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06.12.2011

14:14 Uhr

Nach S&P-Drohung

Bundesanleihen nur zeitweise unter Druck

Die drohende Herabstufung Deutschlands hat die Kurse der deutschen Staatsanleihen nur zeitweise kräftig unter Druck gesetzt. Italiens Rendite fällt dank der Reformanstrengungen erstmals wieder unter sechs Prozent.

Das Reichstagsgebäude in Berlin: Deutsche Staatsanleihen konnten sich im Mittagshandel wieder etwas erholen. dpa

Das Reichstagsgebäude in Berlin: Deutsche Staatsanleihen konnten sich im Mittagshandel wieder etwas erholen.

Frankfurt / MainDie drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands hat die Kurse der deutschen Staatsanleihen am Dienstag nur zeitweise kräftig unter Druck gesetzt. Im Mittagshandel konnten sich die Kurse wieder etwas erholen. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future verlor 0,27 Prozent auf 134,45 Punkte, nachdem er zuvor auf ein Tagestief bei 134,04 Punkte absackte. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe lag zuletzt bei 2,22 Prozent.

Warum Zinsen auch ohne „AAA“ niedrig sein können

Wem droht Standard & Poor's mit Herabstufung?

Der ohnehin kleine Club der „AAA“-Staaten droht noch exklusiver zu werden: Ganze 14 Länder werden noch von allen drei großen Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P), Fitch und Moody's mit der Spitzen-Bonitätsnote bewertet. Nun droht S&P wegen der Euro-Schuldenkrise Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland, Luxemburg und den Niederlanden mit einer Herabstufung. Doch wäre ein Verlust der Top-Bonität wirklich so schlimm?

Bedeutet ein schwächeres Rating automatisch höhere Zinsen?

Nein. Obwohl die USA eine Bonitätsstufe schlechter bewertet werden als Deutschland liegt derzeit die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen mit 2,08 Prozent unter der deutschen Bundesanleihe mit 2,23 Prozent oder der österreichische Anleihe mit 3,24 Prozent. Weil sich die Zinsen bei Anleiheauktionen an den Marktzinsen orientieren, können sich die USA also zu günstigeren Konditionen verschulden - trotz des schlechteres Ratings.

Welche Länder haben auch nach der Herabstufung keine Probleme bekommen?

„Japan und die USA haben ihre Bestnote von AAA bereits verloren, ohne dass dies zu ernsthaften Problemen geführt hätte“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch wenn S&P Deutschland wirklich herabstufe, blieben Bundesanleihen verglichen mit den Anleihen der anderen Euro-Länder erste Wahl.

„Selbst wenn Deutschland seine Top-Bonitätsnote AAA verliert, ist das nicht der Untergang des Abendlandes“, sagt auch DWS-Chefvolkswirt Johannes Müller. Bundesanleihen würden ein sicherer Hafen für europäische Staatsanleihen bleiben.

Wann nehmen Investoren niedrigere Renditen in Kauf?

Eine ganz entscheidende Rolle für die Höhe der Zinsen, die ein Staat auf seine Anleihen zahlen muss, spielt, wie gut diese an den Börsen frei gehandelt werden können. Denn Anleger nehmen kräftige Abschläge bei der Rendite hin, wenn sie sichergehen können, die Wertpapiere jederzeit wieder abstoßen und zu Geld machen zu können. Die Bundesrepublik zahlt auch deshalb so niedrige Zinsen, weil Deutschland nach den USA der weltweit zweitgrößten Markt für Staatsanleihen ist.

Über alle Laufzeiten hinweg hat der Bund Papiere im Wert von 1,1 Billionen Euro im Umlauf. Allein im ersten Halbjahr wechselten an den Börsen aber Papiere im Wert von knapp 3,3 Billionen Euro ihren Besitzer. Deutschland zahlt auch deshalb viel niedrigere Zinsen als sein Nachbar Österreich.

Schauen Ratingagenturen zu stark auf die Schulden?

Ja, sagen Kritiker wie der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer. „Die Staatsschulden sind die eine Seite der Medaille, die andere sind die Vermögenswerte. Und die spielen bei den Ratingagenturen nur eine untergeordnete Rolle.“

Italien etwa kommt nach Einschätzung Hellmeyers viel zu schlecht weg, weil dem Schuldenberg von rund 1850 Milliarden Euro auch Staatsvermögen von etwa 600 Milliarden gegenüberstehe, das am Markt zu Geld gemacht werden könnte. Das Vermögen der privaten Haushalte in Italien übersteige zudem deren Schulden um ein Mehrfaches. „Das alles beachten die Agenturen zu wenig“, kritisiert Hellmeyer. „Ebenso wenig wird die Reformpolitik vieler europäischer Staaten anerkannt.“ Seine Schlussfolgerung daraus lautet: „Die Empfindlichkeit gegenüber Ratings nimmt in der Tendenz ab.“

Drohen bei Herabstufungen heftige Turbulenzen?

Eher nicht. „Ratings vollziehen nur nach, was ohnehin sichtbar ist“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. „Das Rating ist ein Symptom, die Probleme sind längst sichtbar.“ Ähnlich sieht das auch Hellmeyer: „Mögliche Herabstufungen sind längst eingepreist.“ Nur bei dramatischen oder völlig unerwarteten Schritt werde es heftige Erschütterungen geben.

Die Drohung der Ratingagentur Standard & Poor's richtet sich nach Einschätzung von Experten in erster Linie an die Adresse der Politiker der Eurozone. Die Herabstufung könnte dazu beitragen, dass die Staats- und Regierungschefs ihre Bemühungen im Kampf gegen die Schuldenkrise „verdoppeln könnten“, sagte UBS-Experte Geoffrey Yu. Sollten mit Deutschland und Frankreich die führenden Volkswirtschaften der Eurozone ihre Bestnote „AAA“ verlieren, wäre das ein schwerer Rückschlag für die bisherigen Pläne im Kampf gegen die Schuldenkrise.

Italienische Rendite wieder unter sechs Prozent

Unterdessen haben die Reformanstrengungen Italiens die Rendite der zehnjährigen Papiere des Landes am Dienstag erstmals seit Ende Oktober wieder unter die Sechs-Prozent-Marke gedrückt. Der Zins ging bis auf 5,871 Prozent zurück. Der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti hatte am Wochenende ein 30 Milliarden Euro schweres Sparpaket vorgestellt, um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Das habe die Anleger wieder optimistischer gestimmt, sagte ein Händler.

 Zwischenzeitlich war das Misstrauen gegenüber dem hoch verschuldeten Land so groß geworden, dass die Rendite am 9. November bis auf einen Rekordstand von 7,5 Prozent gestiegen war. Zuversichtlich blickten die Investoren auch auf den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag, bei dem die Politiker über wegweisende Schritte aus der Euro-Krise beraten wollen. Aus Sicht von Jim O'Neill - Chef der Vermögensverwaltung von Goldman Sachs - erscheinen italienische Anleihen attraktiv, falls es beim EU-Gipfel nicht ein totales Fiasko geben sollte.

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