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05.05.2015

13:22 Uhr

Rocket Internet

Großer Hunger, große Verluste

VonMiriam Schröder

Ein halbes Jahr nach dem Börsengang meldet Rocket Internet ein Minus. Die Start-up-Schmiede kompensiert die schlechte Nachricht mit neuen Beteiligungen: Rocket kauft bei Essenslieferdiensten zu.

Oliver Samwer (m), CFO Peter Kimpel (r) und Alexander Kudlich, Group Managing Director am Tag des Börsendebüts in Frankfurt. ap

Die Rocket-Macher

Oliver Samwer (m), CFO Peter Kimpel (r) und Alexander Kudlich, Group Managing Director am Tag des Börsendebüts in Frankfurt.

BerlinWenn die Zahlen nicht überzeugen, hilft vielleicht eine Geschichte drum herum. Das mag sich Oliver Samwer gedacht haben – und gab auf der Jahrespressekonferenz von Rocket Internet folgende Anekdote zum Besten: Er sei kürzlich in New York gewesen, da habe er jemanden getroffen, der wiederum kürzlich in Istanbul im Hotel gewesen sei. Dort habe man ihm an der Rezeption gesagt, wenn ihm das Essen auf der hauseigenen Karte nicht behage, könne er sich auch etwas im Internet bestellen: Bei Yemeksepeti, dem größten Online-Bestelldienst der Türkei.

Kurz zuvor hatte der Chef der Start-up-Schmiede, die im vergangenen Oktober an die Börse ging, bekannt gegeben, dass die Rocket-Beteiligung Delivery Hero den türkischen Wettbewerber übernimmt. Für Rocket Internet, das bislang mit rund elf Prozent an Yemeksepeti beteiligt war, bedeutet das, dass sie ihren Anteil an Delivery Hero auf 40 Prozent ausbauen können.

Der größte deutsche Lieferdienst gilt als heißer Kandidat für den nächsten Börsengang und könnte Rocket die dringend benötigte nächste Erfolgsstory bescheren.

Die Zahlen, die das Berliner Unternehmen am Dienstag vorlegte, waren aus Sicht der Anleger nämlich nicht besonders erfreulich: Das Geschäftsjahr endet mit einem Verlust von 20,2 Millionen Euro. Im Vorjahr, also vor dem Börsengang, hatte man noch einen Gewinn von 174,2 Millionen Euro ausgewiesen. Grund dafür war unter anderem der Verkauf von Anteilen an dem Modeversand Zalando.

Was andere über Oliver Samwer sagen

Über negative Äußerungen über Oliver Samwer

„Es sind oft dieselben zwei Gründe, weshalb sich Leute negativ über ihn äußern: Man hat seine eigentlich sehr direkte und klare Art nicht verstanden und fühlt sich unfair behandelt. Viele denken aufgrund seiner gewinnenden Art aber auch, dass sie mit Oliver Samwer eng befreundet sind. [...]Wer das, was Oliver Samwer sagt, für bare Münze nimmt und nicht angepasst in seine eigene Sprache übersetzt, macht aber ohnehin etwas falsch.“

Jambas langjähriger Pressechef Tilo Bonow über die Arbeit mit Oliver Samwer

Über die Arbeit bei Ebay-Klon Alando

„Es herrschte eine gute und tolle Stimmung bei Alando und obwohl am Tag 12 bis 13 Stunden gearbeitet wurde und man auch am Wochenende im Büro war, spürte jeder diese Aufbruchstimmung. Wir haben auch viel gelacht. [...] Die Samwers hatten noch keinen großen Namen, Presseaufmerksamkeit gab es kaum, das Internet war noch nicht so gehypt, und es steckten keine 100 Millionen in Alando. Alles war viel entspannter und es herrschte eben echte Goldgräberstimmung.“

Samwer-Wegbegleiter Ole Brandenburg über die Stimmung bei Ebay-Klon Alando

Über die Arbeitsweise

„Oliver Samwer hat Benzin statt Blut in den Adern. Er arbeitet härter als jeder, den ich kenne, und als Manager hat man genau deshalb großen Respekt vor ihm. Er hat ja auch nie Zeit, was einem das Gefühl vermittelt, dass seine Aufmerksamkeit ein sehr wertvolles Gut ist. [...] Der Vergleich ist sicherlich sehr krass, aber ein wenig ist das wie bei einer Frau, die von ihrem Mann geschlagen wird: Es löst Glücksgefühle aus, wenn du keine Schläge abbekommst.“

Eine ehemalige Führungskraft über Oliver Samwer

Über die Atmosphäre bei Jamba

„Die Atmosphäre bei Jamba war in der Anfangszeit oft wie in einem Bienenstock. Kam man zwei Minuten zu spät, gab es sofort einen Anschiss, egal ob man am Tag zuvor bis spät in den Abend im Büro saß oder das Wochenende durchgearbeitet hatte. Auch Raucherpausen wurden stets moniert, besonders wenn ein Mitarbeiter Verantwortung trug und deshalb ein Vorbild sein sollte.“

Ein ehemaliger Mitarbeiter über die Atmosphäre bei Jamba

Über sein Sozialverhalten

„Oliver Samwer hat eine völlige Abneigung gegenüber Smalltalk. Wenn er eine Person für unbedeutend hält oder sich nicht für ihre Belange interessiert, verbringt er auch praktisch keine Zeit mit ihr, sondern lässt sie einfach stehen. Er sagt nicht Hallo, er sagt nicht Auf Wiedersehen, sondern lässt Leute völlig im Regen stehen. Auch bei Telefonaten fängt er einfach an loszureden und legt auf, sobald er gesagt hat, was er sagen wollte. Er praktiziert diese soziale Kälte mit einer derart frappierenden Skrupellosigkeit, dass man sich unmittelbar eingeschüchtert fühlt und in der Regel irritiert zurückbleibt.“

Ein ehemaliger Manager über Oliver Samwers Sozialverhalten

Über den Führungsstil

„[Oliver Samwer] ist smart und sehr flink im Kopf, wodurch er nicht gefestigte Standpunkte ganz schnell auseinandernehmen kann. Bullshitten kann man bei ihm deshalb nicht. Er durchschaut jegliche Ahnungslosigkeit und passiert dies mehrfach, verliert man seinen Respekt und kann gehen. Umgekehrt sind die Möglichkeiten aber fast grenzenlos, hat man es erst einmal in seinen engen Zirkel geschafft. [...] Ab einem bestimmten Punkt lässt er einen aber nicht mehr lernen, weil er nicht will, dass man ein Unternehmen alleine vollumfassend realisieren kann. [...]“

Eine ehemalige Mitarbeiterin über Oliver Samwers Führungsstil

Über Zuckerbrot und Peitsche

„Das Konzept von Zuckerbrot und Peitsche beherrscht Oliver Samwer bis ins Detail, nur dass er dabei sogar das Zuckerbrot weglässt. Die Messlatte liegt so hoch und es gibt so wenig Lob, dass es einen eigentlich demotivieren sollte. Aber während Oliver Samwer öffentlich oft aggressiv und pushy ist, kann er im Einzelgespräch auf einmal so charmant sein, dass viele ihm anschließend ihre Qualität beweisen wollen.“

Ein ehemaliger Groupon-Mitarbeiter über Oliver Samwers Methoden

Über Samwers Einfluss auf andere

„Das Krasse an Oliver Samwers Führungsstil ist, dass er andere dazu bewegt, latent sadistische Tendenzen zu entdecken und mit der Zeit immer mehr auszuleben. Menschen, die anfangs noch freundlich und normal mit anderen umgingen, beginnen unter seiner Führung damit, andere zu quälen und zu schikanieren. Sie nehmen Olis aggressiv-unsoziale Art an und lassen sich berauschen von der Macht, die er ihnen über andere vermittelt. Das ist ein wenig wie in Diktaturen, bei denen man sich als neutraler Beobachter hinterher immer fragt, wie es geschehen konnte, dass so viele Menschen dieser offensichtlich destruktiven Propaganda folgten.“

Ein ehemaliges Management-Mitglied über die Führungskräfte der Samwers

Quelle

Joel Kaczmarek, „Die Paten des Internets“, erschienen im Finanzbuchverlag FBV, ISBN: 978-3-89879-880-8

Es ist das Prinzip von Rocket Internet: Gute Geschäftsideen kopieren, die Unternehmen groß machen, vor allem in Europa und in Schwellenländern, und dann möglichst gewinnbringend verkaufen. Was das Wachstum angeht, ist Rocket seiner Strategie treu geblieben: Der Umsatz stieg 2014 um 11 Prozent auf 28,8 Millionen Euro, vor allem dank des starken Wachstums der Beteiligungen in Brasilien. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 30.000 Leute in mehr als 110 Ländern.

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