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20.05.2011

19:20 Uhr

Schuldenkrise

„Griechenland droht Staatspleite“

Eine Ratingagentur stuft die Bonität Griechenlands drastisch herunter. Frankreichs Finanzministerin warnt vor dem Staatsbankrott. Der griechische Amtskollege spricht vom Absturz. Das sorgt für Unruhe an den Märkten.

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde sagt, die Griechen arbeiteten zwar intensiv daran, wieder auf die Füße zu kommen. Das sei aber noch nicht genug. Quelle: Reuters

Die französische Finanzministerin Christine Lagarde sagt, die Griechen arbeiteten zwar intensiv daran, wieder auf die Füße zu kommen. Das sei aber noch nicht genug.

FrankfurtDie US-Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit Griechenlands deutlich gesenkt. Die Bonität sinkt um gleich drei Noten von „BB+“ auf „B+“, wie Fitch am Freitag mitteilte. Damit folgt Fitch der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P), die ihre Bewertung bereits Anfang April um zwei weitere Noten reduziert hatte. Beide Agenturen beurteilen zudem den Ausblick negativ, was weitere Herabstufungen erwarten lässt.

Fitch begründet den Schritt zum einen mit Problemen bei der Umsetzung der Sparprogramme Griechenlands. Zudem verweist die Agentur auf politische Risiken. Bei dem aktuellen Rating geht die Agentur davon aus, dass Griechenland neue Hilfszahlungen durch die Europäische Union (EU) und den Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten wird. Zudem nimmt die Agentur an, dass es zu keiner „weichen“ Umschuldung in Griechenland kommen wird. Falls die Laufzeiten griechischer Staatsanleihen doch verlängert würden, wäre das für Fitch ein „Kreditereignis“. Mit anderen Worten: Fitch würde diesen Fall als Zahlungsausfall ansehen.

Wie eine Umschuldung Griechenlands aussehen könnte

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

"Sanfte Umschuldung"

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Euro - verbunden womöglich mit einer erneuten Senkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss.Eurogruppen-Chef Juncker will auch die privaten Gläubiger mit ins Boot holen. Dem Krisenland soll so mehr Zeit eingeräumt werden, seine Schulden zurückzuzahlen und sein Sparprogramm umzusetzen. „Reprofiling“ nennt Jucker das. Ob private Gläubiger dazu gebracht werden sollen, Griechenland eine Atempause zu gewähren und dabei auf Geld zu verzichten, ist offen. Die Commerzbank rechnet nur dann mit einem Erfolg, wenn den Anlegern dafür Rückzahlungsgarantien ausgestellt werden. Das Problem: Die über Jahre angehäuften Staatsschulden müssten auf einen Schlag mit Garantien unterlegt werden - für die am Ende die Steuerzahler in anderen Ländern haften müssen.

Brady-Bonds

Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.

Längere Laufzeiten

Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.

Pariser Club

Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Der Euro gab nach der Herunterstufung stark nach. Am späten Freitagnachmittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,4150 Dollar und damit fast zwei Cent weniger als am Morgen. „Die abrupten Kursverluste zeigen, wie nervös die Märkte derzeit sind“, sagte Devisenexperte Özgür Atasever vom Bankhaus Metzler.

Neben der Herunterstufung durch Fitch verwiesen Händler auf Meldungen, wonach Norwegen seine Hilfszahlungen an das hochverschuldete Griechenland einstellen wolle. Entsprechende Äußerungen hatte Norwegens Außenminister Jonas Gahr Store bereits am Donnerstag im Parlament getätigt. Norwegen gehört zwar dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) an, nicht aber dem Euroraum.

Auch die Ölpreise haben stark nachgegeben. In der Spitze sanken die Notierungen im Nachmittagshandel um über zwei Dollar. Am Abend kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent mit Auslieferung im Juli 110,81 Dollar. Das waren 61 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass US-Rohöl der Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) sank um 84 Cent auf 97,60 Dollar. Ausgelöst wurden die abrupten Preisrückgänge von dem deutlich festeren Dollar. Wenn der Dollar steigt, fallen in der Regel die Rohstoffpreise.

Kommentare (35)

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Rebell

20.05.2011, 17:57 Uhr

Das giechische und portugiesische Volk wird sich NIEMALS zum Prekariat und Billiglohnstandort der Brüsseler Eurokraten machen lassen - NIEMALS! Eher werden Griechen und Portugiesen EU-Rebellen, als sich diesem Sparzwang-Diktat zu unterwerfen. Das was hier gerade stattfindet, ist die Annektierung Griechenlands ohne Krieg, sondern durch (T)Euros und Zinsen.

Nepumuk

20.05.2011, 18:04 Uhr

Alles in Ordnung im Euroland...

Griechische Anleihen verbleiben bei 25% (2 Jährige)

Die Ratingagentur Fitch hat Griechenland einene weiteren Schritt herabgestuft und schon mal klargestellt das auch eine weiche Umschuldung/ Reprofiling als Ausfall gewertet werden wird.

Französische Anleihen haben heute in der Spitze um 14.5% zugelegt.

Weiterhin haben Italienische 1% und Spanische 4% zugelegt. Auch hier sind die 2 Jährigen Anleihen gemeint.

Der Euro hatte zwischenzeitlich 2 Cent verloren und das Gold, welches man ja bekanntlich nicht essen kann, um 25$ zugelegt.

Aber in Brüssel wird weiter um neue Wortkreationen gerungen.
Sonst müsste man sich ja mal nach einer wirklichen Problemlösung wie 70-80% Haircut und austritt aus dem Euro für Grichenland umsehen.

Schönes Wochenende

SoWhat

20.05.2011, 18:07 Uhr

Fitch straft nicht nur Griechenland ab: ganz Europa.
Die fahren Kolonialismus a la american: on the mainstreet with Jesse James.
Das hat mit Business nur noch wenig zu tun: da drüben wollen ein paar ganz heißgekochte Heißfüße es Europa geben, ohne zu ahnen, daß denen China längst schon im Nacken sitzt.

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