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04.06.2015

15:24 Uhr

Riesige Kursschwankungen

Achterbahnfahrt für Bundesanleihen

Gewöhnt euch an heftige Kursschwankungen, sagte EZB-Präsident Mario Draghi gerichtet an Investoren in aller Welt. Und er hat damit eine heftige Kursreaktion ausgelöst. Die Schwankungen am Donnerstag sind extrem.

Die Anleihemärkte spielen verrückt – nicht nur deutsche Bundesanleihen verlieren drastisch an Wert. Imago

Räumungsverkauf

Die Anleihemärkte spielen verrückt – nicht nur deutsche Bundesanleihen verlieren drastisch an Wert.

FrankfurtDie Flucht der Investoren aus deutschen und anderen europäischen Staatsanleihen hat am Donnerstag zunächst neues Tempo gewonnen. Befeuert hat den Kurssturz am Morgen eine Aussage von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Er hatte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz gesagt, dass sich Marktteilnehmer an stärkere Kursschwankungen gewöhnen müssten. Die Folge der Aussagen war drastisch. Die zehnjährige Bundesanleihe setzte am Donnerstag den Kurssturz vom Vortag zunächst fort und verzeichnete das größte Minus innerhalb von zwei Tagen seit Start des Euro als Gemeinschaftswährung.

Anleger seien enttäuscht, dass EZB-Chef Mario Draghi bei seiner Pressekonferenz keine Eingriffe signalisiert habe, um Kursturbulenzen abzumildern, sagte Johnny Bo Jakobsen, Chef-Analyst der Nordea Bank. „Die Botschaft war klar: Die EZB wird nicht von ihrem Kurs abweichen.”

Am Nachmittag beruhigte sich die Lage zwar. Die Renditen für die zehnjährigen Bundesanleihen pendelten sich bei rund 0,85 Prozent ein. Doch Experten geben noch lange keine Entwarnung. „Es gibt keine Ruhepause“, so Piet Lammens, Research-Chef der belgischen KBC Bank. Es sind zwar erst erste Anzeichen, „aber es ist schon jetzt klar, dass die Stimmung zugunsten der Bundespapiere eindeutig verflogen ist.“

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Weltweit haben Anleihen stark gelitten, seit am Dienstag frische Zahlen zur Inflation in der Euro-Zone veröffentlicht worden waren. Erstmals in diesem Jahr waren die Preise in der Euro-Zone gestiegen – und das mit 0,3 Prozent sogar stärker als von Ökonomen im Durchschnitt erwartet. Der Anleiheguru Jeffrey Gundlach, der im April den beginnenden Kurssturz befeuert hatte, sagte am Mittwoch, dass die Rendite der zehnjährigen Staatspapiere auf bis zu 125 Basispunkte, also 1,25 Prozent steigen dürfte.

Der Jahreschart zeigt: Seit Ende April geht es bergab.

Zehnjährige Bundesanleihe

Der Jahreschart zeigt: Seit Ende April geht es bergab.

Bei Anleihen steigen die Renditen, wenn die Kurse fallen. Anders als etwa bei Aktien fallen die Schwankungen bei den Bundeswertpapieren aber in der Regel moderat aus. Investoren galten die Schuldentitel des Bundes deshalb lange als sicherer Hafen. Noch im April hatte die zehnjährige Bundesanleihe bei einem Rekordtief von 0,049 Prozent rentiert, am Donnerstag lag sie am Morgen aber bei 0,987 Prozent. Seit Mittwoch war das Plus bei der Rendite so stark wie seit mindestens 1999 nicht. Am Nachmittag pendelten lag die Rendite der Papiere dann aber niedriger als am Mittwoch – eine ungekannte Achterbahnfahrt.

Der Euro legte am Donnerstag zunächst deutlich zu und machte sich auf den Weg, 1,14 Dollar zu erreichen. Die Gemeinschaftswährung notierte am Nachmittag dann aber leicht im Minus bei 1,1246 Dollar. Der Dax geriet deutlich unter Druck und notierte zeitweise fast zwei Prozent im Minus, bevor er die Verluste im Tagesverlauf eingrenzte.

Kommentare (10)

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Herr Heinz Schroeder

04.06.2015, 11:00 Uhr

Was hat man eigentlich anderes, nach den Maßnahmen zur An-
kurpelung der Inflation durch die EZB, erwartet?

Herr Michael Müller

04.06.2015, 11:15 Uhr

Die Zinsen werden nicht immer auf diesem niedrigen Niveau bleiben. Steigende Zinsen sind Gift für Anleihen, da steigende Zinsen automatisch Kursverluste nach sich ziehen. Anlegern denen dies bewußt ist, trennen sich bei ersten Anzeichen von Zinserhöhungen um Kursverluste zu vermeiden. Auf der anderen Seite finden sich kaum neue Käufer für Papiere die in Zukunft nur noch fallen können. Was dann passiert ist klar....

Herr Manfred Zimmer

04.06.2015, 11:23 Uhr

Wie gut ist es, dass die BAFin bereits vor der EZB vor den Marktturbulenzen gewarnt hatte.

Da die EZB die Zinsen für die Kapaitalaufnahme auf fast 0 % gesetzt hatten, konnte die Turbulenz nur nach einer Seite (Rendite nach oben und Kurssturz nach unten) gesehen werden. Letztlich ist dies für die Versicherer ein Kursstzurz nach unten.

Aber wie ist dies zu werten?

Versicherungsvorständen, die die Portfolien nicht über den Bundfuture absicherten haben wohl vorsätzlich, zumindest grob fahrlässig gehandelt. Genügend Reaktionszeit hatten sie allemal. Die, die es nicht taten, stehen wohl wegen Unfähigkeit vor ihrer Entlassung. Wenn dies die Eigentümer nicht selbst veranlassen, dann wird wohl der Druck auf die BAFin so groß, dass sie dies veranlassen wird.

Für die Versicherungsvorstände, die der Warnung der BAFin nicht folgten, ist es auch nicht so einfach. Den Kursverlusten im Anleihebestand, stehen dann Kursgewinne aus Futuregeschäften entgegen. Ein Hedge wie man allgemein feststellt.

Wollen wir einmal sehen, wie die Versicherungsgesellschaften damit umgehen und der Bilanzierung der Bewertungseinheiten. Für ein unsachgemäße Bilanzierung hat letztlich der Bundespräsident mit seiner Unterschrift unter das Lebensversicherungsreformgesetz gesetzt.

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