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09.07.2012

12:05 Uhr

Negative Rendite

Investoren beschenken Deutschland und meiden Spanien

Deutschland verdient Geld beim Schuldenmachen: Investoren nehmen bei einer Auktion erneut negative Renditen in Kauf. Der Zinssatz für spanische Anleihen erreicht derweil ein kritisches Niveau.

Deutsche Euro-Münze. Bislang profitiert der Bund von der Schuldenkrise in Europa. dpa

Deutsche Euro-Münze. Bislang profitiert der Bund von der Schuldenkrise in Europa.

MadridDie Auktion von deutschen Schatzanweisungen mit sechsmonatiger Laufzeit spülte dem Bund am Montag 3,29 Milliarden Euro in die Kasse. Die Investoren nahmen dafür sogar eine negative Rendite von durchschnittlich 0,0344 Prozent in Kauf, um in den Besitz der als ausfallsicher geltenden Papiere zu kommen. Die für das Schuldenmanagement des Bundes zuständige Finanzagentur sprach von einer positiven Resonanz der Anleger.

Die Zinsen für Bundeswertpapiere sind zuletzt wegen der eskalierenden Schuldenkrise in Europa in den Keller gerauscht. Deutsche Papiere gelten als sicherer Hafen. Anleger sind deshalb bereit, deutliche Abschläge bei der Rendite hinzunehmen. Bereits im Januar nahmen sie bei einer Emission eine negative Rendite in Kauf und zahlten dem Bund damit faktisch ein Prämie.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Genau umgekehrt sieht es bei Anleihen aus Südeuropa aus: Kurz vor den Beratungen der Euro-Gruppe über ein Hilfsprogramm für Spanien sind die Renditen für zehnjährige spanische Staatsanleihen wieder über die kritische Marke von sieben Prozent gestiegen. Am Montagmorgen betrug die Rendite 7,026 Prozent und lag damit erstmals seit dem 19. Juni über der Sieben-Prozent-Schwelle. Bei Börsenschluss am Freitag hatte die Rendite bei 6,912 Prozent gelegen. Die Investoren erwarteten keine großen Fortschritte vom Treffen der Euro-Finanzminister am Montagnachmittag, sagte der Analyst Patrick Jacq von BNP Paribas.

Die Euro-Gruppe will in Brüssel die Arbeit an einer Vereinbarung mit Spanien über ein Hilfsprogramm vorantreiben. Das Land benötigt Unterstützung in Milliardenhöhe, um seinen angeschlagenen Bankensektor zu stützen. Zudem befassen sich die Euro-Finanzminister mit dem Hilfsgesuch Zyperns und dem Stand der vereinbarten Spar- und Reformmaßnahmen in Griechenland. Die neue Regierung in Athen fordert eine Anpassung, da das Programm "teilweise entgleist" sei.
Auf dem EU-Gipfel Ende Juni waren auf Druck Spaniens und Italiens direkte Bankenhilfen sowie ein Aufkauf von Staatsanleihen reformwilliger Mitgliedsländer durch die Euro-Rettungsfonds vereinbart worden. Spaniens Regierung hatte kurz vor dem Gipfel zudem offiziell Finanzhilfen der Euro-Zone für die angeschlagenen Banken des Landes beantragt. Madrid wurden bis zu 100 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.

Kommentare (18)

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malvin

09.07.2012, 12:33 Uhr

Mich ärgert des Negativzins. Er ist Ausdruck der Unsicherheit.
Gleichzeitig gibt es die unsägliche ESM & Eurobond-Debatte. Beide Instrumentarien verstossen gegen das Grundgesetz.
Aber es ist ja nicht so als gäbe es keine anderen Lösungen:
Die Beste geht wie folgt:
Italien & Spanien (das seine Banken verstaatlichen ggf. absickeln muss) richten jeweils einen EIGENEN Schuldentilgungsfonds ein. Schulden über 80% des BIP gehenin diesen Fonds.
Durch Abgaben/Steuern (d.h. Prozentpunkte von Mwst, EK-St., Trans-St., Vermögenst., Immost, und einen speziellen Schuldentilgungsabgabe ähnlich dem dt. Soli) wird eine JÄHRLICHE Schuldentilgungsrate geleistet. Wird die Schuldentilgungsrate erreicht, dann bekommt Spanien/Italien von den Nordländern einen Zinszuschuss, der die Refinanzierungskosten senkt, d,h. auf 3,5-4%.
Vorteile:
1. Es gibt KEINE Haftung,
2. Jedes Land zahlt seine EIGENE Schulden,
3. Verschuldung wird abgebaut,
4. Refinanzierungskosten überschaubar.
5. Das Programm läuft automatisch aus, sobald die Tilgung erfolgt ist.
6. Wir müssen keine Kompetenzen nach Brüssel abgeben.

Damit wäre auch ein Argument der Italiner/Spanier hinfällig, nämlich dass diese Länder im Vergleich z.B. zu DE ungerechtfertigt hohe Refinanzierungskosten hätten.

Die Eurobonds sind Teufelszeug. Sie geben flasche Anreize, und WARUM in aller Welt sollten WIR für IMMER den französichen Sozialstaat mitfinanzieren? Diese 20 Millarden brauche wir selbst in Zukunft. Frankreichs Refinanzierungskosten sind ohnehin in einem erträglichen Bereich. Die franz. Rufe nach Eurobonds sind nur ein Angriff auf die deutschen Sozialkassen, das ist ganz klar.

Also es gibt Lösungen.
Das ganze ist wie ein Spiel. Die Spielregeln können WIR bzw. die Bundesregierung SELBST einbringen. Frau Merkel sollte mit dem obigen Modell jetzt in die Offensive gehen. Die Lösung wird den Monits, Rajoys und Hollands den Wind aus den Segeln nehmen.

Account gelöscht!

09.07.2012, 13:08 Uhr

"Investoren beschenken Deutschland - und meiden Spanien"

Investoren die anscheinend nicht bis 3 zählen konnten waren mir schon immer die liebsten :D

DerEine

09.07.2012, 13:10 Uhr

Ich hätte mal zwei Fragen:
1. Wie ist es möglich, dass Investoren bereit sind negative Zinsen bzw. Zinsen unter der Inflationsrate zu akzeptieren? Der reale Geldwert ist dadurch nach Ende der Laufzeit deutlich niedriger als heute. Wäre es nicht sinnvoller für diese Investoren in andere Anlagen zu investieren, wie bspw. Immobilien?

2. Wieso gelten dt. Staatsanleihen immer noch als sicher? Auch wir haben eine Schuldenquote von über 80% des BIP, sind somit deutlich über den vorgeschriebenen 60% und zudem ist davon auszugehen, dass unsere Staatsschuldenquote kurz- und mittelfristig weiter ansteigen wird aufgrund diverser Bürgschaften für EU-Staaten, Haushaltsdefizit etc.

Ich hoffe, die fachkundige Handelsblatt-Leserschaft kann mir hier weiterhelfen...

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