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18.07.2011

18:25 Uhr

Schuldenkrise

Märkte verlieren den Glauben in die Politik

Die Politiker Europas und Amerikas suchen einen Ausweg aus der Schuldenkrise - eine Einigkeit ist aber nicht in Sicht. An den Kapitalmärkten herrscht Krisenstimmung: Anleger fliehen in „sichere Häfen“ wie Gold.

An den europäischen Börsen dominieren die roten Verlustzeichen. Quelle: dapd

An den europäischen Börsen dominieren die roten Verlustzeichen.

DüsseldorfDas unentschlossene Handeln der Euro-Staaten im Kampf gegen die Schuldenkrise hat die Märkte am Montag weiter belastet. Die Aktienmärkte bauten ihre Verluste deutlich aus: Der Dax fiel um 1,6 Prozent und ging in der Nähe seines Tagestiefs mit 7.107 Punkten aus dem Handel. Der Eurostoxx50 verlor 1,8 Prozent auf 2.627 Zähler.

Zu der lange schwelenden EU-Staatsschuldenkrise, tritt nun auch verstärkt die US-Haushaltskrise. Wegen dieser ungelösten Probleme und der damit verbundenen Unsicherheit auf den Märkten haben sich die Anleger zu Wochenbeginn massiv von Aktien getrennt.

„Wir sitzen auf einem Berg großer Unsicherheiten, das sollte weiterhin für Nervosität und vor allem Zurückhaltung am Aktienmarkt sorgen“, sagte ein Händler. Die Anleihen europäischer Krisenstaaten rutschten weiter in den Keller und auch der Euro geriet wieder unter Druck. Im Gegenzug steigt die Nachfrage nach als sicher erachteten Anlagen. Der Goldpreis stieg erstmals in der Geschichte über die Marke von 1.600 Dollar je Feinunze.

An der Wall Street herrscht Krisenstimmung: Vor allem die Verluste bei Finanztiteln wie Bank of America und Citigroup zogen die US-Börsen am Montag nach unten. In den Verhandlungen über die Anhebung der US-Schuldengrenze gibt es noch immer keine Anzeichen für eine Annäherung von Republikanern und Demokraten. In Europa suchen Politiker und Experten unterdessen weiter nach einer Lösung der Schuldenkrise.

Dass die Krisen zur selben Zeit kommen, besorge Investoren, sagte Paul Nolte von Dearborn Partners in Chicago. „Es ist schwer zu sagen, ob wir schon den Boden erreicht haben.“ Möglicherweise werden die Sorgen der Investoren in dieser Woche von Quartalszahlen etwas zerstreut. Experten gehen davon aus, dass wichtige Unternehmen vergleichsweise starke Bilanzen vorlegen werden.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte verlor bis Mittag (Ortszeit) 1,4 Prozent auf 12.308 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 gab ebenfalls 1,4 Prozent auf 1297 Zähler ab. Der Index der Technologiebörse Nasdaq fiel um 1,5 Prozent auf 2748 Stellen.

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Besonders deutlich ging es mit Finanzaktien bergab. Bank of America büßten 4,4 Prozent und Citigroup 3,4 Prozent ein. Bei JPMorgan Chase betrug der Kursverlust 2,6 Prozent. Bei den Einzelwerten dürfte an diesem Montag auch International Business Machines (IBM) im Fokus stehen. Der IT-Dienstleister sollte am Abend seine Zahlen vorlegen.

Die Aktie lag am Mittag um 0,9 Prozent im Minus. Die Papiere des in Großbritannien in einen Presse- und Korruptionsskandal verwickelten Medienkonzerns News Corp lagen 4,6 Prozent im Minus. Weitere Schwergewichte wie Goldman Sachs, Bank of America, Apple, General Electric und Coca-Cola präsentieren ihre Quartalsberichte im Laufe der Woche.

Auch in Europa drückte die Sorge vor den südeuropäischen Schuldenländern einmal mehr die Aktien von Banken. Die Ergebnisse des Stresstests für den Sektor, brachten keine Entspannung. Im Gegenteil: Im Deutschen Aktienindex, der mehr als ein Prozent verlor, führten die Papiere von Deutscher Bank und Commerzbank die Verliererliste mit einem Minus von 3,4 bzw. 4,3 Prozent an. Die Ergebnisse der Bankenstresstests seien zwar etwas besser ausgefallen als erwartet, sagte Aktienstratege Jörg Rahn von Marcard, Stein & Co. „Aber das wird die Märkte kaum beruhigen, solange es in Europa und den USA brennt.“

Politiker, Notenbanker und private Gläubiger streiten nach wie vor darüber, wie ein zweites Rettungspaket für Griechenland aussehen könnte. Das Land hat zurzeit 340 Milliarden Euro Schulden und kann diese am Kapitalmarkt angesichts massiv gestiegener Zinsen nicht refinanzieren. Daher braucht es Land dringend neue Finanzhilfen, um einen Zahlungsausfall zu verhindern. Im Gespräch ist ein Hilfspaket von bis zu 120 Milliarden Euro. Vor gut einem Jahr waren IWF und Euro-Staaten dem Land mit einem Notkredit in Höhe von 110 Mrd. Euro eingesprungen.

Ein Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Staaten soll am Donnerstag den Weg aus der Schuldenkrise ebnen. Doch die Hoffnung der Märkte auf eine Lösung wurde am Montag umgehend gedämpft. Nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Gipfel zunächst als zu früh abgelehnt hatte, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert später, der Gipfel werde zwar Eckpunkte für ein zweites Griechenlandpaket bringen, der "große europäische Befreiungsschlag" werde aber nicht gelingen.

Eine Lösung, die einzig auf neue Kredite von Euro-Staaten und IWF aufbaut, wird es diesmal aller Voraussicht nach nicht geben. Die Politik drängt darauf, dass private Gläubiger an den Hilfen beteiligt werden. Das Problem: Ratingagenturen haben bereits signalisiert, dass sie jegliche Maßnahmen, bei denen die Forderungen der Gläubiger beschnitten werden, als Zahlungsausfall werten könnten. Dies könnte das Ansehen Griechenlands an den Märkten endgültig zerstören und auch andere Schuldenstaaten stark in Mitleidenschaft ziehen.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

18.07.2011, 16:39 Uhr

Steinbrück fordert das Ignorieren der Ratingagenturen. Das ist nicht nur illegal, das ist ein klares Bekenntnis zur Vogel-Straß-Politik. Der Markt lässt sich nicht ignorieren! Schon jetzt kauft keiner mehr griechische Anleihen. Liegen heute bei 40 Prozent Zins für 2-jährige. Italiens und Spaniens Anleihezinsen steigen ebenfalls täglich. Portugal ist schon quasi vom Markt genommen und hängt am Tropf der EZB, die selber defakto pleite ist. Welcher Irrsinn treibt diese Leute, dass sie nicht begreifen: Der Euro ist tot. Lasst uns eine geordnete Abwicklung anstreben. Alles andere endet im Chaos!

Account gelöscht!

18.07.2011, 16:48 Uhr

ja, bevor noch richtiges Blut vergossen wird, sollten wir das gesamte Finanzsystem ordentlich abwickeln und einen Neustart wagen. Dazu gehört auch ein weltweiter Schuldenschnitt und eine Enteignung der illegal erworbenen Reichtümer der Notenbanker.

China bekommt Alaska, Deutschland bekommt Rhodos und Mallorca.

josefhirsepp

18.07.2011, 16:58 Uhr

Wie gut dass wir die Rating Agenturen haben. denn nur so koennen VERSICHERER, Naive oder Geldgiriege sich gegen weitere Abenteuer schuetzen, in angeblich todsichere STAATSBONDS zu investieren. LV - Paulicen-Besitzer koennen sich ebenfalls davor schuetzen, weiterhin die Praemien in die Versicherungen zu zahlen, die nun nicht gewinnbringend & sicher angelegt werden, sondern nun dazu vorwiegend benutzt werden, um die ausgefallenen Renditen derjenigen zu kompensieren, deren Versicherungen nun vor Auszahlungen stehen. Ueber dieses Engagement in STAATSBONDS ist quasi jeder Deutsche betroffen, der sich und die Familie finanziell abgesichert hat!
ERGO= also, so geht's nicht weiter....mit regelmaessigen weiteren Zahlungen an die Versicherer. Um dies zu verhindern und weiterhin sichere Renditen aus Lv's zu erzielen, ist quasi die Auflage eines EURO-BONDS unausweichlich!
Denn dann kann der Vericherungsnehmer sich ueber sichere aber hoehere Renditen eine Steuer=rueckfuehrung sichern....
denn nur wer Steuern zahlt hat meist auch eine LV abgeschlossen....STABILISIERUNG auf dem kleinsten gemeinsamem Nenner koennte man das nennen und unser "ERSPARTES"was meist in form einer LV kumuliert wird, bleibt vorerst sicher!
un das Schwarzgeld Deutscher inStitute in Luxembourg ist auch vor dem Verfall gesichert....

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