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14.02.2012

12:00 Uhr

Schuldenkrise

Rating-Urteile verlieren an Schrecken

VonJörg Hackhausen

Eine weitere Ratingagentur teilt gegen die Euro-Staaten aus. Doch die Anleger interessiert das kaum noch. Trotz der Herunterstufung greifen bei sie Anleihen der Schuldenstaaten zu.

DüsseldorfMoody’s stuft sechs europäische Staaten herab. Na und? Was in den vergangenen Monaten noch für ein kleines Erdbeben an den Finanzmärkten gesorgt hätte, juckt heute keinen mehr. Moody's erzählt nichts, was nicht ohnehin jeder weiß. Die Anleger reagieren entspannt - von Schockzustand kann jedenfalls keine Rede sein.

"Die Ratingagenturen hinken der Entwicklung ein bisschen hinterher", sagte Shen Jianguang, Chefvolkswirt für China, Hongkong und Taiwan bei Mizuho Securities Asia. "Die Risiken in Europa sind tatsächlich zurückgegangen. Es gibt vielleicht Sorgen, dass die Sparmaßnahmen der Länder das Wachstum bremsen, aber das ist nicht neu und die Herabstufung sollte nur minimale Auswirkungen auf die Stimmung am Markt haben."

In Frankfurt drehte der Dax am Vormittag ins Plus. Der Euro rutschte kurzzeitig unter 1,32 Dollar, hat sich davon aber wieder erholt.

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Und auch die Anleihen der von Moody’s abgewatschten Staaten ließen sich nichts anmerken - trotz der Herunterstufung griffen die Anleger zu. Eine Auktion von italienischen Staatsanleihen mit drei- und fünfjährigen Laufzeiten über insgesamt rund sechs Milliarden Euro verlief am Dienstag reibungslos. „Das war eine erfolgreiche Auktion, vor allem vor dem Hintergrund der jüngsten Herabstufung“, erklärte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. „Der Markt scheint sich derzeit eher auf die Konjunktur und auf die Entwicklung der Schuldenkrise zu konzentrieren als auf Ratings.“

Die Rendite für zehnjährige Italien-Anleihen sank um zwei Basispunkte auf 5,55 Prozent. Bei spanischen Anleihen kletterte die Rendite um drei Basispunkte auf 5,23 Prozent.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Moody’s hatte am späten Montag den Daumen über Italien, Spanien, Slowenien, der Slowakei, Portugal und Malta. Besonders hart traf es Spanien mit einer Abstufung der Kreditwürdigkeit gleich um zwei Stufen.

Außerdem nahm die Ratingagentur Frankreich und Großbritannien unter verschärfte Beobachtung. Beiden Staaten bescheinigte die Ratingagentur einen „negativen“ Ausblick, bis auf Weiteres dürfen sie ihre Bestnote aber behalten. Deutschland kam gänzlich ungeschoren davon. Die Bundesrepublik wird weiter mit Aaa eingesftuft, ebenso wie Dänemark, Finnland, Luxemburg und die Niederlande.

Kommentare (17)

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denk.mal

14.02.2012, 10:41 Uhr

Wen interessiert denn, was ein Chefvolkswirt für China, Hongkong und Taiwan über Europa sagt? Das ist überflüssige Information.

Teile des Artikels suggerieren auch Unsinniges. Natürlich reagiert der Markt nicht darauf, dass Moody's im Kern dasselbe sagt wie zuvor S&P und Fitch. Aber das liegt nicht an "den Ratingagenturen", sondern am Ablauf.

Wie wäre es, wenn das Handelsblatt zur Abwechslung mal Hintergrundinformation bringt. Beispielsweise wurden 2008 Bilanzierungsregeln aufgeweicht. Das spielt durchaus eine ROlle. Wenn eine Bank eine Anleihe einer anderen Bank als Asset in ihrer Bilanz aufführt, und die andere Bank wird herabgestuft, ist das nicht immer egal.

Aber seitdem die EZB Geld für die Hinterlegung von fast beliebig "gerateten" Anleihen austeilt, verlagert sich das Problem ein bisschen, und zwar an einen Ort, der Aufmerksamkeit verdient.

Resistence

14.02.2012, 11:24 Uhr

Ich glaube, dass man kein Verschwörungstheoretiker zu sein braucht um festzustellen, dass die gezielten amerikanischen Störmanöver, wie "Moppelmann" bereits richtig festgestellt hat, immer kurz nach den "Fortschritten Europas" im Kampf gegen die Schuldenkrise (wie immer die auch in der Praxis aussehen mögen) erfolgen. Die USA und deren Politiker sowie Wirtschaftsführer sind sich seit langem bewusst, dass deren Stern am sinken ist. Soweit ist es mit der Macht der USA nicht mehr her. So wechselt die Führung dort die Strategie, frei nach dem Motto: Wir sind schwach, also machen wir die anderen (Europa) schwächer, womit wir wieder stärker wären als sie. Klingt natürlich paradox, aber auch einleutend. Größe ist nebenbei bemerkt kein Garant für´s Überleben. Auch das Römische Reich ging trotz oder vielleicht gerade deshalb unter. Das Gleiche könnte den USA in den nächsten 20-30 Jahren auch blühen!

Aber kommen wir noch einmal auf den Kern der Verschuldungskrise (und nichts anderes ist dieses globale Schneeball-System ja) zurück. Irgendwann kommen die Gläubiger und wollen ihr eingesetztes Geld plus Zinsertrag sehen! Und 3 x dürfen Sie raten wer die Rechnung bezahlt. Kleiner Tipp: Die Quant´s, Flick´s und andere Reiche werden´s und wollen´s nicht sein!

denk.mal

14.02.2012, 11:40 Uhr

@Resistence

Selbstverständlich ist das Timing der Rating-Agenturen nicht dem Zufall überlassen. Ich finde nur, dass es keinen Sinn macht, das im vorliegenden Fall zu besprechen. Moody's hatte keine Neuigkeiten zu vermelden. Daher war das Timing in diesem Fall völlig unerheblich, und das wussten sogar die Jungs bei Moody's. Insofern sehe ich Ihre und Moppelmanns Argumentation als unzulässigen Umkehrschluss. Denn wie ich bereits mehrfach schrieb, gibt es keinen Fortschritt im Fall Griechenlands zu vermelden. Daher bedurfte es auch keines Überraschungsschlages einer Rating-Agentur.

Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung bezüglich der Dominanz der USA. Schneeballsysteme funktionieren umso besser, je größer ihre Reichweite ist und je abhängiger die Mitspieler von deren Fortbestand sind. Hier hat die Eurozone ganz klar in mehrfacher Hinsicht das Nachsehen. Daher ist die Dominanz des US-Dollar-Systems faktisch vorhanden, nicht nur durch wahrnehmungspsychologische Tricks herbeigeführt. Ich stimme Ihnen voll zu, dass Dominanz relativ ist. Aber am Ende des Tages bleibt es Dominanz.

SIe haben völlig Recht, wenn Sie darlegen, wer die Rechnung bezahlt. Es werden aber noch viele Rechnungen sein, während das System immer wieder an seine Grenze donnert und hierbei Vermögenswerte vernichtet, bevor das Gesamtsystem dann endlich von uns geht.

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