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27.07.2012

19:24 Uhr

Ratingagenturen in der Kritik

„Nicht nachvollziehbare Herabstufungen“

Nach der Finanzkrise 2008 haben Rating-Agenturen laut einer Studie der Universität St. Gallen die Kriterien für die Schuldnerqualität von europäischen Staaten verschärft und damit eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt.

Ein Gebäude von Fitch Ratings in New York. dpa

Ein Gebäude von Fitch Ratings in New York.

Zürich„Viele europäische Länder wurden seit 2008 mit anderen Maßstäben beurteilt als früher und auch anders als andere Länder heute noch behandelt werden“, sagte Professor Manfred Gärtner von der Universität St. Gallen am Freitag über seine diese Woche veröffentlichte Untersuchung. „Es ist schwer zu glauben, dass das ein Zufall ist“. Die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch wiesen die Kritik zurück.

Mit der Untersuchung wollten der Wirtschaftswissenschaftler und sein Mitautor Björn Griesbach der verbreiteten aber nach ihren Angaben bisher kaum überprüften These nachgehen, dass Rating-Agenturen mit ihren Krediturteilen einen Zustand schaffen, in dem sich Prophezeiungen selbst erfüllen. In der Untersuchung wurden Wirtschaftsdaten von 25 OECD-Ländern den Krediturteilen der amerikanischen Rating-Agentur Fitch gegenübergestellt.

Das Ausmaß der Herabstufungen von Ländern wie Spanien, Portugal oder Irland könne nicht mit einer entsprechenden Verschlechterungen der Wirtschaftslage und der Staatfinanzen begründet werden, folgerten die Wissenschaftler. Irland hätte nach den alten Standards um 1,5 Klassen zurückgestuft werden müssen, sagte Gärtner. „Stattdessen wurden sie um sieben Stufen zurückgenommen. Ein so großer Schritt hätte jedes Land in große Schwierigkeiten gebracht.“

Folgen einer Staatspleite für Gläubiger

Wie hoch waren die Verluste privater Gläubiger bei Staatspleiten?

Die Rating-Agentur Moody's hat 13 staatliche Zahlungsausfälle zwischen 1998 und 2008 untersucht. Danach mussten die Gläubiger 30 Tage nach dem Zahlungsverzug einen durchschnittlichen Abschlag von rund 50 Prozent hinnehmen.

Der Zahlungsausfall schwankte in den einzelnen Ländern aber stark. Gläubiger der Dominikanischen Republik kamen mit einem Minus von fünf Prozent noch glimpflich davon. Für Zeichner russischer Anleihen lag der Verlust mit 82 Prozent um ein Vielfaches höher.

Wurden ausländische Gläubiger benachteiligt?

Grundsätzlich werden ausländische Investoren nicht schlechter behandelt als einheimische Gläubiger. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Allerdings gibt es auch hier keine Regeln ohne Ausnahmen: Sowohl die Ukraine als auch Russland räumten den einheimischen Investoren „deutlich bessere Deals“ ein.

Wie schnell erholen sich Länder von einer Staatspleite?

„Sowohl die russische als auch die argentinische Wirtschaft konnten die Krise relativ schnell überwinden, profitierten dabei aber von außergewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen“, heißt es in einer Commerzbank-Studie. In Russland brach die Wirtschaftsleistung im Krisenjahr 1998 um rund 5,5 Prozent ein, ehe sie in den Folgejahren wegen des Rohstoffbooms um durchschnittlich etwa sieben Prozent wuchs.

Auch Argentinien erholte sich dank der steigenden Rohstoffnachfrage rasch. „Anleger sollten diese Erfolge daher nicht bedenkenlos auf andere Länder übertragen“, warnen die Experten der Commerzbank.

Sind Hilfen des IWF eine Garantie gegen Staatspleiten?

Neben den Euro-Ländern hilft auch der IWF mit Geldern aus: Sowohl in Griechenland als auch in Irland ist der erfahrende Krisenhelfer mit im Boot. Aber auch IWF-Hilfen waren in der Vergangenheit keine Garantie gegen Staatspleiten, wie das Beispiel Russland zeigt.

IWF und Weltbank sagten dem vor dem finanziellen Kollaps stehenden Land im Krisenjahr 1998 Hilfen von 22,6 Milliarden Dollar zu. Dennoch bediente der Staat ab August 1998 seine Schulden nicht mehr.

Was passiert, wenn IWF-Auflagen missachtet werden?

Bedingung für IWF-Hilfen sind strenge Auflagen, die aber nicht immer eingehalten werden. Der IWF schnürte 2000/2001 mehrere Hilfspakete für Argentinien - er erhöhte die Kreditlinien, organisierte Kreditzusagen der Weltbank und der spanischen Regierung.

Die Regierung aber sparte nicht wie vereinbart, sondern fuhr ihre Ausgaben im Kampf gegen die Wirtschaftskrise sogar hoch. Argentinien verfehlte damit die mit dem IWF vereinbarten Haushaltsziele.

Der Fonds setzte deshalb im Dezember 2001 die Zahlungen aus. Am 3. Januar 2002 konnte Argentinien seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen.

Gärtner und Griesbach gehen mit den Ratingagenturen scharf ins Gericht. Die Studie zeige, dass man die Ratingagenturen als zentrale Auslöser und Antreiber in der europäischen Schuldenkrise betrachten müsse. „Nicht nachvollziehbare Herabstufungen europäischer Länder sind eine zentrale Ursache und Triebfeder der europäischen Schuldenkrise“, lautet eine der Schlussfolgerung.

Die Untersuchung beschränkte sich auf die Daten der Ratingagentur Fitch. Von den beiden anderen großen amerikanischen Agenturen Moody's und Standard & Poor's (S&P) seien die entsprechenden Angaben nicht verfügbar gewesen, sagte Gärtner. Er glaube, könne es aber nicht beweisen, dass die Ergebnisse der Studie nicht anders ausgefallen wären, wenn auch Moody's- und S&P-Bewertungen eingeflossen wären.

Kommentare (21)

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bjarki

27.07.2012, 19:43 Uhr

nicht nachvollziehbare Beurteilungen ???? Europa macht nicht nachvollziehbare Politik. Schäubles Steuergesetzgebung ist nicht nachvollziehbar. Die Retterei ist nicht nachvollziehbar aber der europäische Gesamtbankrott, der wird nachvollziehbar sein.
Lächerliche Analyse, japsender Rechtfertiger des Irrsinns in Europa, speziell im Wunderland Deutschland.

Account gelöscht!

27.07.2012, 19:58 Uhr

"Lächerliche Analyse, japsender Rechtfertiger des Irrsinns in Europa, speziell im Wunderland Deutschland."

Das keine nachvollziehbare Politik herrscht ist unbestritten,
ist die Analyse deswegen falsch?
Das die Ratingangenturen einen Anteil an der Abwärtsspirale haben kann sich doch jedes Grundschulkind herleiten:

X leiht sich Geld für 1% Zinsen
X geht es wirtschaftlich mal schlecht.
X wird von Y heruntergestuft und muss plötzlich 10% Zinsen bezahlen.
Folge: Verbindlichkeiten von X steigen,
Schuldenberg türmt sich auf.
Y senkt wegen dem hohen Schuldenberg die Kreditwürdigkeit noch mehr.
Folge: Schuldenberg von X steigt NOCH weiter.
Folge Y senkt die Kreditwürdigkeit nach ganz unten.

Und der Großteil der (ohnehin) verkorksten Europapolitik kam doch genau NACH dieser Spirale...

Marc

27.07.2012, 19:59 Uhr

Die Frage ist wirklich berechtigt warum europäische Politiker die Ratingagenturen nicht an die Leine nehmen. Das Problem ist ja seit Jahren bekannt. Hier wird seitens der Ratingagenturen rücksichtsloseste Klientelpolitk betrieben. Warum haben die USA ein AAA und Deutschland wird mit Ausblick negativ versehen? Oder warum erhebt in Europa niemand Klage gegen die AAA Bewertungen völlig fauler amerikanischer Immobilienpapiere seitens derselben Ratingagenturen bis 2009, die uns alle ja Unsummen gekostet hat. Warum lassen wir uns das gefallen? Warum handeln unsere Politker nicht?

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