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20.09.2016

13:01 Uhr

Niedrigzinsen und Überschuss

Deutschland braucht immer weniger Geld

VonAndrea Cünnen

Der Bund besorgt sich bis Jahresende sieben Milliarden Euro weniger an den Kapitalmärkten als noch vor wenigen Monaten geplant. Die Gründe: Ein solider Haushaltsüberschuss im ersten Halbjahr und die Minuszinsen.

Der Bundeshaushalt lässt eine Reduktion der Schuldenaufnahme zu. dpa

Deutschland-Plakette

Der Bundeshaushalt lässt eine Reduktion der Schuldenaufnahme zu.

FrankfurtBundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist kein Freund der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Höhere Zinsen seien ihm lieber als niedrige, versichert der Bundesfinanzminister gern. Dabei ist sich Schäuble wohl bewusst, dass niedrigen Zinsen den Haushalt stark entlasten. Wie stark, zeigt sich in diesem Jahr besonders. Nicht nur wegen der hohen Steuereinnahmen, sondern auch wegen der niedrigen Zinskosten muss sich der Bund im vierten Quartal bei Investoren sieben Milliarden Euro weniger von leihen als ursprünglich geplant. Besorgen wird sich Deutschland zwischen Oktober und Dezember also 27 Milliarden Euro. Bereits im dritten Quartal hatte Deutschland drei Milliarden Euro weniger Geld von Investoren gebraucht als angekündigt.

Zuständig für den Auftritt des Bundes am Geld- und Kapitalmarkt ist die deutsche Finanzagentur. Sie legt jeweils am Ende eines Jahres fest, wieviel Geld sich der Bund im Folgejahr besorgen muss. Ursprünglich hatte die Agentur für 2016 Emissionen im Umfang von 210,5 bis 214,5 Milliarden Euro angekündigt – übrig bleiben davon 200,5 bis 204,5 Milliarden Euro.

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Deutschland begibt eine neue zehnjährige Bundesanleihe und bietet dafür: nichts. Der Zins liegt bei null Prozent, das gab es noch nie, auch nicht in der Schweiz oder Japan. Für Investoren gibt es aber einen kleinen Trost.

Die Spanne liegt daran, dass sich der Bund zwar bei der Emission der „Bubills“ genannten Geldmarktpapieren mit Laufzeit von sechs und zwölf Monaten ebenso wie bei der Ausgabe von festverzinsten Anleihen mit Laufzeit von zwei, fünf, zehn und 30 Jahren genau festlegt; bei der Ausgabe von inflationsindexierten Anleihen aber flexibel bleibt. Über „Bubills“ und festverzinsliche Bonds sammelt der Bund in diesem Jahr 194,5 Milliarden Euro ein, dazu kommen dann die Papiere, deren Zins- und Tilgungszahlungen regelmäßig an die Inflationsrate angepasst werden.

Analysten hatten zwar damit gerechnet, dass der Bund weniger Geld braucht, die Höhe überrascht aber. Nachvollziehbar ist sie dennoch: Laut Statistischen Bundesamt nahm der Bund im ersten Halbjahr 9,7 Milliarden Euro mehr ein als er ausgab. Zu dem Überschuss trugen vor allem die steigenden Steuereinnahmen wegen der guten Konjunktur in Deutschland und sinkende Zinskosten bei. Die Zinskosten sind so stark gesunken, dass der Bund inzwischen nicht nur für zwei- und fünfjährige Anleihen, sondern auch für neue zehnjährige Papier gar keine Zinsen mehr zahlt ¬ die Kupons liegen hier bei null Prozent.

Dazu kommt: Die Anleihekurse sind im Handel so gestiegen, dass der Bund seine Anleihen in der Regel über dem Rückzahlungskurs von 100 Prozent platzieren kann. Die Folge: „Der Bund hat damit Prämien in Höhe von sieben Milliarden Euro eingenommen“, meint David Schnautz, Anleiheanalyst bei der Commerzbank.

Dass Investoren für Bundeswertpapiere mit einer Restlaufzeit von bis zu neun Jahren keine Zinsen mehr bekommen, sondern eine Art Gebühr zahlen, hat viele Gründe: Europa hangelt sich seit Jahren von Krise zu Krise - von der Finanz- zur Staatsschulden- und Griechenland- bis hin zur Flüchtlingskrise und nun auch noch dem Brexit-Votum. Anleger suchen deshalb nach sicheren Anlagen, wozu Bundeswertpapiere gehören. Sie sind deshalb bereit, auf Rendite zu verzichten.

Kommentare (4)

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Herr Peter Lustig

20.09.2016, 13:21 Uhr

Ist ja super! Dann endlich mal auf allen Ebenen auf die Schuldenbremse getreten und es können Schulden abgebaut werden!
Ach so: "sieben Milliarden Euro" sind NICHTS!
Flüchtlinge kosten Deutschland 21,1 Milliarden Euro und mehr (alleine 2015). Quelle? ifo Institut

Herr Franz Paul

20.09.2016, 15:02 Uhr

Und die Hilfe für die Ukraine kostet nix mehr, und die für Griechenland auch nicht, und für die Türkei langt es auch noch.....Achso, es sind nächstes Jahr BT-Wahlen! Ja dann is ja alles supergut, nä?

Herr Klaus Wagner

20.09.2016, 15:32 Uhr

Ich wundere mich über die immer erwähnten sprudelnden Steuermehreinnahmen, obwohl das Wachstum nicht nur in Deutschland sondern bei allen Industriestaaten weltweit eher rückgängig ist.

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