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16.08.2011

15:27 Uhr

Schuldenkrise

„Zwischen Ohnmachtsanfällen und blühendem Leben“

Quelle:Zeit Online

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat mit seinem gefeierten Buch "Das Gespenst des Kapitals" Wirtschaftskrisen beleuchtet. Im Interview spricht er über Aktien, überschuldete Staaten und die Weisheit von Karl Marx.

An den Finanzmärkten ist der Teufel los. Quelle: dapd

An den Finanzmärkten ist der Teufel los.

Herr Vogl, Staatsschulden-Krisen gab es schon immer. In Ihrem letzten Buch zitieren Sie ein Sinnbild, eine Allegorie aus dem 18. Jahrhundert, die den öffentlichen Kredit als eine Jungfrau beschreibt, deren Zustand und Stimmung sich ständig ändert.

Hintergrund ist die Gründung der Bank von England Ende des 17. Jahrhunderts. Sie geht zurück auf eine der typischen Schuldenkrisen des englischen Königshauses. Schuldenkrisen sind ja Gründungsurkunden moderner Staaten. Wegen Kapitalbedarfs hatte der englische König regelmäßig Eigentum der Londoner Kaufleute beschlagnahmt. Unter verschiedensten angedachten Projekten zur Geldschöpfung wurde dann der Vorschlag eines gewissen William Patterson verwirklicht und der fürstliche Diebstahl ganz einfach in einen Vertrag zwischen Schuldner und Gläubiger verwandelt. Aus fiskalischer Verzweiflung entstanden ein neues Institut, die Bank of England, und der öffentliche Kredit. Damit wurde nicht nur das Königshaus finanziert, sondern auch Kapital für Überseehandel und Kolonialgeschäfte besorgt. Und die schwankende Gesundheit dieser »Finanzjungfrau« - zwischen Ohnmachtsanfällen und blühendem Leben - ist der politischen und ökonomischen Verflochtenheit des öffentlichen Kredits geschuldet: Nachrichten über Welt- und Geschäftslagen können das umlaufende Kreditgeld unversehens in Luft und Wind auflösen. Schon damals wusste man, dass das Schicksal von Staaten an Zentralbanken, Geldschöpfung und Kreditgarantien hängt.

Mit der Schaffung des Kredits entsteht ein Finanzmarkt. Heute haben wir das Gefühl eines enormen Missverhältnisses zwischen Finanzökonomie und Realökonomie. Fehlt da ein Gleichgewicht?

Man muss genauer hinsehen: Der Boom der Finanzmärkte begann in den achtziger Jahren, wurde mit neoliberalen Theorien gerechtfertigt und mit politischen Interventionen durchgesetzt. Und er war eng mit der produzierenden Industrie verflochten. Angesichts sinkender Profitraten amerikanischer Unternehmen ging, der Rendite wegen, die Reinvestition von Gewinnen mehr und mehr in spekulative Geschäfte, in Finanzprodukte oder Immobilien. Diese 'Finanzialisierung' wurde durch das Industriekapital angestoßen, die Unterscheidung zwischen Real- und Finanzökonomie ergibt da wenig Sinn.

Aber der Finanzmarkt kann doch seine Renditen am Ende auch nur in der Realwirtschaft erwirtschaften?

Ja und nein. Das Ende des Abkommens von Bretton Woods 1973, floatende Devisenkurse und die damit verbundenen Währungsrisiken schufen die Gelegenheit für neue Finanzinstrumente, für Derivate, für die spekulative Nutzung von Preisschwankungen auf internationalen Kapitalmärkten. Zudem haben relativ stabile Wachstumsprognosen die Investitionen in zinsbringendes Kapital und Aktien besonders lukrativ gemacht. Zwischen 1980 und 2000 ist ja der Dow Jones Industrial von circa 1000 Punkten auf 10000 gestiegen. Finanzmärkte sind zum Modell aller Märkte geworden.

An den Finanzmärkten sind so enorme Renditen zu erwirtschaften, weil sie eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion erfüllen: Sie bringen das Geld dorthin, wo es am produktivsten ist.

Mehr noch: Sie diktieren die Bedingungen für die Restökonomie. Die Expansion der Finanzmärkte war mit der Deregulierung des Arbeitsmarkts, mit der Reduktion von Lohnkosten, mit der Auslagerung von Industrien in Billiglohnländer, mit den rabiaten Strategien von Hedgefonds, mit der Schaffung neuer Märkte für Gesundheit, Bildung und Altersvorsorge verbunden. Die Dynamik des Finanzkapitals hat die Renditeerwartungen für die produzierende Industrie, für Gütermärkte und Dienstleistungen erhöht und die Durchsetzung von Wettbewerbsgesellschaften forciert.

Es gibt aber einen Zusammenhang zwischen dem Erfolg von Silicon Valley und dem der Wall Street.

Ja, jede Expansionsphase ist mit der An- oder Ausrufung einer neuen Ära verbunden. Das waren einmal die New Economy und der Neue Markt, die dann 2000 kollabierten. Man darf nicht vergessen, in den goldenen Jahren dieser neuen Ökonomie, in den neunziger Jahren, glaubte man tatsächlich an ewiges Wachstum, an das Ende der Wirtschaftszyklen, an das Ende der Geschichte überhaupt. Die Liberalisierung der Märkte hat einen eigentümlichen Somnambulismus erzeugt.

Kommentare (10)

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InfoWarrior

16.08.2011, 15:45 Uhr

>>Man könnte aber auch sagen: Die Finanzkrise 2007 war >>nicht nur eine Krise entfesselter Märkte, sondern auch >>eine Krise von zu wenig Wettbewerb: dass nämlich Banken >>nicht in die Insolvenz gehen können wegen ihrer >>Systemrelevanz, Stichwort: too big to fail. Der >>Zusammenhang von Gewinn und Risiko war ausgehebelt, >>deshalb musste der Steuerzahler einspringen.
>>Der Markt selbst hat diese Monopolstrukturen produziert.
Der Markt hat derartige Monopolstrukturen nicht geschaffen sondern der Staat! Nicht der Markt hat Zentralbanken geschaffen, sondern der Staat. Diese sind von Anfang an geschaffen wurden um als Lender of Last Resort zu dienen. Dieses ist notwendig da ein Fiat-Money System NIEMALS in einem freien Markt existieren könnte; da hierbei systematisch Eigentumsrechte missachtet werden.
Der Autor hätte sich vielleicht ein bisschen näher mit Ökonomie beschäftigem als dumm rumzuschwätzen. Kleiner Literaturtipp, versuchen sie es mal mit: Money, Bank Credit, and Economic Cycles von Huerta de Soto, Jesús.
Dann können sie weiterreden. Danke.

Kackbolzen

16.08.2011, 16:45 Uhr

Dieser Mann hat das Geldwesen nicht verstanden. Aber ein schöner Schwall detaillierter Dummheit. Da werden so einige drauf reinfallen!

Moika

16.08.2011, 16:50 Uhr

Sie irren. Der Staat hat diese Monopolstrukturen zwar zugelassen und zuweilen auch gefördert. Geschaffen haben sie die Märkte - wer auch sonst?

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