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11.05.2017

19:08 Uhr

Reederei Rickmers

Rettungskonzept scheitert in der ersten Abstimmungsrunde

VonGertrud Hussla

Der in Seenot geratene Schifffahrts-Konzern Rickmers hat für sein Rettungskonzept nicht die nötige Stimmenmehrheit der Anleihegläubiger erhalten. Es folgt eine zweite Abstimmung am 1. Juni. Das Ergebnis könnte knapp ausfallen.

Der bisherige Alleininhaber des Schifffahrtskonzerns kämpft um sein Lebenswerk. picture alliance / Daniel Reinha

Bertram Rickmers

Der bisherige Alleininhaber des Schifffahrtskonzerns kämpft um sein Lebenswerk.

Düsseldorf„Wir lassen uns doch nicht die Pistole vorhalten“, hatte ein institutioneller Anleger das von der Rickmers-Gruppe vorgeschlagene Rettungskonzept kommentiert. Auch andere Großinvestoren und die Anlegerschutzgemeinschaft SdK haben sich dagegen ausgesprochen. Nach einem ersten Quorum der Anleger sieht es nun so aus, als könnte das endgültige Abstimmungsergebnis für das vom Konzern vorgelegte Sanierungskonzept sehr knapp ausfallen. Sollte es scheitern, hatte ein beteiligter Anwalt auch eine Insolvenz nicht ausgeschlossen.

Rickmers betreibt eine Flotte von 114 Fracht-Schiffen mit mehr 1.600 Seeleuten und ist damit einer der größten Dienstleister der Schifffahrtsindustrie. Der Konzern ist aufgrund der dauerhaft niedrigen Frachtraten und hoher Wertberichtigungen auf seine Schiffe in schwere Seenot geraten. Von Montag bis Mittwoch konnten Anleihegläubiger in einem schriftlichen Verfahren über ein Sanierungskonzept abstimmen, das ihnen außer einer letzten Zinszahlung am 11. Juni keine weiteren Zins- und Rückzahlungen mehr sicher garantiert hätte.

Nur 17,37 Prozent des Anleihekapitals von 275 Millionen Euro haben sich an dem schriftlichen Abstimmungsverfahren vom 8. bis zum 10. Mai beteiligt, meldete die Rickmers-Gruppe. Mindestens 50 Prozent des Kapitals aber wären nötig gewesen, um überhaupt einen Beschluss herbeizuführen. Damit ist die Abstimmung in einer ersten Runde gescheitert.

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Nun werden die Anleger zu einer Gläubigerversammlung am 1. Juni geladen, zu der sie persönlich erscheinen müssen. Diese zweite Runde wäre zwar schon mit 25 Prozent des Anleihekapitals beschlussfähig. Aber selbst wenn so viel Kapital dort vertreten sein sollte, ist der Ausgang höchst ungewiss. Denn unter den 25 Prozent müsste eine Dreiviertelmehrheit für das Konzept stimmen. In Euro gerechnet: Investoren über 68 Millionen Euro Nominalkapital müssten auf der Gläubigerversammlung erscheinen. Davon müssten Anleihegläubiger mit insgesamt 51,5 Millionen Euro für den Restrukturierungsplan stimmen. An der ersten Abstimmung haben laut der Pressemitteilung überhaupt nur 48 Millionen Anleihekapital teilgenommen. Darunter war wohl auch eine höhere Anzahl Nein-Stimmen.

Die Schieflage von Rickmers ist eine der bislang größten Notlagen im Segment der Mittelstandsanleihen. Viele tausend Sparer und eine Reihe institutioneller Investoren haben bei der Rickmers-Holding Anleihen im Nennwert von 275 Millionen Euro gezeichnet. Fällig wäre die im Juli begebene Anleihe erst im Juni 2018.

Doch schon im vergangenen Herbst war absehbar, dass der Konzern wohl Schwierigkeiten haben könnte, sie zurückzuzahlen. Denn der an Hamburgs Elbe residierende Konzern schreibt hohe Verluste. 341 Millionen Euro Miese waren es allein 2016. Der Kurs der Anleihe notiert nur noch bei rund vier Prozent des Nennwertes.

Sanierung der Reederei Rickmers: Meuterei der Geldgeber

Sanierung der Reederei Rickmers

Premium Meuterei der Geldgeber

Die in Not geratene Reederei Rickmers legt ihren Anleihegläubigern einen Sanierungsplan vor. Danach würden sie nur einen Bruchteil ihres Geldes wiedersehen. Das wollen viele nicht hinnehmen.

Eine Truppe von Sanierungsexperten und Rechtsberatern arbeitete seit September 2016 an einem Restrukturierungskonzept, von dem die Öffentlichkeit und die Anleger erst Mitte April erfuhren. Es sieht vor, dass die Anleger am 11. Juni nochmals eine volle Zinszahlung in Höhe von 8,75 Prozent erhalten sollen. Ob es danach noch eine Zinszahlung oder gar eine Rückzahlung des eingesetzten Kapitals geben wird, ist ungewiss. Denn eine Dreiviertelmehrheit an Rickmers soll an Investoren verkauft werden. Aus dem Erlös sollen vorrangig die besicherten Bankschulden beglichen werden. Nur wenn danach noch Geld übrig ist, sollen die Anleihegläubiger etwas davon abbekommen.

Kritische Investoren betrachten das als einen 100-prozentigen Schuldenschnitt und verlangen neue Verhandlungen, die sie gegenüber den Banken besserstellen. Sie monieren auch, dass sie nicht rechtzeitig in die Verhandlungen mit einbezogen wurden und auch kein Mitspracherecht bei der Auswahl eines Anleihegläubigervertreters hatten.

Der von Rickmers designierte Anleihegläubigervertreter Kristian Heise hält dagegen, die Informationen seien hochsensibel gewesen. „Jegliche vorzeitige Veröffentlichung hätte den Erfolg der Verhandlungen mit den Banken nach unseren Informationen gefährdet.“
Ob das Konzept durchgeht ist nun völlig offen. Anfang Juni wissen alle Beteiligten mehr.

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