Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2017

08:50 Uhr

Populismus in Europa

Euro-Austritte als Horrorszenario für Anleger

VonAndrea Cünnen, Thomas Hanke

In Frankreich propagiert Marine Le Pen den Euro-Ausstieg. Den meisten Investoren sei das egal, sagt die Chefin der Front National. Anleger sehen das anders. Sie fürchten um ihr Geld. Was Investoren jetzt wissen sollten.

Eine Abkehr Frankreichs vom Euro wäre der Anfang vom Ende der Euro-Zone. Imago

Zerbröselndes Euro-Zeichen

Eine Abkehr Frankreichs vom Euro wäre der Anfang vom Ende der Euro-Zone.

Frankfurt, ParisDie Partei Front National in Frankreich will es, die PVV in den Niederlanden will es, und die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien will es auch: Die Abkehr vom Euro und die Wiedereinführung nationaler Währungen. Das macht Anleger zunehmend nervös. Die Risikoprämien gerade französischer Anleihen sind in die Höhe geschossen. „Investoren fragen jetzt schon, ob Frankreich seine ausstehenden Anleihen in Franc statt in Euro zurückzahlen könnte“, meint Andrew Bosomworth, Deutschland-Anlagechef des Fondshauses Pimco.

Dabei steht Frankreich besonders im Fokus der Investoren, weil das Land gemeinsam mit Deutschland als einer der beiden wichtigsten Anker der Euro-Zone gilt. Hinzu kommt, dass sich bei den Wahlen in den Niederlanden wohl kaum eine Partei finden wird, die mit der PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders koalieren wird. In Italien hat die Fünf-Sterne-Bewegung unter Führung des Ex-Komikers Beppo Grillo laut Analysten zwar durchaus Chancen auf eine Beteiligung der Regierung, doch noch steht nicht fest, ob überhaupt gewählt wird. Auch in Frankreich glauben Investoren zwar nicht an eine Präsidentin Le Pen, aber sie hat zumindest gute Chancen, in die Stichwahlen am 7. Mai zu kommen. Das macht Anlegern Kopfzerbrechen.

Wichtige Wahlen in Europa 2017

Niederlande

Die Niederländer wählen am 15. März ein neues Parlament. Die regierende große Koalition aus Rechtsliberalen und Sozialdemokraten wird nach allen Prognosen keine Mehrheit mehr bekommen. Der Partei für die Freiheit des Rechtspopulisten Geert Wilders werden dagegen große Gewinne vorhergesagt.

Frankreich I

Die Franzosen wählen einen neuen Präsidenten. Die erste Runde ist am 23. April. Erreicht dabei kein Kandidat die absolute Stimmenmehrheit, findet am 7. Mai eine Stichwahl statt. Der konservative Bewerber François Fillon und die Rechtspopulistin und Europagegnerin Marine Le Pen von der Front National könnten sich nach Umfragen in der entscheidenden Endrunde gegenüberstehen.

Frankreich II

In Frankreich wird zudem die Nationalversammlung gewählt. Die erste Runde ist am 11. Juni, ein gegebenenfalls notwendiger zweiter Wahlgang am 18. Juni. Wenn das Lager des neugewählten Staatschefs nicht die Mehrheit holt, werden die innenpolitischen Befugnisse des Präsidenten deutlich abgeschwächt. Eine derartige „Cohabitation“ gab es zuletzt von 1997 bis 2002 mit dem Konservativen Jacques Chirac als Präsidenten und dem Sozialisten Lionel Jospin als Premierminister.

Deutschland

Im September ist Bundestagswahl. CDU-Chefin Angela Merkel will zum vierten Mal Kanzlerin werden. Dass die rechtspopulistische AfD den Sprung in den Bundestag schafft, gilt als ausgemacht. Insgesamt könnten sieben Parteien im Parlament vertreten sein (CDU, CSU, SPD, Linke, Grünen, AfD und FDP), was eine Regierungsbildung kompliziert machen dürfte.

Norwegen

Dort wird am 11. September ein neues Parlament gewählt. Die Regierung aus Konservativen und einwanderungskritischer Fortschrittspartei kämpft um die Wiederwahl.

Kann aber ein Mitglied der Euro-Zone so einfach zur alten Währung zurückkehren? Und was wären die Folgen eines Austritts Frankreichs aus der Euro-Gemeinschaftswährung? Die Antworten auf diese und weitere Fragen zeigen, wie brisant die Situation werden könnte.

Kann ein Land einfach so den Euro abschaffen?

Zumindest nicht so einfach. Natürlich ist ein Land souverän und kann eine eigene Währung einführen. Den Euro kann ein Land aber laut dem EU-Vertrag nur abschaffen, wenn es auch aus der Europäischen Union austritt. Le Pen will die EU-Verträge im Sinne eines losen Staatenbunds erreichen. Sollte dies scheitern, will sie ein Referendum durchführen. Damit will sie die Genehmigung erhalten, über den Austritt zu verhandeln, dem auch das Parlament zustimmen muss.

Abgesehen von den vielen Hürden, wie würde ein Umtauschkurs aussehen?

David Rachline, Wahlkampfleiter der Front National, sagte zuletzt in einem Interview, dass die Währung neuer Franc zu Euro eins zu eins umgestellt würde. Nominal blieben damit die Schulden Frankreichs gleich.

Steigende Renditen bei Anleihen: Kehrt die Euro-Krise zurück?

Steigende Renditen bei Anleihen

Kehrt die Euro-Krise zurück?

Aus Angst vor einem Zerfall der Euro-Zone wird die Gemeinschaftswährung verkauft, griechische Staatsanleihen bieten fast wieder zweistellige Renditen.

Wie würde sich der Wechselkurs eines neuen Franc entwickeln?

Die Pläne der Partei Front National für eine neue Währung sind völlig chaotisch. Philippe Muret, einer von Le Pens Wirtschaftsberatern sagte kürzlich, die Regierung wolle den neuen Franc abwerten. Er ließ allerdings offen, in welchem Maße er die Währung schwächen will. In den Programmen der Rechtsextremen war zuvor von einer Abwertung von 20 bis 30 Prozent die Rede.

Le Pen selbst sagte am selben Tag wie ihr Wirtschaftsberater Muret, gegenüber dem Euro solle der neue Franc eins zu eins umgestellt werden. Gegenüber einer Deutschen Mark sollte der Franc aber rum 22 Prozent abwerten. Dabei sagte sie aber auch, Frankreich würde seine neuen Schulden eins zu eins zurückzahlen.

Ökonomen rechnen fest mit einer Abwertung. Daniel Hartmann, Volkswirt beim Anleihemanager Bantleon rechnet mit einer Abwertung von „mindestens 20 bis 30 Prozent“. Schließlich hat selbst das britische Pfund seit dem Brexit-Votum Ende Juni rund zehn Prozent zum Euro verloren, obwohl Großbritannien kein Mitglied der Euro-Zone ist und lediglich die EU verlassen will.

Was würde die Abwertung für Frankreich bedeuten?

Die Abwertung würde zwar den französischen Unternehmen beim Export helfen, doch die Importe würden sich extrem verteuern. Dabei ist die französische Wirtschaft viel stärker von Importen abhängig als von Exporten. 2016 ist das französische Handelsbilanzdefizit laut französischem Statistikamt Insee gegenüber 2015 um elf Milliarden auf 44 Milliarden Euro gestiegen.

Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Bank Natixis, hält den Effekt einer Währungsabwertung auf die französischen Ausfuhren für sehr gering. Vom zeitweise niedrigen Euro haben Frankreichs Exporte jedenfalls nicht sonderlich profitiert.

EU-Gipfel auf Malta

Merkel: „Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand“

EU-Gipfel auf Malta: Merkel: „Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (34)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.02.2017, 09:05 Uhr

Sehen wir der Realität ins Auge...dann sehen wir, dass ALLE EURO-EU Länder unter den Deutschen EURO und der Deutschen Wirtschaftsstärke massiv leiden.
Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal usw.....Sie alle leiden unter der wirtschaftlichen Dominanz der Deutschen. Und Deutschland macht sich diese Wirtschaftliche Schwäche der anderen EURO Länder auch noch zu nutze, in dem es damit den Eurokurs nach untendrückt um mit dieser künstlich verbilligten EURO Währung noch mehr Geschäfte in der Welt (Export) machen zu können.
Zu Lasten der anderen wirschaftsschwachen EURO-EU Länder. Die Deutsche Wirtschaft braucht einen EURO Kurs, der ihrer Stärke entspricht und der liegt weiter oberhalb von 1,50.
Deutschland hat sich Europa wieder einmal zum Untertan/Sklaven gemacht. Diesmal wird nicht mit millitärischen Mitteln sondern mit wirtschaftlichen-Währungsmitteln. Die Deutschen "EU-EURO Sklavenländer" wachen ganz zwangsläufig mit der Zeit auf und merken, wie schädlich diese Deutsche EU-EURO Politik ist. Sie organisieren sich und schließen sich gegen eine Allianz gegen die EU-Deutsche Wirtschaft und Politik zusammen.
Ein Zerfall des EURO und der EU ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Herr Michael Müller

16.02.2017, 09:06 Uhr

Warum müssen die Anleger Geld verlieren? Dies geschieht nur dann, wenn Sie Papiere mit Kursverlusten verkaufen. Dazu müssen zuerst einmal Kursverluste entstehen.

Auf der anderen Seite bietet jede Veränderungen auch Chancen. Welche Assets könnten von einem Euro-Austritt profitieren? Gold? US-Aktien? Asien? Rohstoffe? Es gibt immer Möglichkeiten sein Geld gewinnbringend anzulegen. Man muß sich nur intensiv genug mit der Materie beschäftigen.

Interessante Frage was passiert, wenn die Zinsen wieder beginnen zu steigen. Die Kurse der Rentenpapiere dürften deutlich fallen. Auch daran kann man gut verdienen...

Account gelöscht!

16.02.2017, 09:11 Uhr

@Michael Müller
So ist es! 100% Zustimmung!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×