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12.03.2013

19:03 Uhr

Ratingagentur

Moody's senkt Daumen über Werkstattkette ATU

Die Werkstattkette ATU hat massive finanzielle Probleme. Die Ratingagentur Moody's sieht für das Unternehmen in nächster Zukunft auch keine besseren Zeiten kommen – und senkt die Bewertung um eine Stufe.

Ein Mitarbeiter der Autowerkstatt-Kette ATU im Recyclingzentrum  für Reifen. dpa

Ein Mitarbeiter der Autowerkstatt-Kette ATU im Recyclingzentrum für Reifen.

FrankfurtDie Ratingagentur Moody's senkt den Daumen über die hoch verschuldete Werkstattkette ATU. Die dringend nötige Refinanzierung des oberpfälzischen Unternehmens werde angesichts der schwachen Geschäftsentwicklung der vergangenen Monate schwierig, urteilten die Bonitätswächter am Dienstag.

Der Umsatz sank nach Angaben der Agentur in den zwölf Monaten bis Ende 2012 um 1,6 Prozent auf 1,22 Milliarden Euro, was Experten vor allem auf das im Vergleich zu 2011 schwache Geschäft mit Winterreifen zurückführen. Moody's senkte die Bewertung für die Gruppe auf "Caa2" von "Caa1" - das signalisiert Investoren ein höheres Ausfallrisiko. Zudem ist der Rating-Ausblick negativ, eine weitere Herabstufung ist also wahrscheinlich.

Die Bewertungen der Ratingagenturen

Die gängigen Ratings

Die Ratingagenturen verwenden für die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten Buchstabencodes. Die Skala beginnt bei Standard & Poor's und Fitch mit der Bestnote AAA (englisch: „Triple A“). Es folgen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C. Auch Moody's nutzt diese Buchstabencodes, schreibt sie aber anders (Aaa, Aa, A, Baa, Ba, B usw.)

Die Verfeinerung der Stufen

Die Stufen können auch noch feiner unterteilt werden. Moody's verwendet dafür Ziffern, Fitch nutzt Plus- und Minuszeichen. Eine mögliche Änderung des Ratings kündigen die Agenturen in aller Regel über den Ausblick „positiv“, „stabil“ und „negativ“ an.

Unterschiede zwischen Fitch und Moody's

Ab BB+ (Fitch und Standard & Poor's) oder Ba (Moody's) beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: Junk) genannt wird. Diese Marke gilt für Investoren als deutliches Warnsignal, dass sie Gefahr laufen, ihr Geld zu verlieren. Am Ende der Skala steht mit D der Ausfall, also die Pleite eines Schuldners.

„Ramsch-Niveau“

Wenn ein Land oder ein Unternehmen in den spekulativen Bereich abrutscht, wird es für den Schuldner oft teurer, sich neues Geld am Kapitalmarkt zu besorgen. Investmentfonds sind nämlich häufig verpflichtet, nur Papiere von Schuldnern oberhalb des Ramsch-Niveaus („Investmentgrade“) im Depot zu halten, und müssen dann solche Titel verkaufen, was die Kurse unter Druck setzt. Auch generell können Abwertungen negative Folgen für die Refinanzierung haben - dies ist aber kein Automatismus.

ATU gehört dem Finanzinvestor KKR, der vor fünf Jahren schon einmal mehr als 100 Millionen Euro in das Unternehmen mit seinen rund 13.000 Mitarbeitern gepumpt hat. Auch 2008 brachen die Umsätze weg, unter anderem wegen des milden Winters. Aktuell hat die US-Beteiligungsgesellschaft die Investmentbank JP Morgan beauftragt, Optionen für ATU auszuloten. In Branchenkreisen gilt es als wahrscheinlich, dass KKR noch einmal einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag an Eigenkapital nachschießen muss, um die Schuldensituation zu verbessern.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Der Finanzinvestor selbst hofft nach Informationen aus mit der Angelegenheit vertrauten Kreisen zufolge darauf, noch in diesem Jahr einen Käufer zu finden und so um eine Kapitalspritze herumzukommen. "Eine Erfolgsgeschichte dürfte ATU für KKR nicht mehr werden", sagte ein Insider. Viele Beteiligungsfirmen betonen, dass für sie ein Kauf nicht in Frage komme. Alle Beteiligten äußern sich nicht dazu. Private-Equity-Häuser kaufen Firmen auf Pump, die Schulden bürden sie den übernommenen Unternehmen auf. Brechen in Krisenzeiten die Umsätze weg, drückt die Schuldenlast schwer.

Insgesamt hat ATU knapp 600 Millionen Euro an Anleihen auf dem Markt, die ab Mai 2014 fällig werden. Obwohl das Management mehrere Möglichkeiten prüfe, vor dem Termin eine langfristig stabile Finanzstruktur auf die Beine zu stellen, gebe es bislang noch keinen konkreten Plan, bemängelt Moody's.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Der Verschuldungsgrad habe sich weiter verschlechtert und per Ende 2012 beim 8,4-Fachen des operativen Gewinns (Ebitda) gelegen - zwei Jahre zuvor war es noch das 7,2-Fache. Daran werde sich auch in den nächsten Jahren wenig ändern, da das Unternehmen die Schuldenlast aus eigener Kraft voraussichtlich nicht abbauen könne. ATU hat mehr als 600 Werkstätten, den allergrößten Teil davon in Deutschland.

Von

rtr

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