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12.10.2016

17:30 Uhr

Schlechte Zeiten für Sparer

„Epischer Anlagenotstand“ in Deutschland

VonAndrea Cünnen

Weltweit werfen Anleihen für Einsteiger nur noch negative Renditen ab. Anleger sind bereit, immer höhere Risiken einzugehen. Die Rendite-Tiefstände sind laut Volkswirten erreicht – aber es gibt keinen Grund zur Freude.

Bundesanleihen dürften auch auf längere Sicht kaum Zinsen abwerfen. Imago

Trauriges Sparschwein

Bundesanleihen dürften auch auf längere Sicht kaum Zinsen abwerfen.

FrankfurtWeltweit werfen Anleihen im Umfang von 10,7 Billionen Dollar für Einsteiger nur noch negative Renditen ab. Sparer, die die Papiere jetzt kaufen und bis zur Fälligkeit halten, zahlen somit drauf. Sie bekommen trotz Zinsen am Ende der Laufzeit weniger Geld zurück als sie angelegt haben. In Deutschland ist zwar die Rendite der viel beachteten Bundesanleihe am vergangenen Freitag wieder über die Marke von null Prozent gestiegen. Das aber nur hauchdünn mit zuletzt 0,05 Prozent.

Die Volkswirte der größten Mitgliedsinstitute des Bundesverbands Öffentlicher Banken (VÖB) hatten dabei bei ihrer halbjährlichen Zinsprognose-Pressekonferenz am Mittwoch für Anleger keine guten Nachrichten im Gepäck: Selbst wenn die Renditen langfristig steigen sollten, würde dies mit einer höheren Inflation einhergehen, betont Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Die Realzinsen abzüglich der Inflation lägen dann immer noch bei null. Katers Fazit: „Die Jagd nach Rendite geht noch zehn Jahre weiter.“

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Die Jagd nach Rendite bedeutet, dass Anleger bereit sind, immer höhere Risiken einzugehen. Auch Ulrich Krauss, Volkswirt bei der Helaba, geht davon aus, dass sie anhält. Dabei könne man schon jetzt „fast von einem epischem Anlagenotstand“ sprechen, meint Krauss. Das gilt besonders für Deutschland. Dort rentierten nach Berechnungen der Helaba im August Staatsanleihen, Pfandbriefe und Unternehmensanleihen im Umfang von 1,98 Billionen Euro im Minus. Demgegenüber standen nur Zinspapiere über 0,71 Billionen Euro mit einer positiven Rendite. Eine „Schieflage am Rentenmarkt“ nennt Krauss dies.

Immerhin: Die Tiefstände bei den Renditen sollten Anleger nach – fast – einhelliger Meinung der vom VÖB geladenen Ökonomen gesehen haben. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass Investoren kaum noch auf Kursgewinne hoffen können. Diese waren in diesem Jahr massiv und haben Zinspapiere in diesem Jahr besser als Aktien abschneiden lassen. Doch warum geht es nicht weiter mit den Kursgewinnen und den Renditerückgängen? Für die Volkswirte liegt das vor allem daran, dass die „Geldpolitik-Party“ langsam zu Ende geht, wie Kater es ausdrückt.

Zins-Prognosen im Überblick

DZ Bank

Jan Holthusen, Leiter des Bereichs festverzinsliche Wertpapiere bei der DZ Bank, rechnet bis November 2017 mit einem nur ganz leichten Anstieg der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf 0,5 Prozent. Für Mai 2017 prognostiziert er immerhin eine Rendite von 0,75 Prozent. In den USA sollte die Rendite zehnjähriger US-Treasuries laut Holtusen etwas deutlicher anziehen. Er rechnet auf Sicht von einem halben Jahr mit einer Rendite von 2,6 und auf Sicht von einem Jahr mit drei Prozent.

Stand: 10. Mai 2017

HSH Nordbank

Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia auf Sicht von einem halben Jahr ebenfalls davon aus, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe nur leicht steigt, und zwar auf 0,55 Prozent. Im Mai 2018 sollte sie dann bei 0,75 Prozent liegen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen dürfte mit 2,75 Prozent in sechs und drei Prozent in zwölf Monaten dagegen deutlich höher liegen als aktuell.

Stand: 10. Mai 2017

Helaba

Volkswirt Ulf Krauss erwartet, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe im Oktober 2017 mit in etwa 0,45 Prozent auf dem aktuellen Niveau verharrt. Bis Mai 2017 sollte sie dann aber auf 0,8 Prozent anziehen. In den USA rechnet Krauss mit Renditeanstiegen der zehnjährigen Anleihe 2,5 Prozent in sechs und 2,8 Prozent in zwölf Monaten.

Stand: 10. Mai 2017

BayernLB

Anleiheanalyst Norbert Wuthe geht davon aus, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe im Oktober 2017 bei 0,5 und im Mai 2018 bei 0,8 Prozent liegen wird. Die Rendite der zehnjährigen US-Anleihe wird seiner Meinung nach in sechs Monaten auf 2,8 Prozent und in zwölf Monaten auf drei Prozent steigen.

Stand: 10. Mai 2017

Dekabank

Volkswirt Michael Klawitter erwartet, dass die zehnjährige Bund-Rendite auf Sicht von sechs Monaten im Oktober 2017 auf 0,7 Prozent anziehen wird. Bis Mai 2018 erwartet er dann nur noch einen leichten Anstieg auf 0,9 Prozent. Für die zehnjährige US-Rendite erwartet Klawitter einen Anstieg auf 2,7 Prozent in sechs und auf 2,85 Prozent in zwölf Monaten.

Stand: 10. Mai 2017

LBBW

Volkswirt Elmar Völker rechnet damit, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe in einem halben Jahr bei 0,6 Prozent liegen wird. Die Rendite-Marke von einem Prozent dürfte die zehnjährige Bundesanleihe dann im Mai 2017 erreichen. In den USA prognostiziert Völker einen Anstieg der zehnjährigen Treasury-Rendite auf 2,6 in sechs und auf drei Prozent in zwölf Monaten.

Stand: 10. Mai 2017

NordLB

Volkswirt Torsten Windels prognostiziert auf Sicht von sechs Monaten - wie sein Kollege der Dekabank einen Anstieg der zehnjährigen Bund-Rendite auf 0,6 Prozent bis zum Oktober 2017. Bis Mai 2018 rechnet er - wie die LBBW - mit einer zehnjährigen Bund-Rendite von einem Prozent. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen wird seiner Ansicht nach 2,50 Prozent bis Oktober 2017 und auf 2,6 Prozent bis Mai 2018 steigen.

Stand: 10. Mai 2017

In der Tat hat die Bank of Japan erklärt, dass die Zinsen nicht weiter fallen sollen, und zuletzt machten sogar Gerüchte die Runde, dass die Europäische Zentralbank (EZB) über eine Verringerung ihrer Anleihekäufe nachdenkt. Das dementierte die EZB zwar umgehend, die Märkte belastete es dennoch. Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Währungshüter um Mario Draghi im Dezember eine Verlängerung ihres Anleihekaufprogramms beschließen. Bislang hat die EZB schon Anleihen, vor allem Staatspapiere, im Umfang von 1,3 Billionen Euro gekauft. „Für einen Ausstieg aus der quantitativen Lockerung ist es noch zu früh“, ist Christian Lips, Volkswirt bei der NordLB überzeugt.

Kater von der Dekabank geht davon aus, dass die EZB ihr bislang für März 2017 terminiertes Anleihekaufprogramm in veränderter Zusammensetzung bis in den September 2017 verlängern wird. Über die nächsten Schritte der EZB dürfte dennoch schon früher spekuliert werden. Hendrik Lodde, Zinsstratege bei der DZ Bank, meint, dass eine sich belebende Debatte um das sogenannten Tapering – ein Auslaufen der geldpolitischen Stimuli – die Anleihemärkte aber der zweiten Jahreshälfte 2017 belasten wird.

Kommentare (3)

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Herr Christian Kühn

12.10.2016, 17:56 Uhr

Erstaunlich finde ich immer, dass trotz des nun schon lange Zeit andauernden "Anlagenotstandes" kaum jemals darüber berichtet wird, das es tatsächlich doch ganz gute Anlagemöglichkeiten gibt, wie z.B. Dividendenfonds bzw. - ETF. Genannt sei hier z.B. der Global X Superdividend ETF den es z.B. über die Börse Berlin zu kaufen gibt (u.a. bei Comdirect oder Onvista). Hier ist eine Ausschüttungsrendite von rund 7% bei einem m.E. moderaten Risiko möglich. Alternativ kommt auch z.B. der ETF iShares STOXX Global Select Dividend 100 (kostenfreier Sparplan bei Onvista möglich) infrage der ebenfalls hohe Ausschüttungen bietet. Der Notstand besteht m.E. vor allem darin, dass solche Investmentmöglichkeiten nirgendwo beworben werden und man nach kosteneffektiven Kaufmöglichkeiten wirklich aufwändig recherchieren muss!

Account gelöscht!

12.10.2016, 17:56 Uhr

Momentan sind eher schlechte Zeiten für ehrliche Demokraten und Meinungsfreiheit.
Auch hier schlägt immer öfter völlig grundlos der Zensur zu, gerne bei meinen Kommentaren. Dabei decke ich nur die Unstimmigkeiten diese Landes schonungslos auf.

Herr Karl Pfaff

13.10.2016, 10:43 Uhr

Ich kann das Wehklagen über Finanznotstände nicht nachvollziehen. Ich sehe um mich herum die Wirtschaft boomen, Einige Aktien erreichen Höchststände andere werden wg. des Fehlverhaltens von Managern abgestraft. In letzter Zeit verlasse ich mich nicht mehr auf das alltägliche "Kaffeesatzlesen" aus den Börsenzeitungen. Statt dessen habe ich mich mal bei FINtechs wie z.B. Scalable eingebracht. Dort übernehmen Maschinenalgorithmen den Hauptteil des Anlegens und lassen die emotionalen Befindlichkeiten und Interpretationen außer Betracht. Das Ergebnis der Rendite bei risikoarmer Variante ist selten unter die 3%-Marke gefallen. Da scheint ein neues Denken am Start zu sein.

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