Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.12.2011

13:22 Uhr

Reihenweise Fehleinschätzungen

Weit daneben ist auch vorbei

VonJörg Hackhausen

Alle Jahre wieder: Analysten geben Ende des Jahres ihre Prognose für das kommende ab. Die Vorhersagen sind so verlässlich wie das Horoskop in der Fernsehzeitschrift. In diesem Jahr lagen sie besonders weit daneben.

Handelssaal der Commerzbank: Die Strategen der Bank sahen den Dax bis Ende 2011 bei 8200 Punkten. ap

Handelssaal der Commerzbank: Die Strategen der Bank sahen den Dax bis Ende 2011 bei 8200 Punkten.

DüsseldorfEs war kein gutes Jahr für Aktionäre. Am Anfang stand der Dax bei 7000 Punkten, aktuell sind es 5900 Zähler - ein Minus von 16 Prozent. Zwischendurch tauchte er kurz unter 5000 Punkte ab.

Der Gründe für das schwache Börsenjahr sind schnell aufgezählt: Schuldenkrise, Schuldenkrise und noch mal Schuldenkrise. Erst Griechenland, dann Portugal und Irland, zuletzt wackelten auch Italien und Spanien. Ein Land nach dem anderen geriet in den Strudel. Die Investoren meldeten Zweifel an, ob alle diese Länder ihre Schulden noch zurückzahlen können. Die Angst vor einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise ging um. Sie ist noch nicht aus der Welt. In einem solchen Umfeld wagt kein Anleger große Investments, Sicherheit geht vor - auch wenn die Zahlen der Unternehmen noch sehr ordentlich aussehen.

All das ist nicht wirklich neu, es fällt schwer, sich zurückzuerinnern an eine Zeit ohne Krisengipfel, Hilfspakete und Stresstests. Das eigentlich Erstaunliche aber ist: Kein Experte hat diese Entwicklung vorhergesehen, jedenfalls keiner von den großen Banken.

Am Ende eines jeden Jahres befragt das Handelsblatt Banken und Analysehäuser, was sie für das kommende erwarten. Beim letzten Mal beteiligten sich 38 Geldhäuser von Rang und Namen. Als die Experten ihre Prognosen für 2011 aufstellten, waren sie sich sicher: An den Börsen geht es aufwärts. Im Schnitt lag die Schätzung für den Dax bei 7605 Punkten. Insgesamt sahen 35 Institute den Index über 7000 Punkten.

Stimmen zur Schuldenkrise

Barack Obama, US-Präsident

„So lange Europa keinen konkreten Plan für den Kampf gegen die Krise hat, halten die Turbulenzen an den Finanzmärkten an.“

Mohamed El-Erian, Chef von Pimco

„Das, was wir in Griechenland im Schnelldurchlauf erleben, könnte eines Tages auch die USA erfassen, wenn sich die dortige Politik nicht ändert“

George Soros, Investor

„Die derzeitigen Maßnahmen sind nicht ausreichend, kommen zu spät und lösen weltweit Verwerfungen auf den Finanzmärkten aus“

Charles Plosser, Fed-Gouverneur

„Möglicherweise besitzen wir nicht die richtigen geldpolitischen Instrumente, um die Erkrankungen zu heilen, an denen das System leidet.“

Jose Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident

„Wir sind jetzt wirklich mit einer wahrhaft systemischen Krise konfrontiert“

Nicolas Sarkozy, französischer Staatspräsident

"Diejenigen, die den Euro zerstören, werden die Verantwortung dafür tragen, dass Konflikt und Trennung auf unserem Kontinent wieder auferstehen."

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

„Europa ist heute in einer der schwersten Stunde, vielleicht der schwersten Stunde seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts

„Es wird für die Politiker immer schwerer, einen Kurswechsel durchzusetzen. Sie werfen immer mehr gutes Geld dem schlechten hinterher und überlassen das Problem der jeweils nachfolgenden Politikergeneration. […] Es kommen noch große Lasten auf Deutschland zu.“

Dirk Müller, Börsenhändler und Buchautor

"Wir haben nichts aus dem ersten Teil der Finanzkrise gelernt, es geht so weiter wie vorher."

Max Otte, Investor und Ökonom

„Die Schuldenberge, die wir aufgetürmt haben, lassen sich nur durch Inflation beseitigen. Alles andere wäre fatal. Wenn dagegen so etwas passiert wie 1929, also eine Phase extremer Deflation bis hin zur Depression, dann gute Nacht.“

Bert Flossbach, Vermögensverwalter

„Die Banken haben das Vertrauen, auf das sie mehr als jede andere Branche angewiesen sind, verspielt. Kein Wunder, dass der Kapitalmarkt kaum noch bereit ist, ihnen Geld zu leihen. Aufgeblähte Bilanzen, zu wenig Eigenkapital, falsche Anreizsysteme, komplexe Geschäfte und zunehmende Risiken machen Großbanken zu unkalkulierbaren Risiken für ihre Aktionäre, den Staat und damit die ganze Gesellschaft.“

Jürgen Heraeus, Unternehmer

„Ich bin besorgt, aber ich bin vor allem realistisch. Wir werden eine Abwertung bekommen, wir werden vielleicht sogar eine Inflation bekommen. Ich möchte das Wort Währungsreform nicht in den Mund nehmen, aber irgendwo müssen diese riesigen Schulden bleiben.“

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Barclays Capital Deutschland

„Die westlichen Länder stecken in der Wirtschafts- und Finanzkrise, einer Verschuldungskrise. Wie immer bei hoher Verschuldung ist die Gefahr groß, dass die Politik des Gelddruckens als das kleinste Übel angesehen wird. Ich lebe in ständiger Inflationssorge.“

Hans Olaf Henkel, Ex-BDI-Präsident

„Es gibt eine Alternative zur ‚alternativlosen’ Euro-Politik: den gemeinsamen Austritt Deutschlands, Hollands, Österreichs und Finnlands aus der Euro-Zone.“

Am weitesten daneben lagen Société Générale und Royal Bank of Scotland mit ihrem Tipp, der Dax werde Ende 2011 bei 8300 Zählern stehen. Die Commerzbank schneidet mit 8200 Punkten nicht viel besser ab. Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedanken. Dass die eigene Aktie fast auf Pennystock-Niveau abrutschen würde, hätte bei der Commerzbank wohl auch keiner für möglich gehalten. Die Deutsche Bank erwartete den Dax zum Ende dieses Jahres bei 7500 Punkten.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

PRhodan

27.12.2011, 16:28 Uhr

Denn sie wissen nicht, was sie tun! Ich hebe mir gemeinerweise die Prognosen für das jeweils kommende Jahr auf. Damit rechnen diese Erbsenzähler und Analysten (mit dem Augenmerk auf den ersten 4 Buchstaben) natürlich nicht. Wie laufen die Prognosen ab? Man nehme zum Prognosezeitpunkt i. d. R. Anfang Dezember den DAX-Stand und multipliziere ihn mit 1,07 oder 1,08. Dann noch einen Korridor für die Hochs und Tiefs definieren und fertig ist der Schwachsinn. Wenn man sich dann noch die Borniertheit dieser Volkswirte vor Augen führt, kann einem ganz übel werden: so hat der "Chefvolkswirt" der Postbank 4 Tage nach Lehman den DAX zum Jahresende bei 8000 Punkten gesehen. Vermutlich legt er selbst sein Geld auf dem Sparbuch an, wie das Gros der PB-Kunden.

AndreAdrian

27.12.2011, 17:18 Uhr

Vorhersage

Die meisten Experten verwenden lineare Modelle. Wenn im letzten Jahr irgend ein Wert um 10% gestiegen ist, dann wird dieser Trend einfach in die Zukunft weitergerechnet. Wenn der gleiche Wert um 10% gesunken ist, dann wird zusätzlich die Wunschtrommel angeworfen und von Trendumkehr gefaselt. Aktienkurse können immer nur steigen ist dabei der Wunsch.
Beide lineare Modelle sind primitiv und deshalb nicht realistisch. Ein relistisches Modell ist in der Regel gar nicht möglich - die Zukunft ist und bleibt unbestimmt.
Ein seriöser Unternehmer geht nicht zur Wahrsagerin, er geht aber zum Zukunftsforscher. Wer schon nicht mit dem Unbekannten leben kann, der sollte einfach für sein Horoskop möglichst wenig Geld ausgeben. Deshalb empfehle ich Wahrsagerin anstelle von Diplom-Ökonom.

jostandf

28.12.2011, 00:40 Uhr

Wenn man die Tief/Hoch Werte in Betracht zieht liegen leider schon Anfang des Jahres fast alle Banken falsch. Nur die National Bank hat einen Tiefwert von 5800 der unter dem jetzigen DAX Wert von 5889 liegt. Selbst im Orakel von Delphi waren sie wahrscheinlich besser. Na ja ihren Bonus bekommen die Banker ja bekannterweise auch ohne Leistungsnachweis.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×