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25.10.2011

14:13 Uhr

Nobelpreisträger Yunus

"Die Finanzkrise war ein Weckruf"

VonChristian Panster

Nobelpreisträger Yunus war nach Frankfurt gekommen, um über Mikrokredite zu reden. Stattdessen sprach er über die Finanzkrise - denn er fürchtet, dass die Industrienationen nicht die richtigen Lehren gezogen haben.

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. AFP

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus.

FrankfurtZusammengesunken sitzt Muhammad Yunus (71) auf seinem Stuhl im Auditorium der Frankfurt School of Finance. Der gute Mann von Chittagong, aus dem Süden Bangladeschs, er wirkt etwas müde und nachdenklich. Eigentlich soll es an diesem sonnigen Tag um das Thema Mikrokredite gehen; um seine Erfindung, für die er 2006 den Nobelpreis erhielt. Die "Mikrofinanzplattform Deutschland" hatte ihn nach Frankfurt eingeladen; und Yunus ist gekommen, um darüber zu reden. Aber nicht nur darüber.

Bloße "Geldverdienmaschinen"

Die Schuldenkrise Europas und der USA, sie macht auch vor dem Wirtschaftsprofessor aus Bangladesch nicht halt. Darauf angesprochen, richtet sich Yunus in seinem Stuhl auf. Seine Hände malen Figuren in die Luft. Das Finanzsystem, sagt er, müsse grundlegend geändert werden. Es sei nicht so gut, wie viele Banken das vielleicht glauben. Die Menschen würden in diesem System auf bloße "Geldverdienmaschinen" reduziert. Stattdessen sollten wir unsere Gesellschaften neu definieren. "Wie kann es sein, dass in einer Volkswirtschaft kreative Menschen keinen Job bekommen? Haben Sie jemals ein arbeitsloses Tier gesehen?"

Yunus fürchtet, dass die Industrienationen nicht die richtigen Lehren aus der Finanzkrise gezogen haben. Sie sei ein Weckruf gewesen - und "ich kann allen nur raten: Bitte schlafen Sie nicht sofort wieder ein! Denn dann wird es nur noch viel schlimmer."

Als Bankchef entlassen

Stattdessen sollten wir uns von Nutzenmaximierern zu Problemlösern wandeln, sagt Yunus. Und da ist er wieder bei seinem Lieblingsthema, den Mikrokrediten.
1983 gründete er in Bangladesch die Grameen Bank, eine Bank, die seither Kleinstdarlehen an die Armen vergibt. Dazu gründete Yunus zahlreiche weitere Gesellschaften, Problemlöser, wie er sie nennt. Ein Joint Venture etwa mit Adidas, mit dessen Hilfe Schuhe in Bangladesch produziert werden. Oder eine Firma, die Moskitonetze herstellt.

Die Kritik, viele Mikrokredite seien völlig überteuert und trieben die Schuldner in die Falle, weist Yunus zurück, zumindest für die Grameen Bank. Mittlerweile gebe es sehr viele Anbieter von Mikrokrediten, insbesondere in Indien. Dort sei zum Teil sehr aggressiv vorgegangen worden, um Kunden zu gewinnen. Und dies könne er nicht gutheißen.

Im März wurde Yunus als Bankchef entlassen. Zu alt, lautete die Begründung. Yunus klagte - erfolglos. Er fürchtet, die Regierung wolle die Kontrolle über die Bank an sich reißen und sie zu einer "Geldverdienmaschine" machen.

Kommentare (2)

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Oliver

26.10.2011, 23:17 Uhr

Tja, lieber Yunus, du lebst (wie wir übrigens auch!) in einem Land der Kasten; und von solchen Menschen darf man außer Mord und Todschlag (sinngemäß - bei einigen Ländern auch real!) nichts erwarten!

Aber es gibt zweifelhaften Trost: Noch versuchen die Reichen alles an sich zu raffen um ihre Pfründe nicht zu verlieren. Den Armen wird während dieses Kampfes alles genommen werden. Am Ende aber werden auch die meisten Reichen richtig verarmen. Wie in Südafrika werden sie sich ihrer Verbrechen und Habgier wegen hinter Mauern verstecken müssen, und das in zunehmend schlechter werdender Vegetation.

Jens

31.10.2011, 10:02 Uhr

Dass Yunus entlassen wurde ist wirklich sehr bedauernswert. Grameen ist sein Lebenswerk, dass er aufgebaut und bemerkenswert gut geführt hat. Kritik, dass einige schwarze Schafe unter den Mikrofinanzinstituten Wucherzinsen verlangen (zum Teil über 100% Zins p.a.) trifft leider zu. Hier in Deutschland ist der Mikrokredit weitgehendst standardisiert und wird für 8,9% p.a. angeboten. Das Portal Für-Gründer.de hat weitere Informationen rund um das Thema Mikrofinanzierung zusammengetragen.

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