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18.05.2011

15:13 Uhr

„Reprofiling“

Zahlungsaufschub für Griechenland rückt näher

Die EU spielt das Szenario einer „sanften Umschuldung“ griechischer Staatsanleihen durch, um dem Land Zeit bei der Sanierung zu geben. Doch ob das historische Beispiel Uruguay als Vorbild taugt, darf bezweifelt werden.

 

Um den Schuldenberg in den Griff zu bekommen, überlegt die EU, Griechenland einen Zahlungsaufschub zu gewähren. Quelle: dpa

Um den Schuldenberg in den Griff zu bekommen, überlegt die EU, Griechenland einen Zahlungsaufschub zu gewähren.

Angesichts der dramatischen Haushaltslage in Griechenland denkt die EU für den Notfall über eine „sanfte Umschuldung“ griechischer Staatsanleihen nach. Dabei würden Gläubiger Griechenland einen Zahlungsaufschub gewähren. Dieses auch als „Reprofiling“ bezeichnete Vorgehen würde die Staatskasse etwas entlasten und dem Land mehr Zeit bei der Haushaltssanierung einräumen. Griechenland selbst lehnt eine Umschuldung zwar weiter ab, aber die Finanzmärkte bleiben überzeugt, dass ein solcher Schritt über kurz oder lang unausweichlich bleiben wird.

Als historisches Vorbild für diesen Weg gilt Uruguay. Das lateinamerikanische Land geriet 2002 in den Strudel der Finanzkrise im Nachbarland Argentinien und unterbreitete seinen Gläubigern 2003 schließlich eine „sanfte Umschuldung“. Dabei wurde die Laufzeit von Staatsanleihen im Wert von rund fünf Milliarden Dollar um fünf Jahre gestreckt. Die Anleger kamen faktisch im Schnitt mit Verlusten von rund zehn Prozent davon - während sie etwa im Fall Argentinien schließlich auf rund drei Viertel ihrer Forderung verzichten mussten.

Wie eine Umschuldung Griechenlands aussehen könnte

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

"Sanfte Umschuldung"

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Euro - verbunden womöglich mit einer erneuten Senkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss.Eurogruppen-Chef Juncker will auch die privaten Gläubiger mit ins Boot holen. Dem Krisenland soll so mehr Zeit eingeräumt werden, seine Schulden zurückzuzahlen und sein Sparprogramm umzusetzen. „Reprofiling“ nennt Jucker das. Ob private Gläubiger dazu gebracht werden sollen, Griechenland eine Atempause zu gewähren und dabei auf Geld zu verzichten, ist offen. Die Commerzbank rechnet nur dann mit einem Erfolg, wenn den Anlegern dafür Rückzahlungsgarantien ausgestellt werden. Das Problem: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden - für die am Ende die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssen.

Brady-Bonds

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Längere Laufzeiten

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Pariser Club

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Argentinien hatte 2001 alle Zahlungen auf Anleihen im Wert von 91 Milliarden Dollar eingestellt und war daraufhin in wirtschaftliches Chaos gestürzt. Weil Uruguay seine Gläubiger rechtzeitig von der Umschuldung überzeugte, konnte das Land einen klassischen Zahlungsausfall mit solch schmerzhaften Konsequenzen abwenden. Im Gegenteil: Die Wirtschaft erholte sich zügig von der Krise und Uruguay konnte sich relativ schnell wieder am Finanzmarkt finanzieren. Auch für die Staatskasse ging der Plan auf: Das Land hat seine Staatsschulden von zwischenzeitlich knapp 100 Prozent mittlerweile auf rund 50 Prozent der Wirtschaftsleistung halbiert.

Ob Uruguay jedoch für Griechenland wirklich als Vorbild taugt, ist trotz dieses Erfolgs jedoch höchst umstritten. Der Grund: Griechenland ist viel höher verschuldet, als es Uruguay jemals war - das Land steuert auf einen Schuldenberg von 160 Prozent der Wirtschaftsleistung zu. Außerdem war für Uruguay in den Jahren nach der Umschuldung ein rasantes Wirtschaftswachstum von bis zu acht Prozent für den Abbau des Schuldenberges entscheidend. Auf diesen Rückenwind kann Griechenland lange warten - die Wirtschaft des Landes wird in den kommenden Jahren voraussichtlich nur sehr langsam vom Fleck kommen.

Zwar erscheint vielen Gläubigern eine sanfte Umschuldung gerade deshalb attraktiv, weil sie nur auf einen relativ kleinen Teil ihres Geldes verzichten müssten. Genau darin liegt jedoch das Problem: Im Fall Griechenland könnte dies schlichtweg nicht reichen.

Von

rtr

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

18.05.2011, 16:38 Uhr

100 Jahre !!!




War ein kleiner Scherz.
Egal ob 1 oder 200 Jahre.


Das Geld ist Weg.

moenderman

19.05.2011, 10:37 Uhr

@k.h.a
Es ist einfach, Frau Merkel geringe Kompetenzen zu unterstellen und selbst das Patentrezept zu proklamieren. Unsere reale Welt ist komplex, die Finanzwelt ist dies zum Quadrat. Wenn Sie Griechenland 70% der Schulden erlassen, steht übermorgen die Commerzbank, die HSH, die WestLB u.v.m vor der Tür und fragen erneut nach Rettungsgeldern. Sie kürzen den Banken damit die Bilanzen zusammen...leider nur einseitig.
Die Griechen müssen wirtschaftliche auf die Füße kommen. Es kann nicht sein, dass Deutschland mit fast 4% p.a. wächst, die Griechen aber auf der Stelle treten.
Es muss Vertrauen in das Land gebracht werden, damit sich die Privatindustrie zu Investitionen durchringt. Gekoppelt mit einer drastischen Privatisierung öffentlicher Betriebe und der konsequenten Steuererhebung und realen Vereinnahmung kommt auch Griechenland wieder zu dem, was es einmal war.
Ängste nehmen und Vertrauen schaffen.
Wirtschaftsrahmen erneuern und Privatisieren.
Staatseinnahmen stärken und Ausgaben kürzen.
Die Bevölkerung mit ins Boot holen und 5 Jahre Vollgas geben.
--> Der Plan eines Laien.

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