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22.04.2016

17:11 Uhr

Neue Anleihen für die EZB

Draghis bunter Einkaufskorb

VonAndrea Cünnen

Die EZB überrascht Anleger mit der Breite der geplanten Anleihekäufe. Selbst Bonds von britischen, amerikanischen und russischen Unternehmen könnte die Notenbank kaufen. Was das für den Markt bedeutet.

Die EZB kann sich bei dem Kauf von Firmenanleihen austoben. dpa

Große Auswahl

Die EZB kann sich bei dem Kauf von Firmenanleihen austoben.

FrankfurtSechs Wochen lang haben Investoren gerätselt und spekuliert: Anleihen von welchen Unternehmen wird die Europäische Zentralbank (EZB) wohl kaufen? Dass die Währungshüter um EZB-Chef Mario Draghi bald auch bei Firmenbonds zugreifen würden, hatten sie bei ihrer Sitzung am 10. März beschlossen, blieben dabei aber vage. Im Vorfeld sind aber die Renditen von Firmenbonds deutlich gesunken. Jetzt hat Draghi beim April-Treffen der Notenbanker seine Einkaufsliste präsentiert.

Und die ist überraschend bunt. „Die Auswahlkriterien sind viel weniger streng als erwartet“, meint Peter Schaffrik, Stratege bei RBC Capital Markets. Verblüffend finden Strategen dabei vor allem zwei Punkte: Die EZB kann auch Anleihen von Unternehmen außerhalb der Euro-Zone kaufen und sie erwirbt auch Anleihen, denen einige Ratingagenturen nur eine schwache Bonität attestieren.

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Los gehen die Käufe der EZB im Juni, wobei das Datum nicht feststeht. Gekauft werden nur auf Euro lautende Anleihen von Unternehmen. Dazu hatte die EZB im März lediglich gesagt, es müssten Anleihen von in der Euro-Zone etablierten Unternehmen mit soliden Investment-Grade-Ratings sein. Viele Analysten waren dabei davon ausgegangen, dass damit tatsächlich in der Euro-Zone beheimatete Unternehmen gemeint wären. Doch so ist es nicht.

Denn der Sitz der Konzernmutter kann nämlich durchaus außerhalb des Euro-Raums liegen, solange die Unternehmen Töchter im Euro-Raum haben und hier auch wirtschaftlich relevant sind. Zudem müssen die Unternehmen zu den Firmen gehören, deren Kredite Banken als Sicherheit bei der EZB einreichen können.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

Damit finden sich auch Anleihen von Unternehmen aus Großbritannien wie Vodafone, Rolls Royce, National Grid oder British-American Tobacco auf der Liste. Mögliche US-Unternehmen, deren Bonds die EZB kaufen könnte, sind der Baumaschinenhersteller Caterpillar, der Landmaschinenhersteller John Deere, General Motors, General Electric oder Coca Cola. Aus Skandinavien finden sich Versorger wie Vattenfall, Dong Energy oder der Mobilfunkanbieter Telenor auf der Liste. Aus der Schweiz sind es ABB und Adecco. Und selbst russische Unternehmen wie Gazprom, Lukoil oder Russian Railways sind dabei.

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