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22.05.2012

16:17 Uhr

Schatzsuche-Unternehmen

Gescheiterte Jäger der verlorenen Schätze

VonSebastian Schaal

Ein Schatzsuche-Unternehmen lockte Anleger mit der Aussicht auf Schätze und üppige Gewinne. Doch für die meisten endete das Abenteuer mit einem Totalverlust. Nun müssen sich drei Ex-Manager vor Gericht verantworten.

Goldschätze aus gesunkenen Segelschiffen beflügeln die Fantasie - auch die vieler Anleger. ap

Goldschätze aus gesunkenen Segelschiffen beflügeln die Fantasie - auch die vieler Anleger.

DüsseldorfIndonesien, September 1681. Im Hafen von Batavia werden unzählige schwere Kisten an Bord der „Soleil d’Orient“ verladen. Sie enthalten eine wertvolle Fracht: Der König von Siam schickt ein Gastgeschenk an König Ludwig XIV, den Sonnenkönig. Mit Gold, Silber, Diamanten und einem aus über 1.000 Teilen bestehenden Service aus purem Gold will er den französischen Monarchen von der Notwendigkeit einer Allianz zwischen den beiden Königreichen überzeugen.

Doch die wertvolle Fracht kommt nie in Paris an.

So weit ist die Geschichte des Segelschiffes historisch belegt. Seitdem ranken sich unzählige Gerüchte um das Verschwinden der „Soleil d’Orient“. Durch die stark rauchenden Botschafter aus Siam habe das Schiff Feuer gefangen, orakelte ein französischer Priester.

Was nach einer Angelegenheit für Marinehistoriker und Unterwasserarchäologen klingt, beschäftigt jetzt das Landgericht Düsseldorf in einem Strafprozess. Auf der Anklagebank sitzen drei ehemalige Manager der „Deep Sea Exploration“ (DSE), einem Schatzsuche-Unternehmen mit einer Niederlassung in Ratingen. Die Staatsanwaltschaft wirft Reinhard Wolff, Stefan Rieck und Ingo Kretschmann gemeinschaftlichen Betrug vor.

Mit dem Slogan „Bringing History to Light“ hat „Deep Sea Exploration“ in einem Prospekt bei Anlegern geworben, in das Unternehmen zu investieren. Sind die Schätze aus den gesunkenen Schiffen wie der „Soleil d’Orient“ erst gehoben, würde der Gewinn für die Kapitalgeber geradezu explodieren. Ein Vorhaben, welches das Abenteurer-Herz bei vielen höher schlagen ließ. Mehr als 15 Millionen Euro hat das Unternehmen zwischen 2001 und Oktober 2005 vornehmlich per Telefonwerbung eingesammelt – mit dem Versprechen, demnächst an die Börse zu gehen.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Von dem vorbörslichen Preis von 3,50 Euro pro Aktie könne sich der Kurs schnell auf bis zu 15 Euro entwickeln, versprachen die Telefonverkäufer. Rund 500 Anleger, vornehmlich aus Deutschland, gingen darauf ein und investierten in die Firma.

Das Problem: Es wurden nie nennenswerte Schätze an die Oberfläche gebracht, auf den angekündigten Börsengang warteten die Anleger vergebens. 2005 ging die „Deep Sea Exploration“ in die Insolvenz, zwei Jahre später wurde das Unternehmen aufgelöst. Was mit Träumen von Truhen voller Gold begann, endete für die meisten Anleger mit einem Totalverlust.

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