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06.03.2012

22:44 Uhr

Schuldenschnitt

Athen droht Investoren mit Schockszenario

Wenige Tage vor Ablauf des Anleihentauschs für den Schuldenschnitt, erhöht das griechische Finanzministerium den Druck auf die Gläubiger - die jetzt im schlimmsten Fall alles verlieren könnten.

Ein Demonstrant in Athen, der einen „50-prozentigen (Haar-)schnitt“ fordert. Reuters

Ein Demonstrant in Athen, der einen „50-prozentigen (Haar-)schnitt“ fordert.

DüsseldorfDie griechische Schuldenverwaltung hält den Druck gegenüber Investoren aufrecht, sich am Schuldenschnitt zu beteiligen. Der ist zwar offiziell freiwillig, doch auch der zwanghaften Schuldenschnitt gewinnt im griechischen Finanzministerium Anhänger. Das Wirtschaftsprogramm des Landes sehe keine Zahlung für Investoren vor, die sich nicht am Schuldenschnitt beteiligen wollten, hieß es in einer Mitteilung der Schuldenverwaltung des Landes.

Falls jedoch die Anleihegläubiger die Einführung der Schuldenschnittklauseln blockieren, können diese nicht greifen. Sollte Griechenland eine ausreichende Zustimmung für die Einführung der Klauseln erreichen, werde der Schuldenschnitt zwanghaft für alle Gläubiger, teilte die Agentur mit. Das gilt unter der Voraussetzung, dass 75 bis 90 Prozent dem Schuldenschnitt zustimmen.

Mit Bezugnahme auf ein Treffen mit Gläubigern in Frankfurt am Montag hieß es wörtlich: „Der Vertreter der Republik merkte an, dass Griechenlands Wirtschaftsprogramm nicht die Bereitstellung von Mitteln vorsieht, um Zahlungen an private Gläubiger vorzunehmen, die nicht am Schuldenschnitt teilnehmen wollen.“

Wie der Schuldenschnitt funktioniert

Werden sich die Gläubiger freiwillig am Schuldenschnitt beteiligen?

Dass alle dies tun, ist sehr unwahrscheinlich. Jedenfalls stellen sich die internationalen Finanzkontrolleure von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) laut einem Bericht der „Financial Times Deutschland“ auf einen erzwungenen Umtausch von griechischen Staatsanleihen ein. Entsprechende nachträgliche Klauseln (Collective Action Clauses/CAC), mit denen ein Verzicht privater Gläubiger erzwungen werden kann, hatte das griechische Parlament im Februar beschlossen.

Warum ist dieser Schritt denn umstritten?

Mit der Aktivierung der Zwangsklauseln würde aus der freiwilligen eine unfreiwillige Umschuldung, durch die auch Kreditausfallversicherungen fällig werden könnten. Diese sogenannten Credit Default Swaps (CDS) waren einer der Gründe, warum die Finanzkrise des Jahres 2008 so dramatische Ausmaße angenommen hatte.

Wovon hängt die Aktivierung der Umschuldungsklauseln ab?

Grundsätzlich kann Griechenland den angestrebten freiwilligen Schuldenschnitt auf alle Gläubiger ausweiten, soweit zwei Drittel der Investoren den Umschuldungsklauseln zustimmen. Voraussetzung ist aber ein Quorum, wonach mindestens die Hälfte aller Anleihegläubiger auf das Umschuldungsangebot reagieren müssen, also überhaupt antworten. Grundsätzlich stimmt jeder Gläubiger, der auf das Umschuldungsangebot Athens eingeht, auch den Umschuldungsklauseln zu. Es gibt allerdings die Möglichkeit, das Umschuldungsangebot nicht zu akzeptieren, aber der Aktivierung der Zwangsklauseln zuzustimmen. Von dieser Möglichkeit dürften insbesondere Gläubiger Gebrauch machen, die auf die Auszahlung ihrer Kreditausfallversicherungen spekulieren.

Wie hoch sind die Erfolgsaussichten für die angepeilte Umschuldung?

Im Grunde recht gut, wobei Erfolg oder Misserfolg von bestimmten Quoten abhängt, die Griechenland gesetzt hat. Demnach scheitert der Schuldenschnitt, falls mehr als 25 Prozent der Anleihebesitzer das Umschuldungsangebot Athens und zugleich die CAC-Aktivierung ablehnen. Stimmen hingegen mehr als 75 Prozent der Gläubiger dem Angebot zu, wird es komplizierter: Liegt die Zustimmung unter 90 Prozent, kommt es darauf an, ob sich Griechenland und seine öffentlichen Geldgeber mit der Entlastung durch den Schuldenschnitt zufriedengeben. Stimmen hingegen mehr als 90 Prozent der Gläubiger dem Angebot zu, soll der Schuldenschnitt auf jeden Fall durchgeführt werden.

Welche freiwillige Beteiligung wird erwartet?

Die von Griechenland und seinen öffentlichen Geldgebern anvisierte Zustimmung von mindestens 90 Prozent gilt als sehr hohe Zielmarke, die vermutlich nicht erreicht werden wird. Realistischer ist eine Zustimmung zwischen 75 und 90 Prozent sowohl zum Umschuldungsprogramm als auch zu den CACs. Dann würde die Entscheidung, ob die Umschuldung erfolgt und über die CACs auf alle Gläubiger ausgeweitet wird, letztlich bei Athen und seinen Partner-Staaten liegen. Was passiert, wenn mehr als ein Viertel der Gläubiger ablehnen? In diesem Fall soll die anvisierte geordnete Umschuldung nicht weiter verfolgt werden. Griechenland bliebe die Möglichkeit eines „harten“, ungeordneten Schuldenschnitts. Die Konsequenzen sind aber kaum vorhersehbar, sowohl für Athen als auch für seine Gläubiger. Deshalb gilt dieser Fall unter Experten als unwahrscheinlich.

Welche Entlastung ergibt sich für Athens Schuldenstand?

Liegt die Zustimmung der Investoren über 75 Prozent, geht die italienische Großbank UniCredit von einer Schuldenreduzierung um bis zu 110 Milliarden Euro aus. Dieser Maximalwert wird aber nur dann erreicht, falls Athen die Zwangsklauseln aktiviert und den Schuldenschnitt auf alle privaten Gläubiger ausweitet. Sollten die CACs nicht gezogen werden und es zu einem rein freiwilligen Schuldenerlass kommen, hängt die Schuldenreduktion vom Ausmaß der Beteiligung ab.

Für den Fall, dass der Schuldenschnitt nicht erfolgreich verlaufe - etwa weil zu wenige Investoren den Umschuldungsklauseln zustimmten - müsse die Staatsschuld anders restrukturiert werden, da dann das zweite Rettungspaket durch die öffentlichen Gläubiger gefährdet sei. Damit ist ein unkontrollierter Schuldenschnitt umschrieben.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble rechnet indes mit Zustimmung der Banken zum Schuldenschnitt. „Meine Prognose ist, dass eine hinreichende Mehrheit der Gläubiger dieses Angebot annehmen wird“, sagte Schäuble am Dienstag im Bayerischen Fernsehen. Unter Abwägung aller Risiken sei das Angebot so, dass die meisten es seiner Erwartung nach annehmen werden - auch wenn auch wenn es einen Haircut von 53,5 Prozent vorsieht und niedrigere Zinsen vorschreibt.

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„Wir brauchen eine Mehrheit von Zweidrittel, dann kann Griechenland - und das wird Griechenland tun - durch eine Mehrheitsentscheidung der Gläubiger auch was für die anderen verbindlich machen“. Am Freitagmorgen werde feststehen, ob das Zeil erreicht worden sei, erklärte Schäuble. Insgesamt sollen die privaten Gläubiger auf 107 Milliarden Euro ihrer Forderungen an das hoch verschuldete Mittelmeerland verzichten.

Kommentare (56)

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Account gelöscht!

06.03.2012, 18:38 Uhr

Und wenn sich GR in der Erpreßbarkeit der Privatgläubiger irrt,wird es nie wieder Geld bekommen und das,was es noch hat,auch noch verlieren.

luginsland

06.03.2012, 18:41 Uhr

Lasst sie doch endlich fallen, die Griechen. Sie haben gelogen, um in die EU zu kommen, währenddessen auch und sie werden es weiterhin tun. Sollen sie sich doch künftig selbst belügen. Und der Rest wird es überleben.

Ich

06.03.2012, 19:08 Uhr

Und im Mai 2010 hat diese Zeitung noch groß posaunt "Wir kaufen griechische Staatsanleihen". Dabei waren Eichel, Rürup und Schwenker (CEO Roland Berger).

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