Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.04.2016

14:29 Uhr

Ölpreisverfall ruiniert Finanzen

Die neuen Geldquellen der Saudis

VonJulia Rotenberger

Saudi-Arabien will vom Öl loskommen – und wird deshalb zum Schuldner. Zum ersten Mal seit 25 Jahren leiht sich das Land Geld von internationalen Banken. Weitere Finanzquelle: ein gigantischer Staatsfonds.

Der Ölpreisverfall zwingt Saudi-Arabien auf den Kapitalmarkt. IMAGO

Erdöl

Der Ölpreisverfall zwingt Saudi-Arabien auf den Kapitalmarkt.

DüsseldorfAuf den internationalen Finanzmärkten war Saudi-Arabien lange Zeit eine klare Rolle zugewiesen: die des reichen Kreditgebers. Doch das war, bevor sich der Ölpreis mehr als halbierte und alle Versuche, einen Förderstopp durchzusetzen, scheiterten. Nur wenige Tage nach den geplatzten Gesprächen der Ölproduzenten in Katars Hauptstadt Doha, wagt sich das Ölförderland auf den internationalen Kapitalmarkt – das erste Mal seit 25 Jahren.

Das Wüsten-Königreich nimmt einen fünfjährigen Kredit über zehn Milliarden US-Dollar auf. Kreditgeber ist ein internationales Banken-Konsortium, zu dem Investmentbanken wie JP Morgan, Tokio-Misubishi-Bank und HSBC gehören, wie die „Financial Times” berichtet. Jede von ihnen leiht den Saudis mindestens 500 Millionen US-Dollar. Vor allem asiatische Investoren geben nur zu gerne Kredit. Und das, obwohl das Königreich zuletzt eine Herabstufung durch Rating-Agenturen verkraften musste. So groß war die Nachfrage, dass Saudi-Arabien statt den ursprünglich angedachten sechs Milliarden nun zehn Milliarden US-Dollar von seinen Kreditgebern bekommen kann.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Gemessen an den Schulden, die andere Länder aufnehmen, sind die Saudis bescheiden: Deutschland beispielsweise hat seit Jahresbeginn Anleihen von rund 74 Milliarden Euro an den internationalen Kapitalmärkten platziert. Doch der Deal markiert eine Wende: Saudi-Arabien wird dadurch vom Kreditgeber zum Schuldner. Investoren hoffen, dass sich das Königreich in Zukunft weiter öffnet. Sie rechnen damit, dass das Land demnächst eine Staatsanleihe begeben wird. Weitere Bonds könnten von saudi-arabischen Unternehmen kommen, an denen sich bislang internationale Anleger nur schwer beteiligen können - trotz vorsichtiger Öffnung des Kapitalmarkts. Der Bankenkredit ist für Saudi-Arabien somit eine gute Gelegenheit zu testen, wie das Land bei Investoren ankommt.

Das ist wichtig, denn der Wüstenstaat will sich wirtschaftlich neu aufstellen. Mit einer Fördermenge von mehr als zehn Millionen Barrel am Tag ist er der derzeit größte Erdöl-Exporteur unter den Opec-Staaten. Langfristig will er aber unabhängiger vom Rohstoff. Kein Wunder: Seit 2014 hat der Ölpreisverfall die saudi-arabischen Finanzreserven stark angegriffen. Kostete ein Barrel der richtungsweisenden Sorte Brent im Sommer 2014 noch 110 Dollar, rutschte der Preis im Januar dieses Jahres auf ein Tief von 30 US-Dollar je Barrel.

Mohammed Bin Salman Al-Saud: Der Hoffnungsträger Saudi-Arabiens

Mohammed Bin Salman Al-Saud

Premium Der Hoffnungsträger Saudi-Arabiens

Der Ölkonzern Aramco ist das Kronjuwel Saudi-Arabiens und das wohl wertvollste Unternehmen der Welt. Der Sohn des Königs will den Konzern an die Börse bringen. Viele Saudis glauben an die Strategien des Vizekronprinzen.

Für den saudischen Staatshaushalt ist das eine enorme Belastung: 120 Milliarden US-Dollar an Reserven sind so weggeschmolzen. Das Staatsdefizit soll laut Prognosen in diesem Jahr auf 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anwachsen. Und eine Stabilisierung des Ölpreises ist nicht in Sicht. Lediglich eine Reduzierung der weltweiten Erdölfördermenge würde den Preis – zumindest auf kurze Sicht – wieder nach oben treiben. Doch dazu sind nicht alle Förderstaaten bereit – allen voran nicht Saudi-Arabiens Erzrivale Iran. Dieser hat seine Erdölfördermenge zuletzt auf vier Millionen Barrel pro Tag erhöht. Und: Selbst wenn eine Fördermengen-Kürzung gelänge, würde sie dem Land auf lange Sicht vermutlich wenig nützen. Denn steigt der Ölpreis erst über die 55-Dollar-Marke, lohnt es sich für die US-Schieferöl-Produzenten wieder zu fördern. Und das hätte einen erneuten Preisrückgang zur Folge.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Frau Annette Bollmohr

20.04.2016, 15:01 Uhr

Solange die politischen Verhältnisse in Saudi-Arabien so sind wie sie derzeit sind, würde ich der Führung dieses Staats keinen einzigen Cent leihen oder dort sonstwie "investieren". Ganz gleich, wie lukrativ die Angebot erscheinen mögen.

Herr Peter Noack

20.04.2016, 15:02 Uhr

Die Saudis und speziell Aramco verdienen noch erstklassig bei 40 Dollar je Fass Erdöl.
Die Förderkosten betragen in dem Wüstenstzaat nur selten mehr als zwei, 2 Dollar je Fass.
Viele Bohrlöcher werden schon seit 50 Jahren ausgebeutet.
Übnrigens auch im Irak und im Iran gibt esÖlquellen, die 2 Dollar Förderkosten verursachen.
Wenn Frachingöl erst ab 50 Dollar interessant wird, dürften die Investoren in den USA bald lange Gesichter machen. Diem Berichtssaison wird ab April erstmals Ölpreise von 30 Dollar verkraften müssen. Die abschreibungen der Ölmultis auf ihre Ölreserven werden verheerend. Welche Wertberichtigungen werden die finanzierenden Banken vornehmen mpüssen?
Das BIP düfte in laufenden Preisen deutliche Bremsspuren aufweisen.
Der count down läuft.

Herr Hans Mayer

20.04.2016, 15:07 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×