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07.03.2012

13:25 Uhr

Schuldenschnitt auf der Kippe

Der Countdown für Griechenland läuft

VonJörg Hackhausen

Das Drama um Griechenland nähert sich dem Höhepunkt. An den Finanzmärkten macht sich Nervosität breit. Die Banker richten sich auf eine lange Nacht ein. Scheitert der Schuldenschnitt etwa noch?

So reibungslos, wie es die griechische Regierung gerne hätte, wird der Schuldenschnitt nicht über die Bühne gehen. dapd

So reibungslos, wie es die griechische Regierung gerne hätte, wird der Schuldenschnitt nicht über die Bühne gehen.

Nächster Akt im Drama, das den Titel tragen könnte "Griechenlands Untergang oder Rettung": Am Donnerstagabend um 21 Uhr läuft die entscheidende Frist ab. Bis dahin haben die Gläubiger noch Zeit, um zu entscheiden, ob sie beim Schuldenschnitt für Griechenland mitmachen oder nicht. Sie sollen auf Forderungen in Höhe von 100 Milliarden Euro verzichten. Bislang liegt die Quote derjenigen, die sich an dem Schnitt beteiligen, bei 39,3 Prozent, teilte der Internationale Bankenverband IIF am Nachmittag in Paris mit. Die Regierung in Athen will eine Beteiligung von 75 Prozent erreichen. Wie viele der Gläubiger sich tatsächlich beteiligen, und was passiert, wenn es nicht genug sind, kann im Moment niemand mit Sicherheit sagen. Umso mehr machen Gerüchte die Runde – teils sind sie gezielt geschürt.

Die größte Sorge: Sollte der Schuldenschnitt noch auf den letzten Metern scheitern, dann droht im schlimmsten Fall eine unkontrollierte Pleite des Landes. Innerhalb weniger Tage wäre Griechenland zahlungsunfähig. Das würde nicht nur Griechenland in eine tiefe Krise stürzen, sondern die Gläubiger – allen voran die Banken – gleich mit.

Wie der Schuldenschnitt funktioniert

Werden sich die Gläubiger freiwillig am Schuldenschnitt beteiligen?

Dass alle dies tun, ist sehr unwahrscheinlich. Jedenfalls stellen sich die internationalen Finanzkontrolleure von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) laut einem Bericht der „Financial Times Deutschland“ auf einen erzwungenen Umtausch von griechischen Staatsanleihen ein. Entsprechende nachträgliche Klauseln (Collective Action Clauses/CAC), mit denen ein Verzicht privater Gläubiger erzwungen werden kann, hatte das griechische Parlament im Februar beschlossen.

Warum ist dieser Schritt denn umstritten?

Mit der Aktivierung der Zwangsklauseln würde aus der freiwilligen eine unfreiwillige Umschuldung, durch die auch Kreditausfallversicherungen fällig werden könnten. Diese sogenannten Credit Default Swaps (CDS) waren einer der Gründe, warum die Finanzkrise des Jahres 2008 so dramatische Ausmaße angenommen hatte.

Wovon hängt die Aktivierung der Umschuldungsklauseln ab?

Grundsätzlich kann Griechenland den angestrebten freiwilligen Schuldenschnitt auf alle Gläubiger ausweiten, soweit zwei Drittel der Investoren den Umschuldungsklauseln zustimmen. Voraussetzung ist aber ein Quorum, wonach mindestens die Hälfte aller Anleihegläubiger auf das Umschuldungsangebot reagieren müssen, also überhaupt antworten. Grundsätzlich stimmt jeder Gläubiger, der auf das Umschuldungsangebot Athens eingeht, auch den Umschuldungsklauseln zu. Es gibt allerdings die Möglichkeit, das Umschuldungsangebot nicht zu akzeptieren, aber der Aktivierung der Zwangsklauseln zuzustimmen. Von dieser Möglichkeit dürften insbesondere Gläubiger Gebrauch machen, die auf die Auszahlung ihrer Kreditausfallversicherungen spekulieren.

Wie hoch sind die Erfolgsaussichten für die angepeilte Umschuldung?

Im Grunde recht gut, wobei Erfolg oder Misserfolg von bestimmten Quoten abhängt, die Griechenland gesetzt hat. Demnach scheitert der Schuldenschnitt, falls mehr als 25 Prozent der Anleihebesitzer das Umschuldungsangebot Athens und zugleich die CAC-Aktivierung ablehnen. Stimmen hingegen mehr als 75 Prozent der Gläubiger dem Angebot zu, wird es komplizierter: Liegt die Zustimmung unter 90 Prozent, kommt es darauf an, ob sich Griechenland und seine öffentlichen Geldgeber mit der Entlastung durch den Schuldenschnitt zufriedengeben. Stimmen hingegen mehr als 90 Prozent der Gläubiger dem Angebot zu, soll der Schuldenschnitt auf jeden Fall durchgeführt werden.

Welche freiwillige Beteiligung wird erwartet?

Die von Griechenland und seinen öffentlichen Geldgebern anvisierte Zustimmung von mindestens 90 Prozent gilt als sehr hohe Zielmarke, die vermutlich nicht erreicht werden wird. Realistischer ist eine Zustimmung zwischen 75 und 90 Prozent sowohl zum Umschuldungsprogramm als auch zu den CACs. Dann würde die Entscheidung, ob die Umschuldung erfolgt und über die CACs auf alle Gläubiger ausgeweitet wird, letztlich bei Athen und seinen Partner-Staaten liegen. Was passiert, wenn mehr als ein Viertel der Gläubiger ablehnen? In diesem Fall soll die anvisierte geordnete Umschuldung nicht weiter verfolgt werden. Griechenland bliebe die Möglichkeit eines „harten“, ungeordneten Schuldenschnitts. Die Konsequenzen sind aber kaum vorhersehbar, sowohl für Athen als auch für seine Gläubiger. Deshalb gilt dieser Fall unter Experten als unwahrscheinlich.

Welche Entlastung ergibt sich für Athens Schuldenstand?

Liegt die Zustimmung der Investoren über 75 Prozent, geht die italienische Großbank UniCredit von einer Schuldenreduzierung um bis zu 110 Milliarden Euro aus. Dieser Maximalwert wird aber nur dann erreicht, falls Athen die Zwangsklauseln aktiviert und den Schuldenschnitt auf alle privaten Gläubiger ausweitet. Sollten die CACs nicht gezogen werden und es zu einem rein freiwilligen Schuldenerlass kommen, hängt die Schuldenreduktion vom Ausmaß der Beteiligung ab.

An den weltweiten Finanzmärkten macht sich Nervosität breit. Der Dax war am Dienstag um mehr als drei Prozent abgerutscht. Heute erholt er sich wieder. Aber es bleibt eine Zitterpartie. Ein Händler an der Börse in Tokio bringt es auf den Punkt: „Wenn Griechenland den Deal nicht zustande bekommt, dann wäre das der 'game changer'.“

Inzwischen mehren sich die Stimmen, die vor einer ungeordneten Insolvenz warnen. „Unsere Einschätzung, wie der Schuldenschnitt ausgehen wird, hat sich dramatisch gedreht“, sagte Ulrich Schröder, Chef der KfW-Bankengruppe, beim Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Er habe Anzeichen aus dem Markt, nach denen sich bis Donnerstagabend nicht genügend private Gläubiger freiwillig an dem Schuldenschnitt beteiligen könnten.

Auch die Euro-Retter sind besorgt: Im niederländischen Parlament sagte Finanzminister Jan Kees de Jager, die Sorgen über ein mögliches Scheiterns des Plans seien gerechtfertigt. Er könne keine Prognose über den Ausgang abgeben.

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Die griechische Regierung beschwichtigt. Viele Gläubiger hätten sich bereits gemeldet, erklärte ein Mitarbeiter des Finanzministeriums. Eine genaue Zahl wollte er aber nicht nennen. Wenn es nach den Griechen geht, dann hört sich alles ganz einfach an: Entweder stimmen von vornherein genügend Gläubiger dem „freiwilligen“ Schuldenschnitt zu, oder die Widerwilligen werden per Gesetz zum Schuldenschnitt gezwungen.

Insgesamt sollen die Privatgläubiger auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Für 31,5 Prozent des Nennwerts bekommen sie neue griechische Staatsbonds mit Laufzeiten von elf bis 30 Jahren und einem zeitlich gestaffelten Kupon von zwei bis 4,3 Prozent. Die restlichen 15 Prozent werden durch zweijährige Anleihen des Euro-Rettungsfonds EFSF ersetzt. Durch den Verzicht sowie die neuen Konditionen dürfte sich der Verlust der Investoren letztlich in einer Größenordnung von 70 Prozent bewegen.

Doch so reibungslos, wie es die griechische Regierung gerne hätte, wird der Schuldenschnitt nicht über die Bühne gehen.

Kommentare (48)

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sporty

07.03.2012, 12:11 Uhr

Ich hätte mir vom Handelsblatt einmal genauere Zahlen gewünscht.
Es stellt sich doch die Frage, wieviele Staatsanleihen die Banken und Versicherungen noch(!) haben und wieviele die Hedgefonds von Banken, etc. aufgekauft haben und wie sie sich dann mit CDS abgesichert haben und ob die Kreditausfallversicherung mehr wert ist als der Schuldenverzicht.
Ich hoffe, dass die Hedgefonds mit den Kleinanlegern gegen den Schuldenschnitt stimmen und die Großbanken schauen müssen, wie sie klar kommen.
Lieber ein Ende mit Schrecken als weitere Jahre dieses Theater mit Griechenland, etc und Rettungsschirmen zu ertragen!

Macwoiferl

07.03.2012, 12:26 Uhr

Gäääääääääääähn! Jedesmal die gleiche Bibber-Nummer! Bis Donnerstag früh geht die Welt unter. Dann kommt wieder ein großer Rechen-Zampano. Und schwuppdich. Schon sind es sage und schreibe 107 Prozent Beteiligung, freiwillig, lächelnd, sonnig, gutgelaunt. Ob US-Schuldenobergrenze, Troika-Berichte oder Griechenland-Ultimaten - es ist immer dasselbe Spiel! Also, locker bleiben. Alles wird gut - und bleibt langweilig!

melancholiker

07.03.2012, 12:28 Uhr

Es ist mir ein Rätsel, wie sich ein ganzer Kontinent von einem weitgehend korrupten Kleinstaat mit kaum messbarer Wirtschaftsleistung ins Bockshorn jagen lässt!
Jeder weiss, dass Griechenland nie seine Schulden zurückzahlen werden kann, da hierfür die wirtschaftliche Grundlage fehlt und mit weiteren Einsparungen die Wirtschaft gänzlich zum erliegen kommt. Jeder weiss auch, dass Griechenland eine drastisch abgewertete Landeswährung benötigt, um mit seinen wenigen Produkten und geringer Wertschöpfung überhaupt aum Welthandel teilnehmen zu können. Aber die Euromanen wollen GR unbedingt - letztlich gegen dessen Nutzen - im Euro halten, was zwangsläufig den Übergang zu einer massiven Transferunion bedeutet. Wäre man vor 1 Jahr dem weisen Ratschlag der Stammtische gefolgt (dort sitzen nämlich die, die die Werte schaffen - und nicht die blinden Dogmatiker)wäre mit begrenztem Aufwand das Schlimmste schon hinter uns. Aber so wird es ein Schrecken ohne Ende...

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