vorsprung aus den letzten Umfragen halten kann und die neue Regierung in Italien ohne Berlusconi gebildet wird. Auch die Fondsgesellschaft Fidelity hält einen Sieg Bersanis für wahrscheinlich. Die Erleichterung darüber werde zu einer Kursrallye an den europäischen Aktienmärkten führen: Und „selbst wenn die Wahl überraschend eine Regierung unter Berlusconi hervorbringen sollte, ..., werden die Märkte die Rückkehr zum Sparkurs durch Abstrafen sehr schnell erzwingen“.

Welche Folgen hätte eine Pattsituation?

Denkbar ist, dass Bersani die Mehrheit im Abgeordnetenhaus erringt, aber die nötige regierungsfähige Mehrheit im Senat verpasst. Mögliche Folgen: Hängepartie um die Regierungsbildung, Reformstillstand und Unruhe an die Finanzmärkten. Die Reaktionen wären allerdings weniger heftig als bei einer Wahl Berlusconis, meint Ökonom Krämer: „Unsicherheit ist Gift für die Märkte. Aber solange Berlusconi nicht wieder Premierminister wird, sollte die EZB die Lage stabil halten können, ohne tatsächlich italienische Staatsanleihen zu kaufen.“

“Ethisch, politisch, ideologisch und persönlich gibt es keinen Weg, eine dauerhafte Koalition zu schmieden, daher erscheinen Neuwahlen unvermeidlich”, schrieb James Walston, Professor für Politikwissenschaft an der American University in Rom, per E-Mail.

Sollte Bersani keine Koalition zustande bringen, dürfte Staatspräsident Giorgio Napolitano einen Übergangsministerpräsidenten berufen, um dringende Reformen durchzubringen, oder Neuwahlen ausrufen. Falls die gemäßigteren Parteien die Probleme nicht angehen, dürften bei Neuwahlen die populistischen Parteien noch besser abschneiden, erwartet Walston, was schlimmstenfalls das gesamte Euro-System gefährden könnte.

Steckbrief Silvio Berlusconi - der „Cavaliere“

Herkunft

Geburtstag: 29. September 1936

Geburtsort: Mailand

Familie

Vater: Bankangestellter Luigi Berlusconi (1908-1989)

Mutter: Rosa Bossi (1911-2008)

Familienstand: getrennt lebend, seit 2009 in Scheidung

Kinder: drei Töchter und zwei Söhne aus zwei Ehen

Studium

1961 Jura-Examen mit Bestnote der Universität Mailand

Größe

1,64 Meter

Spitzname

„Cavaliere“ (Ritter, Kavalier)

Partei

1994 Gründung der Forza Italia, 2008 neue Partei Popolo della Libertà (Volk der Freiheit)

Regierungschef

Von Mai 1994 bis Januar 1995, dann von 2001 bis 2006, erneut zum Ministerpräsidenten gewählt am 8. Mai 2008. Im November 2011 trat Berlusconi nach einer langen Reihe von Skandalen zurück.

Besitz

Rund 150 Firmen, darunter der Fußballverein AC Mailand

Vermögen

Geschätzt auf mehr als sechs Milliarden Euro

Selbsteinschätzung

„Mit mir kann sich keiner vergleichen, nicht in Europa und nicht in der Welt.“

Der Wahlausgang hatte auch Auswirkungen auf die Anleihen anderer Euro-Länder. Die deutschen Bundesanleihen haben am Dienstag deutlich zugelegt. Die relative Sicherheit der Papiere war nach dem unklaren Wahlausgang in Italien wieder stärker gefragt. Italienische und spanische Bonds verzeichneten dagegen kräftige Kursverluste. Die Rendite der zehnjährigen Bundeanleihen sank um neun Basispunkte auf 1,48 Prozent. Der Terminkontrakt Bund-Future stieg um 130 Basispunkte auf 144,65 Prozent. Am Markt für US-Staatsanleihen sind die Kurse nach anfänglichen Gewinnen gesunken. Die Rendite der zehnjährigen Treasuries lag zuletzt bei 1,88 Prozent zwei Basispunkte höher. Investoren spekulieren, dass die US-Ausgabenkürzungen ab dem 1. März die Wirtschaft des Landes belasten werden.

In Südeuropa hat sich die Situation an den Anleihemärkten hingegen verschärft. In Portugal erhöhte sich die Rendite zweijähriger Staatsanleihen am Dienstagvormittag um 0,8 Prozentpunkte auf 3,7 Prozent. In Spanien stieg der Effektivzins um jeweils knapp 0,4 Punkte auf 2,07 und 2,95 Prozent. Zehnjährige Anleihen rentierten in Spanien etwa 0,4 Punkte höher bei 5,5 Prozent.

Am Primärmarkt will der Rettungsschirm EFSF dem Vernehmen nach dreijährige Anleihen im Benchmarkvolumen anbieten. Die Rendite dürfte im Bereich von fünf Basispunkten über dem mittleren Swapsatz festgelegt werden.


Kommentare (2)

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Banksterbasher

26.02.2013, 09:44 Uhr

Deutschland sollte aus der EU austreten und die Nord- und Mitteleuropäer ebenfalls dazu auffordern (...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Hegglin

26.02.2013, 14:27 Uhr

Die Investoren hätten es eigentlich in der Hand, um die Politiker auf den Weg der Tugend zu bringen. Schickt die Mediaset Aktien in den Keller, so wie die Indizes und den Euro. Das würde Berlusconi gar nicht gefallen, da müsste er die Hosen runter lassen.

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