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24.09.2016

02:00 Uhr

Politische Spannungen und Tourismus-Krise

Moody’s senkt Türkei-Anleihen auf Ramschniveau

Kaum Touristen mehr, innenpolitische Spannungen, Erdogans „Säuberungen“, fragiles politisches und finanzielles Umfeld: Die Ratingagentur Moody's sieht kaum Gründe für Anleger, Geld in die Türkei zu stecken.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Weg zur Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York: International schlagen ihm und seiner Regierung ihm immer mehr Misstrauen entgegen. Reuters

Tayyip Erdogan in New York.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Weg zur Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York: International schlagen ihm und seiner Regierung ihm immer mehr Misstrauen entgegen.

WashingtonDie US-Ratingagentur Moody's hat die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau herabgestuft. Die Finanzen des Landes hätten sich angesichts der politischen Turbulenzen verschlechtert, erklärte Moody's am Freitag und senkte die Bonitätsnote um eine Stufe auf Ba1. Die Reaktion der türkischen Regierung auf den Umsturzversuch behindere die erwarteten Reformen und die Rechtsstaatlichkeit.

Die Türkei bewege sich weiterhin „in einem fragilen finanziellen und geopolitischen Umfeld“, erklärte die Ratingagentur. Ihre „äußere Verletzbarkeit“ habe zugenommen, sowohl in den vergangenen zwei Jahren als auch in jüngster Zeit wegen unvorhersehbarer politischer Entwicklungen.

Moody's verwies auf den starken Rückgang der Tourismuseinnahmen infolge eines russischen Embargos und zunehmender Anschläge in der Türkei. Dies habe die Zahlungsbilanz geschwächt. Der Tourismus macht 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aus.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Gleichzeitig seien die Auslandsschulden von Regierung, Unternehmen und Bankensektor gestiegen, in diesem Jahr seien noch Zahlungen in Höhe von rund 159 Milliarden Dollar fällig, erklärte Moody's weiter. Diesem hohen Finanzierungsbedarf stünden plötzliche Schwankungen des Vertrauens der Investoren gegenüber, das in den vergangenen 18 Monaten "schwach und unbeständig" gewesen sei.

Die Türkei scheine den Putschversuch im Juli in finanzieller Hinsicht zwar gut überstanden zu haben, erklärte Moody's. Die Gefahr einer Zahlungsbilanzkrise sei aber wegen des erhöhten Finanzierungsbedarfs, höherer innenpolitischer Risiken und der anhaltenden geopolitischen Bedrohungen gestiegen.

Der Putschversuch am 15. Juli war gescheitert; seither geht die türkische Regierung mit großer Härte gegen vermeintliche Gegner vor. Zehntausende Menschen wurden festgenommen, ihrer Posten enthoben oder versetzt. Zudem startete die Türkei Ende August eine Militäroffensive in Syrien, die gegen die IS-Miliz sowie gegen die Kurden gerichtet ist.

Von

afp

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