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29.08.2014

08:16 Uhr

Pleitesegment Mittelstandsanleihen

Der deutsche Mittelstand ramponiert sein Image

VonSara Zinnecker, Jessica Schwarzer

Unter den Mittelstandsanleihen gibt es immer mehr Ausfälle – bei Mifa und Mox Telecom ermitteln sogar die Staatsanwälte. Solide Unternehmen bangen um ihr Image. Der Mittelstand macht sich Sorgen um seinen Ruf.

"Made in Germany" ist weltweit als Gütesiegel, der deutsche Mittelstand als Rückgrad der Wirtschaft. dpa

"Made in Germany" ist weltweit als Gütesiegel, der deutsche Mittelstand als Rückgrad der Wirtschaft.

DüsseldorfPleiten, Pech und Pannen bei Mittelstandsanleihen – Anleger haben sich mittlerweile fast schon daran gewöhnt. Sie fürchten um ihr Erspartes, ärgern sich über falsche Versprechen, viel zu laxe Ratingagenturen und reiben sich erstaunt die Augen, wenn vermeintlich solide Unternehmen Insolvenz anmelden oder die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch es geht längst nicht mehr nur um das Geld der Investoren, das im Feuer steht. Inzwischen ist die heilige Kuh der Deutschen in Gefahr, das worum uns die Welt beneidet: „The German Mittelstand“.

So jedenfalls sieht es Klaus Nieding, profilierter Anwalt, wenn es um die Interessen von Anlegern hierzulande geht:  „Es wird nicht nur das Image des Mittelstands – immerhin das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – ramponiert, sondern auch gleich die Anlageform Anleihe. Vor allem Privatanleger wenden sich ab“, sagt der Anlegeranwalt von der Kanzlei Nieding + Barth. „Der Kollateralschaden ist immens.“

Fakten zu Mittelstandsanleihen

Viele Pleiten

Insgesamt 27 Anleihen von 23 Emittenten mit einem platzierten Anleihevolumen von fast einer Milliarde Euro sind laut der Ratingagentur Scope seit 2010 ausgefallen.

Hohe Renditen

Mittelstandsanleihen locken mit hohen Zinskupons. Bei den seit 2010 begebenen 150 Papieren reicht das Spektrum von 4,0 bis immerhin 11,25 Prozent.

Milliardenmarkt

In diesen fünf Segmenten sind 113 Anleihen mit einem Volumen von 5,5 Milliarden Euro emittiert worden. Tatsächlich platziert wurden nach Angaben der Ratingagentur Scope 4,14 Milliarden Euro. Weitere 37 Anleihen mittelständischer Unternehmen sind im Prime Standard oder im Freiverkehr (Strenesse) notiert. Insgesamt kommt Scope auf ein Volumen von 7,26 Milliarden Euro (platziert 5,77 Milliarden Euro).

Spezielle Marktsegmente

Die meisten Minibonds – mehr als 100 – sind in speziellen Segmenten an den deutschen Börsen notiert, und zwar Bondm in Stuttgart, m:access in München, Mittelstandsmarkt in Düsseldorf, Mittelstandbörse in Hamburg-Hannover und dem Frankfurter Entry Standard. Einige wenige Anleihen finden sich im Prime Standard der Frankfurter Börse wieder, der stärker reguliert ist als die Mittelstandssegmente. Die Anleihe des insolventen Modelabels Strenesse ist dagegen lediglich im Freiverkehr (Open Market) der Frankfurter Börse gelistet, dem am wenigsten regulierten Markt.

Kleine Bonds

Mittelstandsanleihen gibt es seit 2010. Die Minibonds sollen Mittelständlern neue Finanzierungsmöglichkeit über den Bankkredit hinaus ermöglichen.

Der Suppenhersteller Zamek, das Modelabel Strenesse, der Maschinenbauer Rena, Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien wie Solar Millennium und Windreich – die Liste der Pleiten ist lang und wird immer länger. Von den 134 Firmen, die seit 2010 an einer der fünf Mittelstandsbörsen in München, Hannover, Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt viel Geld von Privatanlegern eingesammelt haben, sind mittlerweile 15 zahlungsunfähig.

Die neueste Insolvenz ist gerade einmal einen guten Monat her. Ende Juli hatte der international tätige Telefonanbieter Mox Telecom die Segel gestrichen. Offenbar wollten Banken auslaufende Kreditlinien nicht verlängern, obwohl das Unternehmen aus Ratingen bei Düsseldorf bis zuletzt gute Zahlen präsentiert hatte. Nun stehen Betrugsvorwürfe im Raum, die Staatsanwaltschaft prüft den Fall. Der Aktienkurs liegt seitdem im Keller, und auch Anleihegläubiger bangen um ihr Geld. 35 Millionen Euro hatte sich Mox bis 2017 vom Kapitalmarkt geliehen – wie viel davon an Anleger zurückfließen wird, weiß derzeit allerdings niemand.

Ein anderer Fall sind die Mitteldeutschen Fahrradwerke (Mifa). Auch wenn der angeschlagene Fahrradbauer in letzter Minute einen Investor gefunden hat, ist er keineswegs aus dem Schneider. Mifa kämpft jetzt gegen Betrugsvorwürfe an. Die Staatsanwaltschaft in Halle ermittelt, wie das Handelsblatt exklusiv berichtete. Ex-Vorstand Peter Wicht könnte unter anderem gegen das Aktiengesetz verstoßen haben. Anleger werden das genau beobachten, mussten sie doch auf 60 Prozent ihrer Forderungen verzichten, um Mifa zu retten.

Andere Unternehmen kämpfen mit überholten Geschäftsmodellen – und könnten bis zur Fälligkeit ihrer Anleihen in einigen Jahren noch ins Straucheln geraten. Auch bekannte Marken, darunter der Magenbitter-Hersteller Semper idem Underberg, der Getränkeproduzent Valensina oder das „Traumschiff“ MS Deutschland hatten zuletzt Probleme damit, schwarze Zahlen zu schreiben.

Kommentare (5)

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Herr x y

29.08.2014, 08:40 Uhr

Nicht "Der deutsche Mittelstand ramponiert sein Image", sondern er wird abgewürgt. HB verwechselt wieder einmal Ursache und Wirkung. Gute Besserung!

Herr Norbert Wolter

29.08.2014, 08:56 Uhr

Bevor man Unternehmensanleihen kauft, sollte man nicht nur prüfen, ob das Unternehmen Gewinne schreibt, sondern auch ob die Gewinne die lfd. Zinsaufwendungen decken, am besten 2:1, am allerbesten im Verhältnis 3:1. Und Gewinne sollten die Regel sein. Alles nachlesbar in den Geschäftsberichten. Sollte man das Gefühl haben, dass die Berichte unverständlich mit zu viel Fachchinesisch gespickt sind, ist es kein Problem dort nicht zu investieren. Es gibt noch immer im Mittelstand genügend hoch profitable Unternehmen, die eine Investition wert sind. Man muss sich nur die Mühe machen und suchen und sich nicht von Hochglanzbroschüren mit den tollsten Storys blenden lassen. Leider machen das zu viele Anleger. Selber schuld.

Account gelöscht!

29.08.2014, 09:07 Uhr

Was will man erwarten, wenn die Hälfte dieser Mittelstandsanleihen auf der Basis eines EEG Gesetzes basieren und damit nicht Markt-Wettbewerbsfähig sind. Ein EEG das politisch diktiert ist und gegen jede Marktwirtschaftliche Vernunft spricht, ist ein Gesetz, dass zum Scheitern verurteilt ist. Und somit sind ALLE Unternehmen, die sich auf dieses EEG stützen auch zum wirtschaftlichen Untergang verdammt. Solarworld z.b. treibt schon seit über 2 jahren Insolvenzverschleppung.

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