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29.05.2012

16:36 Uhr

Rendite vor der Schmerzgrenze

Marode Banken ruinieren Spanien

Der Kapitalbedarf der spanischen Institute zwingt das Land langsam in die Knie. Neue Staatsschulden sollen die benötigten Milliarden finanzieren. Indes tastet sich die Rendite für Anleihen an die Schmerzgrenze heran.

Leere Tische vor einem Restaurant in Madrid: Spanien will seine Probleme alleine lösen - noch. Reuters

Leere Tische vor einem Restaurant in Madrid: Spanien will seine Probleme alleine lösen - noch.

Madrid/BrüsselSpanien droht unter der Milliardenlast seiner Bankenprobleme zusammenzubrechen und drückt damit auf die Börsen und den Euro. Das Land will die benötigte Kapitalhilfe von aktuell über 19 Milliarden Euro für die marode Sparkasse Bankia über neue Schulden aufbringen, sagte am Dienstag ein mit der Angelegenheit vertrauter Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Außerdem werde wohl am Freitag ein Mechanismus geschaffen, um die Kreditaufnahme der spanischen Regionen zu zentralisieren und zu kontrollieren.

Die EU-Kommission bestätigte, mit Spanien über die Bemühungen zur Bankia-Rettung in Kontakt zu sein. Über Konkreteres sei man bisher jedoch nicht informiert worden. Die Rendite für spanische zehnjährige Anleihen stiegen zeitweise bis auf 6,76 Prozent - ein Niveau, das dauerhaft für Spanien kaum zu tragen ist.

Spanien in der Krise

Kann sich Spanien diese Rettung überhaupt leisten?

Nicht wirklich: „Das Bankia-Loch stößt das Land noch ein Schritt näher in Richtung Abgrund“, schreibt die Zeitung „El País“. Schon lange bevor das Milliardenloch bei Bankia bekannt wurde, hatte Citigroup-Chefvolkswirt William Buiter prophezeit: „Es scheint sehr wahrscheinlich, dass Spanien noch in diesem Jahr unter ein Programm der Troika schlüpfen muss.“ Auch die Commerzbank glaubt seit längerem nicht mehr, dass Spanien sein Defizit dieses Jahr wie geplant von 8,5 Prozent auf 5,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes drücken kann.

Und wie steht es um Spaniens Banken?

Das Vertrauen in spanische Finanzinstitute schwindet, besonders von Papieren der maroden Großbank Bankia lassen die Anleger die Finger. Die Aktie ist im Sinkflug. Das teilverstaatlichte Institut hat die Madrider Regierung um eine weitere Finanzhilfe von 19 Milliarden Euro gebeten. Vor zwei Jahren waren bereits 4,5 Milliarden Euro aus dem Bankenrettungsfonds FROB geflossen.

Warum lehnt Madrid bisher EU-Hilfen ab?

Der Preis einer EU-Rettung dürfte für die erst seit fünf Monaten amtierende Regierung hoch sein. Das Eingeständnis, die Probleme des Landes nicht lösen zu können, wäre politisch ein Offenbarungseid.

Warum steckt Spanien in der Krise?

Spanien ist Opfer seiner jahrelangen Bauwut, flankiert von der „bereitwilligen“ Kreditvergabe der Banken. Als die Immobilienblase platzte, gerieten die Institute in Spanien in Schieflage, weil Hypotheken nicht zurückbezahlt werden können. Die extrem hohe Arbeitslosenquote erhöht das Ausfallrisiko zusätzlich.

Welche Alternativen gibt es?

Spanien und andere Länder wollen, dass sich strauchelnde Banken direkt Mittel beim Euro-Rettungsfonds ESM besorgen können. Damit soll vermieden werden, dass ein ganzes Land den Fonds anzapfen muss, obwohl nur den Banken geholfen werden soll. Denn wenn ein Land Geld abruft, muss die Regierung im Gegenzug ein hartes Spar- und Reformprogramm auflegen.

Welche Folgen drohen, wenn Griechenland aus dem Euro austreten muss?

Sollte die Situation in Griechenland nach der Parlamentswahl am 17. Juni eskalieren - Athen also pleitegehen und möglicherweise aus dem Euroraum austreten - werden starke Turbulenzen in Sorgenländern wie Spanien, Italien oder Portugal befürchtet. Letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren. Der gesamte Währungsraum könnte ins Wanken geraten.

Welche Gefahren bestehen für deutsche Banken?

Deutsche Banken haben mehr als 112 Milliarden Euro in Spanien verliehen. Während die Griechenland-Krise die Banken zu milliardenschweren Abschreibungen auf Staatsanleihen zwang, sind es jetzt vor allem die Kredite an Unternehmen, die Sorgen bereiten. Gerade einmal 1,4 Milliarden Euro hatte die Deutsche Bank Ende März noch an Spanien-Bonds und -Krediten für die öffentliche Hand in ihren Büchern. Unternehmen des Mittelmeerlandes stehen dagegen mit mehr als 6,5 Milliarden Euro bei dem deutschen Branchenprimus in der Kreide. Auch bei der Commerzbank ist der Anteil der Staatsanleihen im Vergleich zu gewerblichen Immobilienkrediten und Unternehmenskrediten deutlich geringer. Spanien steckt in einer Rezession, die Gefahr von Firmenpleiten steigt und damit das Risiko, dass Kredite ausfallen.

Wie bewerten die Märkte Spanien?

An den Märkten stieg das Misstrauen zuletzt spürbar: Weil die Geldgeber fürchten, das Krisenland könne seine Schulden eines Tages nicht mehr zurückbezahlen, verlangen sie höhere Zinsen. Der Risikoaufschlag zu deutschen Staatsanleihen kletterte auf den höchsten Wert seit der Euro-Einführung. Für zehnjährige Schulden musste Spanien deutlich über 6 Prozent Zinsen bezahlen - das kann das Land auf Dauer nicht verkraften.

Wie will die spanische Regierung die Banken retten?

Mit aller Macht - und aus eigener Kraft. Obwohl die Summe gigantisch ist, betonte Rajoy: „Es wird für die spanischen Geldhäuser keine europäische Rettungsaktion geben.“ Im besten Fall soll der spanische Bankenrettungsfonds zusätzliche Mittel am Kapitalmarkt aufnehmen. Bleiben die Renditen untragbar hoch, könnte der FROB die staatlichen Schuldtitel in die Bank einbringen, die diese dann als Garantie bei der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen und dafür Liquidität erhalten könnte, schreibt das „Handelsblatt“: „Damit käme allerdings die EZB indirekt für das Kapitaldefizit von Bankia auf.“

Angesichts der massiven Probleme im spanischen Bankensektor, die ihre Ursache größtenteils in der geplatzten Preisblase am Immobilienmarkt haben, bezweifeln viele Experten, dass Spanien die Lasten auf Dauer ohne europäische Unterstützung tragen kann. Bislang erklärt die Regierung allerdings immer wieder, sie wolle die schwierige Lage aus eigener Kraft bewältigen.

Der Euro notierte am frühen Nachmittag bei etwa 1,253 Dollar, nicht weit entfernt von seinem Jahrestief von knapp 1,25 Dollar. Der deutsche Aktienindex Dax gewann um rund 0,5 Prozent, während sich der spanische Ibex-Index um 2,6 Prozent abschwächte.

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In Madrid setzten Bankia-Papiere ihre Talfahrt fort. Die Aktien verloren knapp sechs Prozent auf 1,29 Euro. Am Pfingstmontag waren sie zeitweise um 30 Prozent abgestürzt. Das angeschlagene Finanzinstitut Bankia entpuppt sich für den spanischen Staat als Loch ohne Boden. Am vergangenen Freitag erbat es über die schon zuvor gezahlte Barhilfe von 4,5 Milliarden Euro hinaus weitere 19 Milliarden Euro vom Staat.

Kommentare (8)

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denker

29.05.2012, 16:55 Uhr

Ich würde es mit sparen und nicht mit neuen Schulden versuchen.
Rettungsschirm- frisches Geld Pakete schnüren.
Wenn ich das schön höre. K.....könnt ich.

wadenzwicker

29.05.2012, 16:56 Uhr

Ziemlich genau vor 6 Monaten habe ich hier mal kommentiert, dass Spanien Griechenland im Abstand von einem Jahr folgt. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Spätestens im Herbst ist Spanien defacto pleite. Brief und Siegel drauf!

kaielves

29.05.2012, 17:36 Uhr

Suuuper Leistung!

Wie lange warnen schon die sog. "Verschwörungstheoretiker", die ach so kruden "Untergangshysteriker" und die unsäglichen "Rrrrräächtzpopulisten" vor genau der jetzigen Entwicklung?!?!

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