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16.01.2014

13:49 Uhr

Nachgerechnet

Prokons Zahlen geben Sturmwarnung

VonGertrud Hussla

Der Betreiber von Windkraftanlagen gibt sich auf seiner Webseite transparent und veröffentlicht neue Zahlen. Doch das Rechenwerk liefert Grund zur Sorge. Anleger sollten sich die Sache sehr genau ansehen.

Windräder in der Region Hannover: Für Anleger nicht immer eine gute Investition. dpa

Windräder in der Region Hannover: Für Anleger nicht immer eine gute Investition.

DüsseldorfNoch immer wirbt der Windkraftanbieter Prokon in Postwurfsendungen und Werbespots vollmundig um Anlegergeld. Nach dem Motto „Lust auf eine lebenswerte Zukunft“ sollen Anleger Genussrechte zeichnen und dafür Jahr für Jahr sechs bis acht Prozent Zinsen erhalten. Knapp 75.000 Sparer haben inzwischen laut Firmenangaben 1,37 Milliarden Euro gezeichnet. Bislang haben sie ihre Zinsen pünktlich bekommen. Doch die jüngsten Zahlen des Konzerns geben Grund zu großer Sorge.

Kerngeschäft des Spezialisten für erneuerbare Energien ist der Bau und der Betrieb von Windkraftanlagen. Schon vor gut zwei Jahren hatten wir errechnet, dass die Einnahmen aus diesem Bereich bei weitem nicht ausreichen, um die hohen Zinsen der Anleger zu bezahlen (Nachgerechnet vom 11. Juli 2011). Nun zeigen die auf der Website vorgelegten Zahlen riesige Verluste im Bereich Windenergie. Die Mittelabflüsse des Konzerns können nur durch hohe Summen frisch eingeworbenen Kapitals ausgeglichen werden. Die Zeitschrift „Test“ spricht von einem „Schock für Anleger“, die Anlegerschutzvereinigungen DSW und SdK rufen Investoren auf, sich zusammenzuschließen.

Gertrud Hussla prüft regelmäßig Finanz- und Rentenprodukte. FRANK BEER für Handelsblatt

Gertrud Hussla prüft regelmäßig Finanz- und Rentenprodukte.

Eine Zwischenbilanz zum 31. Oktober 2012 weist im Kernbereich Windenergie einen Verlustvortrag von 131 Millionen Euro aus. Laut „Test“ waren es im August noch 107 Millionen Euro. Dass die Verluste rasch wachsen, wundert nicht. Die Einnahmen in diesem Bereich stehen auch heute noch, 18 Jahre nach Gründung des Konzerns, in krassem Missverhältnis zu den Zinszahlungen an die Anleger. E

in operatives Ergebnis von knapp 16 Millionen Euro gibt Prokon für die ersten neun Monate des Jahres an. Doch würde das Genussrechtskapital – in diesem Bereich 1,17 Milliarden Euro – nur mit dem Minimum von sechs Prozent Zinsen bedient, wären in den ersten zehn Monaten anteilig schon 58 Millionen Euro Zinsen angefallen – mehr als das Dreifache des Gewinns.

Das passt zur „hypothetischen Prognoserechnung“ für den Gesamtkonzern vom 6. Dezember 2013: Den für dieses Jahr erwarteten Gewinn vor Zinsen und Steuern gibt Prokon mit 20,7 Millionen Euro an. Demgegenüber sind auf die Genussrechte der Anleger 91 Millionen Euro Zinsen zu zahlen. Das gut Vierfache des Gewinns! Woher kommt das Geld für diese Ausgaben? Der auf 330 Millionen Euro geschätzte gesamte Mittelabfluss (Cashflow) des Konzerns kann laut Zahlenwerk nur durch neu eingeworbenes Anlegergeld von insgesamt 316 Millionen Euro ausgeglichen werden. Doch wie lange fließt dieses Anlegergeld noch?

Was der Koalitionsvertrag der Energiebranche bringt

Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes

Bis Ostern, Verabschiedung durch Bundestag und Bundesrat bis Sommer 2014. Bis zum Jahr 2035 wird ein Ökostromanteil von 55 bis 60 Prozent angestrebt. Die Union hatte zuvor auf 50 bis 55 Prozent bis 2030 plädiert, die SPD hatte 75 Prozent als Ziel für 2030 genannt.

Windkraft

Das bis 2017 befristete Modell mit einer Anfangsvergütung von 19 Cent je Kilowattstunde über einen Zeitraum von acht Jahren soll um zwei Jahre bis Ende 2019 verlängert werden, um das Ziel von 6500 Megawatt bis 2020 zu schaffen. Bis 2030 wird das Ausbauziel auf 15 000 Megawatt begrenzt. Bei Windrädern an Land werden Fördersätze gesenkt, effiziente Standorte bevorzugt.

Abstandsflächen

Die Länder sollen bestimmte Mindestabstände im Baugesetzbuch zwischen Wohngebieten und Windrädern festlegen können. Das könnte letztlich bis zu zwei Kilometer Abstand bedeuten.

Kostenbremse

Für bereits angeschlossene Wind-, Biomasse- und Solaranlagen gilt Bestandsschutz. Sie bekommen weiter 20 Jahre lang feste Vergütungen für ihren Strom. Bei neuen Anlagen wird gekürzt.

Industrie-Rabatte

Die umstrittenen Ausnahmen für stromintensive Unternehmen bei der EEG-Umlage sollen fortgeführt und europarechtlich wasserdicht gemacht werden.

Strommarkt

Konventionelle Kraftwerke mit Kohle und Gas seien „auf absehbare Zeit unverzichtbar“. Die Betreiber könnten Subventionen erhalten, um derzeit unrentable Anlagen am Netz zu halten. Dazu heißt es: „Es ist mittelfristig ein Kapazitätsmechanismus zu entwickeln (...).“

Atomausstieg 2022

Daran wird nicht gerüttelt. Neue bundesweite Endlagersuche, eine Kommission erstellt zunächst die Grundlagen. Der Rechtsstreit zwischen Bund und Land Niedersachsen um den alten Standort Gorleben soll einvernehmlich geklärt werden.

Fracking

Die unkonventionelle Gasförderung soll in Deutschland vorerst nicht genehmigt werden. Die Risiken der Technik sollen geprüft werden.

Klimaschutz

Union und SPD bekennen sich zum Ziel von 40 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2020 (im Vergleich zu 1990). In der EU will die Koalition sich für ehrgeizigere Ziele bis 2030 einsetzen, ein fester Zielwert fehlt.

Energie-Effizienz

Bis 2020 soll der Stromverbrauch weiter um zehn Prozent gesenkt werden. Geplant sind Förderprogramme, etwa mehr Geld für die Gebäudesanierung.

Wenn Anleger jetzt kalte Füße bekommen, kann es mit dem frischen Geld schnell vorbei sein. Schlimmer noch: Die Altanleger könnten eilig den Ausgang suchen. 94 Prozent des Genussrechtskapitals können binnen der nächsten fünf Jahre gekündigt werden. Weitere vier Prozent sind bereits gekündigt, und nur zwei Prozent haben eine Restlaufzeit von mehr als fünf Jahren.

Der Konzern beteuert, Verzinsung und Rückzahlung des Genussrechtskapitals seien langfristig gesichert. Verluste in der Investitionsphase seien „völlig normal.“ Zur Erinnerung: Prokon gibt es seit 18 Jahren.

Mir persönlich wäre das Investment zu riskant. Ich würde hier so schnell wie möglich aussteigen. Denn Genussrechtsinhaber stehen im Ernstfall schlechter da als die Banken. Sie haften wie Eigenkapitalgeber – bis hin zum Totalverlust ihrer Einlage. Sollte das Imperium zusammenbrechen gilt: Den Letzten beißen die Hunde 

Kommentare (23)

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ColorfulColorado

17.12.2013, 10:53 Uhr

Naja, so ist das mit Schneeballsystemen.
Bernard L. Madoff hat für sein Schneeballsystem was auch 6-8% Zinsen versprach 150 Jahre Gefängnis bekommen. Mal sehen wieviel Carsten Rodbertus bekommt.

Coza

17.12.2013, 11:14 Uhr

Prokon investiert seit 18 Jahren anhaltend. Für den Aufbau der vielen Windräder in Deutschland, Polen und anderswo wird natürlich viel Geld benötigt. Und es dauert eine Reihe von Jahren, bis das Geld durch Winderträge wieder zurückkommt.
Apropos Winderträge. Welche Firma bundesweit veröffentlicht auf ihrer Webseite die Erträge einer jeden einzelnen Maschine?
Die derzeitige Medienkampagne gegen Prokon wird natürlich dazu führen, dass einige Anleger ihr Geld abziehen. Ist das beabsichtigt? Von wem? Möglicherweise von den Banken. Es ist erklärtes Ziel von Prokon, möglichst bankenunabhängig zu sein. Nicht erst seit gestern. Warum wohl? Weil Banken ihre Macht dazu nutzen, Firmen zu erpressen. Und weil Banken selbst genug Dreck am Stecken haben. Warum soll man nicht Anleger statt Banken verdienen lassen? Hin und wieder gibt es bei mittelständigen Firmen noch Idealismus.

ColorfulColorado

17.12.2013, 11:23 Uhr

Blöd nur, dass Prokon den letzten Windpark von 3 Jahren ans Netzt gebracht hat. Und der Wille die jetztigen Genussrechteeigentümer mit frischem Geld von neuen Genusrecheeigentümern auszuzahlen ist die Lehrbuchdefinition eines Schneeballsystems. Aber bestimmt haben Sie recht. Die Presse, die Stiftung Warentest, die Anlegerschützer und natürlich die Banken haben sich gegen Prokon verschworen.
Mal ganz im Ernst. Nichtmal LEhmann hat 6-8% geboten.

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