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03.11.2011

13:35 Uhr

Privatanleger

Griechischer Schuldenschnitt? Ohne uns!

VonAnnika Williamson

Wenn der griechische Schuldenschnitt kommt, ist kein Privatanleger gezwungen, mitzumachen. Jeder hat es selbst in der Hand: Wer zockt und die Umschuldung ablehnt, könnte am Ende sogar als Gewinner dastehen.

Wenn der Schuldenschnitt kommt, müssen Kleinanleger die Entscheidung treffen: Mitmachen oder nicht? dpa

Wenn der Schuldenschnitt kommt, müssen Kleinanleger die Entscheidung treffen: Mitmachen oder nicht?

DüsseldorfBis zum geplanten Referendum, bei dem die Griechen über das zweite Rettungspaket abstimmen sollen, ist noch alles offen: Ob der Schuldenschnitt kommt, ob Griechenland zur Drachme zurückkehrt – und wie die Anleger am Ende dastehen.

Nach dem aktuellen Stand wird Griechenland Anfang nächsten Jahres seinen privaten Gläubigern einen Schuldenschnitt von 50 Prozent anbieten. Wie die Banken damit fertig werden sollen, ist ein viel diskutiertes Thema, doch auch die Kleinanleger kann das treffen. Griechenland plant, sein Tauschangebot allen privaten Investoren vorzulegen – dazu zählen Banken, Versicherer und Pensionsfonds, aber auch die Kleinanleger.

Die Anleger können auch im Falle eines Schuldenschnitts selbst entscheiden, was aus ihren Papieren wird – es ist kein Umtauschzwang, sondern ein Angebot. Der Verband Deutsche Kreditwirtschaft betont in einem aktuellen Statement: „Der Umtausch für die privaten Investoren ist freiwillig.“

Doch wer den Schuldenschnitt ablehnt, wettet darauf, dass Griechenland seine Haushaltsprobleme in den Griff bekommt und in Zukunft wieder zahlungsfähig wird. „Zu diesem Zeitpunkt kann ihnen niemand eine verbindliche Auskunft darüber geben, was im Fall einer Nichtannahme geschieht“, so die Deutsche Kreditwirtschaft. Schlimmstenfalls verlieren die Anleger ihr Geld komplett.

Folgen einer Staatspleite für Gläubiger

Wie hoch waren die Verluste privater Gläubiger bei Staatspleiten?

Die Rating-Agentur Moody's hat 13 staatliche Zahlungsausfälle zwischen 1998 und 2008 untersucht. Danach mussten die Gläubiger 30 Tage nach dem Zahlungsverzug einen durchschnittlichen Abschlag von rund 50 Prozent hinnehmen.

Der Zahlungsausfall schwankte in den einzelnen Ländern aber stark. Gläubiger der Dominikanischen Republik kamen mit einem Minus von fünf Prozent noch glimpflich davon. Für Zeichner russischer Anleihen lag der Verlust mit 82 Prozent um ein Vielfaches höher.

Wurden ausländische Gläubiger benachteiligt?

Grundsätzlich werden ausländische Investoren nicht schlechter behandelt als einheimische Gläubiger. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Allerdings gibt es auch hier keine Regeln ohne Ausnahmen: Sowohl die Ukraine als auch Russland räumten den einheimischen Investoren „deutlich bessere Deals“ ein.

Wie schnell erholen sich Länder von einer Staatspleite?

„Sowohl die russische als auch die argentinische Wirtschaft konnten die Krise relativ schnell überwinden, profitierten dabei aber von außergewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen“, heißt es in einer Commerzbank-Studie. In Russland brach die Wirtschaftsleistung im Krisenjahr 1998 um rund 5,5 Prozent ein, ehe sie in den Folgejahren wegen des Rohstoffbooms um durchschnittlich etwa sieben Prozent wuchs.

Auch Argentinien erholte sich dank der steigenden Rohstoffnachfrage rasch. „Anleger sollten diese Erfolge daher nicht bedenkenlos auf andere Länder übertragen“, warnen die Experten der Commerzbank.

Sind Hilfen des IWF eine Garantie gegen Staatspleiten?

Neben den Euro-Ländern hilft auch der IWF mit Geldern aus: Sowohl in Griechenland als auch in Irland ist der erfahrende Krisenhelfer mit im Boot. Aber auch IWF-Hilfen waren in der Vergangenheit keine Garantie gegen Staatspleiten, wie das Beispiel Russland zeigt.

IWF und Weltbank sagten dem vor dem finanziellen Kollaps stehenden Land im Krisenjahr 1998 Hilfen von 22,6 Milliarden Dollar zu. Dennoch bediente der Staat ab August 1998 seine Schulden nicht mehr.

Was passiert, wenn IWF-Auflagen missachtet werden?

Bedingung für IWF-Hilfen sind strenge Auflagen, die aber nicht immer eingehalten werden. Der IWF schnürte 2000/2001 mehrere Hilfspakete für Argentinien - er erhöhte die Kreditlinien, organisierte Kreditzusagen der Weltbank und der spanischen Regierung.

Die Regierung aber sparte nicht wie vereinbart, sondern fuhr ihre Ausgaben im Kampf gegen die Wirtschaftskrise sogar hoch. Argentinien verfehlte damit die mit dem IWF vereinbarten Haushaltsziele.

Der Fonds setzte deshalb im Dezember 2001 die Zahlungen aus. Am 3. Januar 2002 konnte Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

Es gibt allerdings auch Stimmen, die Anleger davor warnen, mit dem Schuldenschnitt die Hälfte ihres Geldes abzuschreiben. „Das Beispiel Argentinien-Bonds hat gezeigt, dass es sich durchaus gelohnt hat, wenn sich Anleger zusammenschließen und einen Schuldenschnitt nicht akzeptieren“, sagt Max Schott, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Sand und Schott in Stuttgart. In Argentinien hatte 2005 ein Viertel der Gläubiger eine Umschuldung abgelehnt. Für Kleinanleger verlief das glimpflich: Wer weniger als 50.000 Dollar in Anleihen hielt, bekam am Ende neue Schuldscheine mit einem niedrigeren Zinssatz, aber ohne einen Teil der Anleihesumme zu verlieren.

Außerdem ist weiterhin offen, ob Griechenland seinen Schuldzahlungen nicht doch noch nachkommen kann. „Ob Griechenland tatsächlich keine Vermögenswerte besitzt, um die Anleihen zurück zu zahlen, werden wahrscheinlich irgendwann Gerichte klären müssen“, so Schott.

Die EZB, die griechische Anleihen in großem Stil aufgekauft hat, wird den Schuldenschnitt nicht mitmachen. Die Notenbank geht davon aus, dass sie ihr Geld - finanziert durch den EFSF - zu hundert Prozent zurückbezahlt bekommt. Daran sollten sich auch die Kleinanleger orientieren, meint Gottfried Urban, Vorstand Neue Vermögen AG. Nur für die Banken bestehe ein "freiwilliges Muss".  

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Das Prozedere des Schuldenschnitts: Griechenland steht in der Pflicht, seine Gläubiger über die Details zu informieren. Offen ist derzeit zum Beispiel, über welche Laufzeit und zu welchem Zinssatz die neuen Anleihen im Tausch ausgegeben werden. Banken und Sparkassen können dann ihre Depotkunden informieren, doch dass ein erklärender Brief im Briefkasten liegt, darauf können sich die diese nicht verlassen.

Eine Alternative ist, dass die Kleinanleger bei der Umschuldung gesondert behandelt werden. Das müsste auf Initiative Griechenlands passieren. In dem Fall könnten sich die Anleger Hoffnung auf etwas bessere Konditionen bei der Umschuldung machen. Allerdings ist zwischen diesen Gruppen schwer zu unterscheiden: Es gehören alle zu den privaten Investoren, denen Griechenland nach aktuellem Stand das Tauschangebot vorlegen würde.

Auch der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone steht seit wenigen Tagen wieder zur Debatte. Was dieses dritte Szenario für die Eigentümer von Staatspapieren bedeuten würde, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nur eins ist sicher: Die Anleger werden dabei auch nicht besser wegkommen.

Kommentare (10)

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Aenderung-der-Anleihebedingungen

03.11.2011, 14:16 Uhr

Die überwiegende Anzahl griechischer Staatsanleihen sind nach griechischem Recht begeben. Erkennbar sind diese Anleihen an der Buchstabenkombination GR in der ISIN-Kennzeichnung. Wie fatal solch ein Detail sein kann, zeigt das Schicksal bestimmter Anleihen aus dem Bankensektor Irlands. Die dort zuständige lokale Gesetzgebung erlaubte ein nachträgliches Ändern der Anleihebedingungen.Die folgende Handel war fatal: Angeboten wurde ein 80%-Verzicht. Wer ablehnte, dem drohte eine Abfindung mit 1 Ct.,falls eine technische Mehrheit dem Verzicht zustimmte. In der Spieletheorie ein "Gefangenendilemma". Der Verzicht wurde durchgesetzt, Sturköpfe erhielten 1 Ct.für 1000 € Forderung...
Schon vergessen ?

Worthing

03.11.2011, 14:48 Uhr

Das hat allerdings zur Folge, dass es sich nicht mehr um einen freiwilligen Verzicht handelt, da diese Anleihen keine CAC Klauseln enthalten, die es einer Mehrheit der Anleihegläubiger erlauben würden eine für alle bindende Entscheidung zu akzeptieren. Es käme daher zu einem technischen default. Die Folge: Alle ausstehenden CDS auf griechische Staatsanleihen werden fällig.

anonym

03.11.2011, 15:03 Uhr

3,2 Mrd an Anleihen die dann fällig werden - nicht die Welt. Die technischen default will man solange vermeiden, wie Banken die Anleihen zur Refinanzierung bei der EZB benötigen. Wenn alle Banken umgeschuldet haben, spricht nichts mehr dagegen.

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