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09.03.2012

10:47 Uhr

Schuldenschnitt

Griechenland erkämpft Enteignung der Gläubiger

Athen holt zum entscheidenden Schlag aus: Nachdem die Gläubiger dem Schuldenschnitt mit großer Mehrheit zugestimmt haben, werden nun auch die letzten Investoren enteignet. Doch gerettet ist das Land damit nicht.

Griechenland

86 Prozent sagen 'Ja' zu Schuldenschnitt

Griechenland: 86 Prozent sagen 'Ja' zu Schuldenschnitt

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AthenGriechenland kann den Schuldenschnitt durchziehen: Nach Angaben des griechischen Finanzministeriums vom Freitagmorgen lag die Beteiligung privater Gläubiger am Schuldenschnitt bei 85,8 Prozent. Nach Angaben des Finanzministeriums beteiligten sich private Gläubiger, die griechische Anleihen im Wert von 172 Milliarden von insgesamt 206 Milliarden Euro hielten.

Das Ministerium kündigte zugleich an, die Umschuldungsklauseln (CAC) aktivieren zu wollen. Diese erlauben es, weitere Gläubiger zur Teilnahme an der Aktion zu zwingen. Zusammen mit den anderen Anleihen würde die Quote dann insgesamt bei 95,7 Prozent liegen. Das würde 197 der insgesamt 206 Milliarden Euro Anleihevolumen in der Hand privater Gläubiger entsprechen.

Stimmen zum Schuldenschnitt

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim

„Es sieht danach aus, dass die Umschuldungsklauseln CACs rückwirkend kommen werden. Jede Milliarde für Griechenland ist nötig, um ein signifikantes Ergebnis für den Schuldenschnitt zu bekommen. Aber wir dürfen uns keiner Illusion hingegen.
Griechenland wird weiter erhebliche Schwierigkeiten haben, die Vereinbarungen mit EU und IWF einzuhalten. Sie werden davon nur einen Teil erfüllen können. Die Prognosen etwa des IWF halten wir für viel zu optimistisch. Deshalb wird es wahrscheinlich noch ein drittes Paket für Griechenland geben. Mittelfristig muss die Förderung des Wachstums stärker im Fokus stehen.“

Suresh Kumar Ramanathan, Cimb Investment Bank in Kuala Lumpur

„Wir warnen seit zwei Monaten, dass Griechenland kollabieren wird, und genau das beginnt im Moment. Sollte der (Derivate-Verband) ISDA das Ziehen der (Umschuldungsklauseln) CACs als ein Kreditereignis einstufen, dann haben wir einen öffentlichen Hinweis auf eine Pleite Griechenlands. Für die Märkte wird es entscheidend sein, wie viele der CDS nach einer Aktivierung der CACs gezogen werden.“

Sumino Kamei, Bank of Tokio-Mitsubishi UFJ

„Es gibt immer noch viele Unklarheiten über die Details. Wir wissen nicht viel über das Timing und die detaillierten Formalien der CACs und darüber, was mit den CDS passieren wird, wenn die CACs aktiviert werden. Diese Unsicherheit könnte den Euro belasten.“

Yuji Saito, Credit Agricole

„Die Schlagzeilen zu Griechenland entsprechen den Erwartungen. Die wichtige Frage ist nun, ob Griechenland nach den Wahlen im nächsten Monat den vereinbarten Sparkurs beibehält.“

Christian Sschulz, Berenberg Bank

„Für die Kürze der Zeit ist das ein sehr solides Resultat. Das zeigt das große Interesse der Investoren, Griechenland nicht ungeordnet in die Zahlungsunfähigkeit gehen zu lassen. Damit erfüllt Griechenland höchstwahrscheinlich auch die letzte große Bedingung für das zweite Rettungspaket von 130 Milliarden Euro. Der IWF kann dem nun zustimmen. Jetzt kommt es darauf, ob die Regierung in Athen gemeinsam mit europäischen Partnern das Land wieder auf Wachstumskurs bringen kann.“

Lutz Karpowitz, Analyst Commerzbank

„Die ,freiwillige Enteignung' ist unter Dach und Fach. Wie die griechische Regierung heute Morgen bekanntgab, betrug die Zustimmungsquote der Anleihegläubiger 85,8 Prozent. Damit wird nun die Collective Action Clause (CAC) aktiviert werden, die auch die Investoren zwingt teilzunehmen, die nicht zugestimmt haben. Insgesamt nimmt der Markt die Meldung mit Erleichterung auf.
Mit dem gelungenen Schuldenschnitt ist eine weitere Hürde für das nächste griechische Hilfspaket über 130 Milliarden Euro genommen. Dass der Euro von der offiziellen Bekanntgabe des gelungenen Schuldenschnitts nicht profitiert, liegt vor allem an den bereits hohen Erwartungen, deutet aber auch darauf hin, dass die Luft nach den gestrigen Gewinnen raus zu sein scheint.“

Bei dem Schuldenschnitt tauschen private Gläubiger wie Banken, Fonds und Versicherungen ihre alten Staatsanleihen gegen neue Schuldpapiere mit einem geringeren Wert und längeren Laufzeiten von teils bis zu 30 Jahren. Unter dem Strich verzichten sie damit auf bis zu 70 Prozent ihres Geldes.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer, äußerte sich im Deutschlandfunk positiv überrascht von der relativ hohen Beteiligung am Schuldenschnitt. Er selbst habe eine geringere Akzeptanz erwartet. Das Ergebnis sei schon „sehr sehr gut“. Er glaube nicht, dass der Schuldenschnitt nun noch scheitern könne, sagte Kemmer. Aus Sicht des Chefvolkswirts der Commerzbank, Jörg Krämer, liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Zahlungsausfall trotzdem weiter bei über 50 Prozent. „Ich sehe eine Wahrscheinlichkeit von über 50 Prozent, dass eine entnervte Staatengemeinschaft den Geldhahn zudrehen würde“, sollte Griechenland vom angekündigten Sparkurs abweichen, sagte er der Nachrichtenagentur dapd.

Auch Finanzinvestoren rechnen offenbar fest damit, dass Griechenland auch nach dem Schuldentausch seine Verbindlichkeiten nicht bezahlen kann. Neue Papiere mit Laufzeiten bis 2032 und 2042, die am Montag im Rahmen des Schuldentauschs ausgegeben werden sollten, wechselten nach Angaben von Händlern und Reuters-Daten zufolge am Graumarkt für gerade einmal 20 Prozent des Nennwertes den Besitzer. „Dies zeigt, dass der Markt noch immer kein Vertrauen hat, dass Griechenland seine Schulden bedienen kann“, sagte ein Händler. Auf dem Graumarkt können Finanztitel bereits vor ihrem offiziellen Erscheinungstermin gehandelt werden.


Kommentare (32)

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Charly

09.03.2012, 08:13 Uhr

Die westliche Titanic sinkt und die Klavierspieler an den Börsen jubeln schon.

MachteinEnde

09.03.2012, 08:23 Uhr

Nach Angaben des griechischen Finanzministeriums vom Freitagmorgen lag die Beteiligung privater Gläubiger am Schuldenschnitt bei 83,5 Prozent.

Und wir wissen doch alle, die griechische Regierung nimmt Zahlen nicht so genau. Wieso sollte diese Angabe stimmen?

CAC-Einsatz-notwendig

09.03.2012, 08:24 Uhr

Der bisher erreichte "Verzicht" entlastet Griechenland nur zum Teil. Dies weil ein großer Teil der Gläubigerpositionen selbst direkt oder indirekt von Griechenland gehalten wird.
Um den Schuldner wirtschaftlich wieder in ein schiffbares Fahrwasser zu bringen, braucht es die Durchsetzung realer "Verzichte".
Dies wird über die Aktivierung der CAC-Klauseln erreicht.
"Verzicht" ist in Anführungszeichen zu schreiben . Denn die fahrlässige kreditaufnahme durch den Schuldner ist zugleich eine fahrlässige Kreditvergabe durch den Gläubiger.
Wer aber in der Vergangenheit Papiergeld ins Feuer geworfen hat, der "verzichtet" heute nicht auf Rückzahlung - er sieht nur ein, dass das Geld verbrannt ist.

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