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27.08.2014

14:54 Uhr

Rocket Internet

Die Maschen der Samwer-Brüder

VonLisa Hegemann

Kurz vor dem Börsengang der Start-up-Schmiede Rocket Internet häufen sich die Enthüllungen über die Samwer-Brüder. Ethisch und moralisch gehen die Zalando-Macher an die Grenzen. Doch das zählt auch zum Erfolgsmodell.

Ungewöhnlich präsent: Der Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer hat dem ZDF in der Sendung „Frontal 21“ Rede und Antwort gestanden. Er und seine Brüder Alexander und Marc gelten sonst als eher medienscheu. ZDF/Lukas Piechowski

Ungewöhnlich präsent: Der Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer hat dem ZDF in der Sendung „Frontal 21“ Rede und Antwort gestanden. Er und seine Brüder Alexander und Marc gelten sonst als eher medienscheu.

DüsseldorfEs sind zwei Worte, die Oliver Samwer gerne verwendet. Zwei Worte, die viele nicht mit seiner Start-up-Schmiede Rocket Internet zusammenbringen. Und doch verwendet Samwer sie bei seinem ersten offiziellen TV-Interview in der ZDF-Sendung „Frontal 21“ gleich mehrfach. Die beiden Worte sind: „Ganz ehrlich.“

„Ganz ehrlich“ sagt er, wenn es um mögliche Steuervorteile in anderen Ländern geht, oder um Zahlen seiner Unternehmen, die noch nicht im Bundesanzeiger ausgewiesen sind. Oliver Samwer spricht schnell, wenn er das sagt, er lacht, als lägen die Antworten doch auf der Hand, als wären die Fragen nicht berechtigt.

Es ist sein erstes offizielles TV-Interview, und das merkt man Oliver Samwer auch an. Der deutsche Internetgründer, der Kopf hinter Marken wie Zalando oder Groupon, sitzt zurückgelehnt, fast etwas ablehnend vor der Kamera und hört sich die Fragen des ZDF-Journalisten an. Kritik bügelt er ab, sich selbst stellt er als demütigen Gründer dar, einen Mittelständler mit deutschen Tugenden. „Ich habe einfach Glück, dass es nicht aufhört“, sagt er zu „Frontal 21“.

Das ist natürlich eine grandiose Untertreibung. Oliver Samwer hat gemeinsam mit seinen Brüdern Marc und Alexander das größte Internetunternehmen in Deutschland gegründet, manche sprechen sogar vom größten europäischen Webkonzern: Rocket Internet. Das Unternehmen selbst ist nur wenigen bekannt. Deutlich namhafter sind aber die Start-ups, die unter der Ägide der Samwer-Brüder entstanden groß geworden sind: der Ebay-Klon Alando, der Klingeltonanbieter Jamba, der deutsche Ableger des Gutscheinanbieters Groupon, das Versandhaus Zalando.

Was andere über Oliver Samwer sagen

Über negative Äußerungen über Oliver Samwer

„Es sind oft dieselben zwei Gründe, weshalb sich Leute negativ über ihn äußern: Man hat seine eigentlich sehr direkte und klare Art nicht verstanden und fühlt sich unfair behandelt. Viele denken aufgrund seiner gewinnenden Art aber auch, dass sie mit Oliver Samwer eng befreundet sind. [...]Wer das, was Oliver Samwer sagt, für bare Münze nimmt und nicht angepasst in seine eigene Sprache übersetzt, macht aber ohnehin etwas falsch.“

Jambas langjähriger Pressechef Tilo Bonow über die Arbeit mit Oliver Samwer

Über die Arbeit bei Ebay-Klon Alando

„Es herrschte eine gute und tolle Stimmung bei Alando und obwohl am Tag 12 bis 13 Stunden gearbeitet wurde und man auch am Wochenende im Büro war, spürte jeder diese Aufbruchstimmung. Wir haben auch viel gelacht. [...] Die Samwers hatten noch keinen großen Namen, Presseaufmerksamkeit gab es kaum, das Internet war noch nicht so gehypt, und es steckten keine 100 Millionen in Alando. Alles war viel entspannter und es herrschte eben echte Goldgräberstimmung.“

Samwer-Wegbegleiter Ole Brandenburg über die Stimmung bei Ebay-Klon Alando

Über die Arbeitsweise

„Oliver Samwer hat Benzin statt Blut in den Adern. Er arbeitet härter als jeder, den ich kenne, und als Manager hat man genau deshalb großen Respekt vor ihm. Er hat ja auch nie Zeit, was einem das Gefühl vermittelt, dass seine Aufmerksamkeit ein sehr wertvolles Gut ist. [...] Der Vergleich ist sicherlich sehr krass, aber ein wenig ist das wie bei einer Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird: Es löst Glücksgefühle aus, wenn du keine Schläge abbekommst.“

Eine ehemalige Führungskraft über Oliver Samwer

Über die Atmosphäre bei Jamba

„Die Atmosphäre bei Jamba war in der Anfangszeit oft wie in einem Bienenstock. Kam man zwei Minuten zu spät, gab es sofort einen Anschiss, egal ob man am Tag zuvor bis spät in den Abend im Büro saß oder das Wochenende durchgearbeitet hatte. Auch Raucherpausen wurden stets moniert, besonders wenn ein Mitarbeiter Verantwortung trug und deshalb ein Vorbild sein sollte.“

Ein ehemaliger Mitarbeiter über die Atmosphäre bei Jamba

Über sein Sozialverhalten

„Oliver Samwer hat eine völlige Abneigung gegenüber Smalltalk. Wenn er eine Person für unbedeutend hält oder sich nicht für ihre Belange interessiert, verbringt er auch praktisch keine Zeit mit ihr, sondern lässt sie einfach stehen. Er sagt nicht Hallo, er sagt nicht Auf Wiedersehen, sondern lässt Leute völlig im Regen stehen. Auch bei Telefonaten fängt er einfach an loszureden und legt auf, sobald er gesagt hat, was er sagen wollte. Er praktiziert diese soziale Kälte mit einer derart frappierenden Skrupellosigkeit, dass man sich unmittelbar eingeschüchtert fühlt und in der Regel irritiert zurückbleibt.“

Ein ehemaliger Manager über Oliver Samwers Sozialverhalten

Über den Führungsstil

„[Oliver Samwer] ist smart und sehr flink im Kopf, wodurch er nicht gefestigte Standpunkte ganz schnell auseinandernehmen kann. Bullshitten kann man bei ihm deshalb nicht. Er durchschaut jegliche Ahnungslosigkeit und passiert dies mehrfach, verliert man seinen Respekt und kann gehen. Umgekehrt sind die Möglichkeiten aber fast grenzenlos, hat man es erst einmal in seinen engen Zirkel geschafft. [...] Ab einem bestimmten Punkt lässt er einen aber nicht mehr lernen, weil er nicht will, dass man ein Unternehmen alleine vollumfassend realisieren kann. [...]“

Eine ehemalige Mitarbeiterin über Oliver Samwers Führungsstil

Über Zuckerbrot und Peitsche

„Das Konzept von Zuckerbrot und Peitsche beherrscht Oliver Samwer bis ins Detail, nur dass er dabei sogar das Zuckerbrot weglässt. Die Messlatte liegt so hoch und es gibt so wenig Lob, dass es einen eigentlich demotivieren sollte. Aber während Oliver Samwer öffentlich oft aggressiv und pushy ist, kann er im Einzelgespräch auf einmal so charmant sein, dass viele ihm anschließend ihre Qualität beweisen wollen.“

Ein ehemaliger Groupon-Mitarbeiter über Oliver Samwers Methoden

Über Samwers Einfluss auf andere

„Das Krasse an Oliver Samwers Führungsstil ist, dass er andere dazu bewegt, latent sadistische Tendenzen zu entdecken und mit der Zeit immer mehr auszuleben. Menschen, die anfangs noch freundlich und normal mit anderen umgingen, beginnen unter seiner Führung damit, andere zu quälen und zu schikanieren. Sie nehmen Olis aggressiv-unsoziale Art an und lassen sich berauschen von der Macht, die er ihnen über andere vermittelt. Das ist ein wenig wie in Diktaturen, bei denen man sich als neutraler Beobachter hinterher immer fragt, wie es geschehen konnte, dass so viele Menschen dieser offensichtlich destruktiven Propaganda folgten.“

Ein ehemaliges Management-Mitglied über die Führungskräfte der Samwers

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

Nun sollen sowohl die Start-up-Schmiede Rocket Internet als auch Zalando vor dem Börsengang stehen. Offizielle Bestätigungen gibt es dafür nicht, doch alle Anzeichen sprechen dafür. Rocket Internet wurde erst vor kurzem in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die ersten Anteile sind bereits an Investoren verkauft. Kurz vor dem Börsenstart, der im September erfolgen soll, mehren sich aber auch die kritischen Stimmen gegenüber den Gründern – den Samwer-Brüdern. Dabei geht es längst um mehr als nur Kopiervorwürfe.

Nicht nur „Frontal 21“, auch der Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ Joel Kaczmarek hat sich kurz vor dem Börsengang genauer mit den Samwers und ihrem Erfolg auseinander gesetzt. In seinem Buch „Die Paten des Internets“ analysiert er die Verkaufsstrategien der Samwers. Dabei lassen sich ein paar klare Maschen erkennen, die auch die ZDF-Dokumentation von „Frontal 21“ bestätigt.

Kommentare (6)

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Frau Annette Bollmohr

27.08.2014, 16:59 Uhr

Wie es scheint, gerät der eigentliche Sinn und Zweck der Finanzmärkte/Börsen - nämlich die Beschaffung von Kapital gegen Beteiligung an den erst noch zu erwirtschaftenden (und somit auch erst in der Zukunft zu erwartenden) Gewinnen immer mehr in Vergessenheit und immer mehr Marktakteure sehen sie stattdessen eher als eine Art Wettbüro an.
Wäre es anders, müssten mehr Leute darauf kommen, dass ein Engagement an den FM wegen der nicht genau kalkulierbaren Zukunftsprognose zwar mit Risiken verbunden ist, diese aber gut einschätzbar sind. Dann jedenfalls, wenn die wichtigsten, für den Erfolg eines Unternehmens ausschlaggebenden Faktoren im Auge behalten werden, die sich u.a. aus der Antwort auf folgende Fragen ergeben:

Gibt es für die Produkte eines Unternehmens tatsächlicher Bedarf, und wird dieser Bedarf auch in Zukunft bestehen bleiben (oder sogar wachsen)?
Stimmt die Qualität, und ist damit zu rechnen, dass das auch so bleibt?
Für die Einschätzung der Chancen eines Unternehmens auf langfristigen Erfolg und Bestand außerdem von nicht zu unterschätzender (und zunehmend wichtigerer Bedeutung):
Wird das Unternehmen anständig geführt, steht es glaubwürdig für gewisse Mindestanforderungen an Transparenz und Fairness?
Oder steht es eher in dem Ruf, sich aufzuführen wie die Axt im Walde?

Wie es da um bei den Samwer-Unternehmen aussieht, war gestern Abend auch Thema einer TV-Doku.

Wer nur dort investiert, wo die Antwort positiv ausfällt, wüsste sein Geld zumindest sinnvoll investiert und könnte deshalb locker bleiben, wenn es an den Märkten mal wieder abwärts geht (zumal die Unternehmen dann ja nicht plötzlich weniger Geld brauchen).

Nicht, dass ich jetzt wüsste, auf welche Unternehmen/Anlagen o.a. Kriterien nun zutreffen – aber das herauszufinden ist ja auch der Job der Banken. Sollte es jedenfalls sein...

Wär wohl leider auch zu schön, wenn jeder darauf vertrauen könnte, hierzu von den Banken tatsächlich objektive, zuverlässige Infos zu erhalten

Herr Delete User Delete User

27.08.2014, 17:28 Uhr

Zitat:
"Einige Kritiker sehen auch den Börsengang skeptisch. Gerüchten zufolge will Rocket Internet an den Open Market gehen. Das ist der unreguliertere Markt, dafür müsste man wohl weniger Zahlen vorlegen. Es wäre wieder ein Schlupfloch, um Zahlen der Unternehmen – die meisten machen nach einer „Frontal 21“-Untersuchung ein dickes Minus – nicht komplett offenlegen zu müssen. Denn das könnte wiederum der Bewertung von Rocket Internet schaden."

Ein Gang an den Open Market ist mit ein Grund die Papiere von Rocket nicht zu zeichnen! Zolando wird wohl auf lange Sicht keine schwarzen Zahlen schreiben.

Beides Unternehmen mit fragwürdigen Geschäftspraktiken, deren Papiere eher was für skrupellose Zocker sind. Gewinner werden bzw. sind schon die Samwers. Verlierer werden Anleger sein. Dagegen waren Maschmeyer und Co. reine Schäfchen! Es wird genügend Dumme geben, die den Prospekt zum Börsengang nicht lesen, sondern an unbegrenzte Gewinne denken. Das böse Erwachen kommt dann, wenn die Samwers reichlich abgeschöpft haben. Irgend ein Dummer wird sich finden und denen die Bude abkaufen. Vielleicht Dommermuth mit seiner United Internet AG?

Frau Pia Paff

27.08.2014, 18:03 Uhr

3x Urne! Das schreckt ab.

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